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25.08.2011

21:10 Uhr

Botschaft des Diktators

Gaddafi hetzt gegen „Ratten und Kolonialmächte“

Minister des libyschen Übergangsrats sind in Tripolis eingezogen. Gaddafi bleibt untergetaucht, ruft zum Heiligen Krieg auf. Sorgen bereiten die Giftgasbestände des Diktators. Derweil kommt es offenbar zu Gräueltaten.

Gaddafi ruft zum Marsch auf Tripolis auf

Video: Gaddafi ruft zum Marsch auf Tripolis auf

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TripolisVier Tage nach der Eroberung der Hauptstadt hat die politische Führung der Aufständischen mit der Übernahme der Regierungsgeschäfte begonnen. Unter dem Jubel der Menschen fuhr am Donnerstag mehr als die Hälfte der Minister des Übergangsrates in den Westen der Stadt ein. Derweil rief der untergetauchte Diktator Muammar al-Gaddafi Männer, Frauen und Kinder in einer neuen Audiobotschaft zum Kampf bis zum bitteren Ende auf: „Erlaubt den Ratten nicht, Tripolis an die Kolonialmächte zu übergeben.“ Die Imame in den Moscheen sollten die Jugend zum Heiligen Krieg gegen die Rebellen aufrufen, so Gaddafi. „Vernichtet sie (die Rebellen) schnell. Ihr seid die große Mehrheit“, rief er.

Rebellen feiern den Einzug in Tripolis. dpa

Rebellen feiern den Einzug in Tripolis.

Wo sich Gaddafi versteckt hält, war am Donnerstag weiterhin unklar. "Das Ende kommt erst, wenn er gefangen ist, tot oder lebendig“, sagte der Chef des Übergangsrats der Rebellen, Mustafa Abdel Dschalil. Für ihn und seinen Clan wird es nun aber immer enger. Nachdem bereits ein Kopfgeld auf Gaddafi ausgelobt worden war, hilft jetzt auch die Nato bei der Suche. Berichte von Rebellen, wonach er in einem Gebäudekomplex in Tripolis eingekesselt worden sei, bestätigten sich nicht.

Obwohl in Tripolis weiter gekämpft wird, zeigte sich der Übergangsrat entschlossen, kein Machtvakuum in Libyen aufkommen zu lassen. Als der Konvoi mit den Ressortchefs aus Bengasi in den Westen der Stadt einfuhr, brachen viele Einwohner in Jubel aus. In einer ersten Sitzung erörterten die Minister eine Verbesserung der Sicherheitslage, wie Ölminister Ali al-Tarhuni sagte. „Wir brauchen nicht mehr Truppen, sondern eine bessere Organisation.“ Er bezeichnete die Ankunft in Tripolis als „historischen Moment“. „Ich bin so stolz und glücklich, mir fehlen die Worte“.

Die Jagd geht weiter

Während der Übergangsrat in Tripolis Flagge zeigt, geht die Jagd auf Gaddafi weiter. Die Nato stelle dem Übergangsrat sowohl Geheimdienstinformationen als auch Mittel zur Aufklärung und Erkundung zur Verfügung, sagte der britische Verteidigungsminister Liam Fox dem Sender BBC. Der „Daily Telegraph“ hatte berichtet, eine Spezialeinheit der britischen Armee suche nach Gaddafi und dessen Söhnen. Die Elitesoldaten hätten sich als Einheimische verkleidet.

Für Spekulationen sorgte zur selben Zeit der stundenlange Beschuss eines Wohnblocks in Tripolis, wo ein örtlicher Kommandeur der Rebellen Gaddafi und seine Söhne vermutete. Andere Aufständische vermuten ihn außerhalb der Hauptstadt. „Gaddafi ist nicht in Tripolis. Er ist an einem Ort ungefähr 150 Kilometer von Tripolis entfernt mit einem seiner Söhne“, sagte Atman Ibrahim Mleita, Kommandeur der Rebelleneinheit al-Karkar.

