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03.11.2016

20:54 Uhr

Botschaft vom IS-Chef

Al-Baghdadis Durchhalteparolen

Der IS gerät in Mossul weiter unter Druck. Nun hat sich der Chef der Terrormiliz offenbar per Audiobotschaft zu Wort gemeldet. Er fordert die Extremisten auf, Anschläge in Saudi-Arabien und der Türkei zu verüben.

Irakische Milizen bereiten sich auf den Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat vor. dpa

Schlacht um Mossul

Irakische Milizen bereiten sich auf den Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat vor.

MossulIS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi hat nach Angaben der Terrormiliz Islamischer Staat seine Kämpfer zur Verteidigung der umkämpften irakischen Stadt Mossul aufgefordert. Selbstmordattentäter sollten sich in der IS-Hochburg „dem Feind stellen und ihr Blut in Flüsse verwandeln“, heißt es in einer seltenen Audiobotschaft, die in der Nacht zum Donnerstag auf einer IS-Website erschien und von Al-Bagdadi stammen soll.

Die Kämpfer sollten in der Stadt ausharren, auf die irakische Streitkräfte und ihre Verbündeten in einer großen Offensive aus mehreren Richtungen vorrücken. „Macht ihre Tage zu dunklen Nächten“, forderte der selbst ernannte Kalif seine Kämpfer in der mehr als 31-minütigen, predigtartigen Botschaft auf. „Dieser Krieg ist euer Krieg.“ Die Echtheit der Audiobotschaft Al-Bagdadis konnte zunächst nicht unabhängig überprüft werden. Auch ist unbekannt, wo sich der Terrorführer aufhält und von wann die Aufnahme stammt.

Nur wenige Stunden nach der Veröffentlichung der Botschaft drangen irakische Truppen vom Osten her weiter auf das Stadtgebiet von Mossul vor. Das Vorrücken der irakischen Truppen innerhalb Mossuls sei ein „Meilenstein“, twitterte der US-Sonderbeauftragte für die IS-Bekämpfung, Brett McGurk. Die Truppen würden an allen Fronten vorrücken und seien schneller, als der Zeitplan es vorsehe.

Die kurdische Nachrichtenseite Rudaw veröffentlichte Fotos von Männern im Vorort Gogdschali, die sich nach der Befreiung vom IS die unter der Dschihadisten-Herrschaft obligatorischen Bärte abrasieren.

Der IS verstärkte nach Armeeangaben seine Gegenwehr. Dabei setzten die Kämpfer vor allem mit Sprengstoff beladene Autos ein, in denen sich Selbstmordattentäter nahe der Feinde in die Luft sprengen sollen. In der Region um die strategisch wichtige Stadt Tell Afar, an der die Überlandstraße von Mossul in die IS-Gebiete Syriens liegt, seien Autobomben die einzige Waffe, auf die die Dschihadisten setzten, berichtete das Staatsfernsehen. In der Region etwa 80 Kilometer westlich von Mossul versuchen schiitische Milizen, Mossul vom Rest des IS-Herrschaftsgebietes zu isolieren.

Die internationale Anti-IS-Koalition

Welche Länder beteiligen sich?

Nachdem der IS sich im Sommer 2014 in Syrien ausbreitete, beschlossen zehn Länder auf einer Nato-Konferenz ein Bündnis gegen die Terrormiliz. Heute gehören mehr als 60 Staaten zu der Allianz, darunter neben den USA auch Deutschland, Frankreich, Großbritannien und die Türkei. Saudi-Arabien und andere arabische Staaten wie Jordanien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar haben sich dem Bündnis ebenfalls angeschlossen.

Quelle: dpa

Wie geht die Allianz vor?

