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31.12.2015

21:56 Uhr

Boko Haram und al-Shabaab

Islamistenterror erschüttert weite Teile Afrikas

Sinnesbrüder des Islamischen Staats haben in diesem Jahr Tausende Afrikaner getötet. Während die nigerianische Armee zuletzt Boko Haram zurückdrängen konnte, gewinnt Al-Shabaab an Stärke.

Boko Haram hat im nigerianischen Baga im Januar Hunderte Menschen massakriert. Es war der blutigste Angriff der Terrororganisation in diesem Jahr. AFP

Soldaten in Nigeria

Boko Haram hat im nigerianischen Baga im Januar Hunderte Menschen massakriert. Es war der blutigste Angriff der Terrororganisation in diesem Jahr.

Johannesburg/AbujaÜberall liegen Leichen. Viele Bewohner des nigerianischen Ortes Baga stolpern bei der Flucht über die Toten. Niemand kann zählen, wie viele Menschen die islamistischen Terroristen der Boko Haram im Ort Baga getötet haben. Die sunnitischen Fundamentalisten massakrierten dort in den ersten Januartagen Hunderte Menschen - ihr bislang tödlichster Angriff im Schreckensjahr 2015.

Die Berichte der Überlebenden, die sich über den Tschadsee in das Nachbarland Tschad retten konnten, zeichneten ein Bild unbeschreiblicher Gewalt - und das im Namen Allahs, Gottes. Der Angriff markierte den Beginn eines blutigen Jahres, in dem selbsternannte islamistische Gotteskrieger viele Tausend Menschen in den Staaten Afrikas südlich der Sahara töteten. Arbeitslosigkeit, verbreitete Armut und schwache staatliche Institutionen machen vielerorts vor allem junge Männer anfällig für die Ideologie der Terroristen.

Die berüchtigtste und brutalste Terrorgruppe in Afrika ist Boko Haram, die weltweit mit der Entführung von mehr als 200 überwiegend christlichen Schülerinnen aus dem Ort Chibok 2014 bekannt wurde. Seither terrorisiert die Gruppe den Nordosten Nigerias mit immer neuen Attentaten. Seit Oktober 2014 haben die sunnitischen Fundamentalisten rund 6000 Menschen getötet. Rund 2,5 Millionen Menschen sind vor ihrer Gewalt geflohen.

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Die Bombe explodierte kurz nach dem Abendgebet. Und wie in Paris traf der Terror die Menschen dort, wo sie sich eigentlich sicher fühlen: einen Viehmarkt, eine Moschee, ein Restaurant.

Religiöser Terror betrifft insgesamt nur wenige der rund 50 Länder südlich der Sahara, vor allem die ärmsten Staaten. In Westafrika sind Terroristen vor allem in Mali und der Sahelzone unterwegs. Neben Nigeria sind dort auch die Nachbarstaaten Tschad, Kamerun und Niger betroffen. In Ostafrika sind es Somalia und Kenia.

Aber auch Staaten wie der Senegal, die bislang vom Terror weitgehend verschont blieben, erwägen Vorsichtsmaßnahmen. Die Regierung des überwiegend muslimischen Landes will die islamische Ganzkörperverschleierung von Frauen verbieten. Im Tschad und in Nigeria hatten Selbstmordattentäterinnen den Schleier genutzt, um darunter Sprengsätze zu verstecken. Der ebenfalls mehrheitlich muslimische Tschad erließ dieses Jahr bereits ein solches Verbot. Kamerun untersagte die Ganzkörperverschleierung im Norden nahe der nigerianischen Grenze.

Boko Haram will in Nigeria und angrenzenden Gebieten der Nachbarländer einen „Gottesstaat“ errichten, mit strengster Auslegung des islamischen Rechts, der Scharia. Die Gruppe leistete der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im März einen Treuschwur und firmiert seither als deren westafrikanischer Ableger. Der IS agiert vor allem in Syrien und dem Irak, war aber zum Beispiel auch für die Terroranschläge von Paris im November verantwortlich.