Die 40-jährige Herrschaft Gaddafis in Libyen

1969

Als 27-Jähriger führt Muammar al Gaddafi einen weitgehend friedlichen Putsch an, mit dem die erst seit 1951 bestehende Monarchie gestürzt wird, und etabliert sich bald als unangefochtener Herrscher im Land.

1970

Gaddafi leitet sozialistische Reformen ein, viele Unternehmen werden verstaatlicht.

1979

Gaddafi tritt vom Amt des Generalsekretärs des Allgemeinen Volkskongresses zurück, als „Revolutionsführer“ bleibt er de facto Staatsoberhaupt.

80er Jahre

Gaddafi unterstützt zunehmend Gruppen, die im Westen als terroristisch eingestuft werden, einschließlich der nordirischen IRA sowie radikaler Palästinenserorganisationen. Nach einem Anschlag auf die bei Amerikanern beliebte Diskothek „La Belle“ in Berlin, hinter der das libysche Regime vermutet wird, greifen US-Flugzeuge 1986 Ziele in Libyen an und töten dabei nach Angaben des Regimes die neugeborene Adoptivtochter Gaddafis.

1988

Bei einem Anschlag auf ein Flugzeug über der schottischen Kleinstadt Lockerbie werden 270 Menschen getötet, die meisten von ihnen Amerikaner. Der Verdacht fällt schnell auf Mitarbeiter des libyschen Geheimdienstes. Das Land gerät international zunehmend in die Isolation.

1992

Der UN-Sicherheitsrat verhängt Sanktionen gegen Libyen, weil das Land sich weigert, zwei wegen des Attentats verdächtigte Männer auszuliefern.

1999

Erste Zeichen einer Annäherung an den Westen: Gaddafi schwört dem Terrorismus ab und liefert die beiden Männer aus, die für den Lockerbie-Anschlag verantwortlich gemacht werden.

2001

Einer der beiden wegen des Lockerbie-Anschlags Angeklagten wird in Schottland zu lebenslanger Haft verurteilt, der andere kommt wieder frei.

2003

Libyen übernimmt offiziell die Verantwortung für den Lockerbie-Anschlag. Gaddafi verspricht großzügige Entschädigung für die Angehörigen der Opfer. Zudem erklärt er sich zum Verzicht auf Massenvernichtungswaffen bereit. Der UN-Sicherheitsrat hebt die Sanktionen auf. Gründung der Afrikanischen Union, als deren Initiator Gaddafi gilt.

2004

Mehrere westliche Regierungschefs besuchen Libyen - unter anderen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Gaddafi besucht die EU-Kommission in Brüssel.

2008

Fünf bulgarische Krankenschwestern und ein Arzt palästinensischer Abstammung werden nach achtjähriger Haft in Libyen freigelassen. Sie waren beschuldigt worden, Kinder vorsätzlich mit dem HI-Virus infiziert zu haben. Sie gestanden die Tat unter Folter und wurden zum Tode verurteilt.

2009

Nachdem zunehmend Migranten aus ganz Afrika von Libyen aus mit Booten nach Europa übersetzen, tritt ein erstes Abkommen mit Italien über gemeinsame Meerespatrouillen in Kraft. Der 40. Jahrestag des Putsches wird in Libyen groß gefeiert. Der verurteilte Lockerbie-Attentäter wird wegen einer schweren Erkrankung in Schottland aus der Haft entlassen und in der Heimat als Held empfangen.

2010

Nach fast zwei Jahren Haft in Libyen kommen zwei Schweizer frei. Die beiden Männer waren wegen angeblicher Verstöße gegen Visa-Vorschriften und illegaler Einreise verurteilt worden, nachdem die Schweizer Polizei im Jahr 2008 einen Sohn von Gaddafi festgenommen hatte. Libyen zog außerdem Investitionen aus der Schweiz ab.

Februar 2011

Wie in anderen Ländern der arabischen Welt gehen in Libyen Demonstranten mit Forderungen nach politischen Reformen auf die Straße. Regimetreue Kräfte gehen gewaltsam gegen die Proteste vor und schießen auf friedliche Demonstranten. Wenige Tage später warnt ein Sohn Gaddafis, Saif al Islam, angesichts der Proteste gegen seinen Vater vor einem Bürgerkrieg.

