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12.04.2016

11:43 Uhr

Böhmermann und die Folgen

Türkischer Reporter wird zum Gespött der Nation

VonOzan Demircan

Die Causa Böhmermann treibt irrwitzige Blüten: Ein türkischer Journalist fährt zur ZDF-Zentrale nach Mainz, um den Sender für das Böhmermann-Gedicht zur Rede zu stellen. Ein Versuch von Aufklärung, der ausartet.

Reporter Mevlüt Yüksel, ZDF-Pressesprecher Alexander Stock und der Übersetzer (von links) vor dem ZDF-Gebäude in Mainz.

Die türkischen Reporter

Reporter Mevlüt Yüksel, ZDF-Pressesprecher Alexander Stock und der Übersetzer (von links) vor dem ZDF-Gebäude in Mainz.

DüsseldorfTagelang haben türkische Medien den Fall Böhmermann übersehen. Jetzt stürzen sie sich darauf. Anlass ist aber weniger der Strafantrag des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Sondern ein Reporter des regierungsnahen Senders A Haber, der in Mainz einen ZDF-Pressesprecher zur Rede stellen wollte. In dem zwölf Minuten langem Beitrag ist zunächst zu sehen, wie Mevlüt Yüksel hektisch auf das Eingangstor des Mainzers Fernsehsenders zugeht und dabei erklärt, dass er „das ZDF zurechtweisen“ werde. Über einen extra eingestellten Dolmetscher sprach Yüksel mit dem ZDF-Pressesprecher Alexander Stock, den Yüksel lediglich als „hoher Vertreter“ des Senders bezeichnet.

Was daraufhin passiert, wirkt schnell grotesk. Weil Yüksel keine Drehgenehmigung hat, um auf dem ZDF-Gelände zu filmen, findet das Gespräch mit dem Pressesprecher auf dem Bürgersteig statt. Yüksel sieht darin eine Einschränkung der deutschen Pressefreiheit. „Seht, wie die Pressefreiheit in Deutschland einzuordnen ist“, brüllt er in sein Mikrofon. „Sie beleidigen und beschimpfen die Türkei, unseren Präsidenten, unser Volk und stehen hier nun vor uns auf unhöflichste Art und Weise.“

Der Komiker Böhmermann hatte in der vor einer Woche ausgestrahlten Folge seiner Satiresendung „Neo Magazin Royale“ Erdogan scharf angegriffen. Der „Schmähgedicht“ genannte Reim, den Böhmermann in der Sendung vortrug, zielte oft unter die Gürtellinie. Der Moderator selbst kündigte die Verse mit den Worten an, er wolle nun einmal zeigen, welche Art von Satire in Deutschland nicht erlaubt sei. Sein Haussender ZDF distanzierte sich anschließend von der Satire und strich sie aus der Mediathek. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft Mainz gegen Böhmermann.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte über ihren Regierungssprecher Steffen Seibert mitteilen lassen, dass sie Böhmermanns Schmähgedicht „bewusst verletzend“ finde. Die türkische Regierung bezeichnete das Erdogan-Gedicht des Satirikers Jan Böhmermann als inakzeptabel und dessen Bestrafung gefordert.

Das Gedicht sei nicht nur eine Beleidigung von Präsident Recep Tayyip Erdogan, sondern von allen 78 Millionen Türken, sagte Vize-Ministerpräsident Numan Kurtulmus am Montag. „Deshalb wollen wir als Republik Türkei natürlich, dass dieser unverschämte Mann im Rahmen der deutschen Gesetze sofort wegen Beleidigung eines Präsidenten bestraft wird.“ Kurtulmus betonte aber, die Türkei wolle „absolut keinen politischen Druck“ auf Deutschland ausüben. Er warf Böhmermann vor, mit dem Gedicht ein „schweres Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ begangen zu haben. Inzwischen stellte Staatspräsident Erdogan persönlich einen Strafantrag in Deutschland.

A-Haber-Reporter Mevlut Yüksel reicht das nicht. Er will das Zweite Deutsche Fernsehen vor der eigenen Haustüre entlarven. Der Sender, für den er arbeitet, gehört zur Turkuvaz-Gruppe. Der Konzern, zu dem auch die türkischen Tageszeitungen Sabah und Takvim sowie Unternehmen aus anderen Sparten gehört, gilt als regierungsnah. Vorstandschef ist Serhat Albayrak – dessen Bruder Berat Albayrak ist Schwiegersohn von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und gleichzeitig Minister für Energie und Bodenschätze in der aktuellen türkischen Regierung. Einer der Kolumnisten von Sabah ist Erdogan-Pressesprecher Ilnur Celik, der regelmäßig in der Zeitung die Politik des Staatschefs „erklärt“.

Kommentare (52)

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Herr Dario Arndt

12.04.2016, 11:57 Uhr

Danke für diesen Beitrag. Sehr gut. Das zeigt sehr gut, wie Meinungsmache der türkischen Regierung augenscheinlich funktioniert. Mit Halbwissen gespickte "Reporter" machen sich auf den Weg und ... am Ende lächerlich. Nur leider nicht vor dem eigenen Volk! Und genau darin liegt das Problem!

Herr Kurt Siegel

12.04.2016, 11:58 Uhr

Das der naive Gutmensch Merkel sich mit diesem Despoten aus der Türkei einläßt zeigt, wie sehr Merkel den Karren in den Dreck gefahren hat; Neuwahlen sind die sauberste Lösung, aber da ist die SPD wohl dagegen, denn bei der kommenden Wahl wird die SPD weniger Stimmen als die AfD erhalten.

Mal sehen wie die Kanzlerin ohne Land zur geforderten Visafreiheit für Türken per Juli entscheidet; wahrscheinlich wird erst einmal eine Arbeitsgruppe gebildet und wie in allen Resorts wird bis zur Wahl 2017 Stillstand eintreten.

Rainer von Horn

12.04.2016, 12:03 Uhr

Ich denke, die Türkei ist reif für einen EU-Beitritt. Politik und Medien sind hochkompatibel.

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