Seit 2009 erstarkte Boko Haram scheinbar ungebremst. Im Frühjahr beherrschte die Organisation Experten zufolge im Nordosten Nigerias ein Gebiet etwa von der Fläche Belgiens. Doch eine Gegenoffensive der Streitkräfte Nigerias hat die Dschihadisten mit Hilfe aus dem Niger, Kamerun und dem Tschad seither zurückgedrängt.

„2015 war ein schlechtes Jahr für Boko Haram“, erklärt Ben Payton, Afrika-Analyst bei der Risikoberatung Verisk Maplecroft. „Sie haben fast alle Gebiete verloren. Und sie haben ihren Nimbus der Unbesiegbarkeit verloren.“ Allerdings sei die Fähigkeit der Terrorgruppe zu tödlichen Anschlägen und Guerilla-Angriffen weiter vorhanden. Auch die in Chibok entführten Mädchen sind immer noch verschollen.

Die Anti-Terror-Strategie der G20

Prävention

Prävention und Abwehr von Terroranschlägen in „verstärkter internationaler Solidarität und Kooperation“.

Zusammenarbeit

Mehr Zusammenarbeit und Informationsaustausch beim Einfrieren der Vermögenswerte von Terroristen.

Bewegungsfreiheit von Terroristen einschränken

Sie werden als Gefahr für die Ursprungs-, Transit- und Zielländer eingestuft. Deshalb Informationsaustausch über die Bewegungen von Terroristen, besserer Grenzschutz, strafrechtliche Verfolgung illegaler Reisen.

Kampf gegen Propaganda

Verbesserte Sicherheit im globalen Luftverkehr, Abwehr der Radikalisierung und Rekrutierung durch Terroristen, Kampf gegen terroristische Propaganda im Internet, Gegenpropaganda

Die Rolle der Vereinten Nationen

Unterstützung der Zivilgesellschaft bei der Abwehr von gewalttätigem Extremismus. Vereinte Nationen sollen zentrale Rolle spielen. Die Staaten sagen zu, im Kampf gegen den Terror internationales Recht und die Uno-Konventionen für Menschen- und Flüchtlingsrechte einzuhalten.

In Mali meldeten sich im November mit Al-Kaida verbündete Islamisten mit einem spektakulären Anschlag zurück. Angreifer brachten ein bei Geschäftsleuten und Diplomaten beliebtes Luxushotel in der Hauptstadt Bamakao unter ihre Kontrolle. Zeitweise waren bis zu 170 Menschen in ihrer Gewalt, rund 20 Geiseln wurden getötet. Rund 10.000 Uno-Blauhelmsoldaten und Polizisten versuchen dabei zu helfen, das Land zu stabilisieren. Bundeswehrsoldaten sollen im Rahmen der Mission im nächsten Jahr auch im volatilen Norden stationiert werden – dem Rückzugsgebiet der Islamisten in der Sahara.

In Somalia im Osten Afrikas wiederum bekämpfen Armee und die rund 22.000 Mann starke internationale Friedenstruppe die islamistische Terrormiliz al-Shabaab. Jedoch mit begrenztem Erfolg. Jedes Jahr werden Hunderte Menschen bei Anschlägen und Angriffen der sunnitischen Fundamentalisten getötet. Schon seit 1991 hat Somalia keine funktionierende Zentralregierung mehr.

Amnesty International zufolge rekrutiert al-Shabaab auch Kindersoldaten und zwingt Mädchen zur Heirat. Aus Gebieten unter der Kontrolle der Miliz gibt es auch Berichte über drakonische Strafen wie Verstümmelungen und Steinigungen. In diesem Jahr gelang den Extremisten erneut ein großer Anschlag in Kenia. Im April töteten sie in Garissa rund 150 überwiegend christliche Studenten. „Al-Shabaab stellt auch weiterhin eine sehr große Gefahr dar“, sagt Payton.

Von

dpa

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