17. März

Der UN-Sicherheitsrat verabschiedet eine Resolution zur Einrichtung einer Flugverbotszone über Libyen. Für den Entwurf stimmen zehn Mitglieder des Gremiums, fünf enthielten sich, darunter Deutschland, Russland und China. Die Resolution ermächtigt die Mitgliedsstaaten, „alle notwendigen Maßnahmen zu treffen“, um die Zivilbevölkerung in dem nordafrikanischen Land vor den Truppen von Machthaber Mummar al Gaddafi zu schützen. Eine Bodenoffensive wird jedoch ausgeschlossen.

18. März

Nur wenige Stunden nach der Verhängung einer Flugverbotszone über Libyen durch den Sicherheitsrat ruft die libysche Regierung nach Aussage von Außenminister Mussa Kussa eine Waffenruhe aus und erklärt die Kampfhandlungen für beendet.

19. März

Beginn der Luftangriffe auf libysche Truppen. Französische Kampfjets fliegen bei Bengasi Einsätze, um ein weiteres Vorrücken der Regierungskräfte auf die Rebellenhochburg zu verhindern.

7. Juni

Der libysche Machthaber kündigt an, „bis zum Tod“ kämpfen zu wollen. In einer im nationalen Fernsehen ausgestrahlten Rede teilt er mit, er werde nicht kapitulieren.

27. Juni

Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag erlässt Haftbefehl gegen Gaddafi, seinen Sohn Saif al Islam und den libyschen Geheimdienstchef Abdullah al Sanussi. Ihnen werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen.

1. Juli

Gaddafi droht mit Anschlägen in Europa, sollte die NATO ihre Luftangriffe gegen sein Regime fortsetzen. Wenn die Angriffe nicht eingestellt würden, „können wir beschließen, euch ähnlich zu behandeln“, erklärt der Diktator in einer vor tausenden Anhängern in Tripolis veröffentlichten Audiobotschaft. „Wenn wir es beschließen, können wir ihn (den Kampf) auch nach Europa bringen.“

22. August

Nach sechsmonatigem Krieg bringen die Rebellen weite Teile der Hauptstadt Tripolis unter ihre Kontrolle. Noch am Vortag hatte Gaddafi die Bewohner von Tripolis zur Verteidigung der Hauptstadt aufgerufen. „Jetzt ist es an der Zeit, für eure Politik, euer Öl, euer Land zu kämpfen“, rief er in einer vom staatlichen Fernsehen gesendeten Audiobotschaft.

10. September

Nach Ablauf eines Ultimatums beginnt der Sturm auf die Gaddafi-Hochburgen Sirte und Bani Walid.

21. September

Die NATO-Staaten verlängert das Mandat für den Libyen-Einsatz bis zum Jahresende.

17. Oktober

Libysche Revolutionsstreitkräfte erobern den Großteil von Bani Walid.

20. Oktober

Nach zunächst unbestätigten Berichten wurde Gaddafi getötet, seine Heimatstadt Sirte wurde erobert.

Der Chef der Übergangsregierung, Mahmud Dschibril, warnte in Mailand vor einer weiteren Destabilisierung seines Landes, falls der Westen nicht schnell die eingefrorenen Gelder des Gaddafi-Clans freigebe. Unter anderem müssten Mitarbeiter im Staatsdienst bezahlt werden, die seit vier Monaten keine Gehälter erhalten hätten.

Staatschefs sagen Unterstützung zu

Italien will zur Unterstützung der libyschen Übergangsregierung zunächst eine erste Tranche in Höhe von 350 Millionen Euro freigeben. Regierungschef Silvio Berlusconi kündigte weiterhin an, der italienische Energiekonzern Eni wolle die Bevölkerung mit Gas und Benzin versorgen.

Kommentare (1)

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Anonyme

25.08.2011, 22:43 Uhr

ES GEHET WIEDER NUR UM ÖL .......... UND DER WESTEN INTERESSIERT AUCH NICHT WELCHER PREIS... KOSTE WAS ES WOLLE...

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