Derzeit bekämpft die Allianz den IS vor allem in Syrien und im Irak, wenngleich sich der IS auch in Libyen festgesetzt hat. Nach eigenen Angaben hat die Koalition mehr als 12.000 Luftangriffe auf IS-Stellungen geflogen. Die USA bilden im Irak Soldaten der Armee und kurdische Kämpfer aus, Deutschland liefert Waffen und Ausrüstung für kurdische Peschmerga und leistet mit sechs Tornado-Flugzeugen Aufklärungsarbeit.

Welche Erfolge gibt es?

Die Dschihadisten sind in Syrien und im Irak massiv unter Druck geraten. Seit Beginn vergangenen Jahres hat der IS mehr als ein Drittel seines „Kalifat“ genannten Herrschaftsgebietes eingebüßt. Vor allem die Kurden haben den Extremisten mit Hilfe internationaler Luftunterstützung im Norden beider Länder große Gebiete abgenommen. Der irakischen Armee gelang es, den IS aus wichtigen Städten wie Ramadi und Falludscha zu vertreiben. Außerdem haben die Luftschläge die Ölinfrastruktur unter IS-Kontrolle stark zerstört, weshalb die Extremisten laut Analysten unter Finanzproblemen leiden. Dennoch beherrscht der IS noch große Gebiete in Syrien und im Irak.

Welche Rolle spielt die Türkei?

Um die Rolle der Türkei gibt es Streit. Die Türkei stellt seit Sommer vergangenen Jahres ihren Luftwaffenstützpunkt Incirlik der Allianz für den Luftkampf gegen den IS bereit. Ankara hilft auch bei der Ausbildung und hat nach eigenen Angaben kurdische Peschmerga bei der Großoffensive auf Mossul mit Artillerie unterstützt. Die Regierung in Bagdad lehnt eine türkische Militärpräsenz im Irak allerdings ab. Die türkische Führung wiederum weigert sich, ihre Soldaten abzuziehen.

Wann ist Mossul befreit?

Das ist schwer zu sagen, zumal die eigentlichen Kämpfe um die Stadt noch nicht begonnen haben. Bei dem Koalitionstreffen in Paris geht es jedoch schon darum, die politischen Weichen für die Zeit nach dem IS in Mossul zu stellen. Das Gesellschaftsgefüge ist fragil in Iraks zweitgrößter Stadt. Während die meisten Iraker Schiiten sind, ist die Mehrheit der Bevölkerung in Mossul sunnitisch wie der IS. Zudem lebten viele Christen dort. Der sunnitische türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan forderte bereits, dass nach dem Ende der Kämpfe keine Schiiten mehr in der Stadt leben sollten.

Nach Angaben des Kinderhilfswerks Unicef sind seit Beginn der Offensive rund 20.700 Menschen auf der Flucht. Darunter seien etwa 9700 Kinder, teilte die Organisation am Donnerstag mit. Viele Familien kämen völlig erschöpft in den Flüchtlingslagern an.

IS-Extremisten beherrschen die nordirakische Stadt Mossul seit Anfang Juni 2014. Hier trat Al-Bagdadi erstmals als Anführer seines zuvor ausgerufenen „Kalifats“ auf. Heute ist die ehemalige Millionenstadt nach Verlusten die letzte verbliebene IS-Hochburg im Land. Schätzungen zufolge halten sich zwischen 800.000 und mehr als einer Millionen Zivilisten in der Stadt auf. Sie sind Hilfsorganisationen zufolge wegen der Kämpfe und der schlechten Versorgungslage akut bedroht.

Mitte Oktober begann ein Bündnis aus irakischer Armee, kurdischen Peschmerga und lokalen Milizen eine Offensive zur Befreiung von Mossul. Sie greifen die Stadt aus mehreren Richtungen an und konnten mittlerweile im Osten bis in die Außenbereiche Mossuls vordringen. Unterstützt werden sie von Luftangriffen einer US-geführten Militärkoalition.

In der Audiobotschaft sagte Al-Bagdadi zudem, dass die Luftangriffe des US-geführten Bündnisses sowie solche von Russland den Islamischen Staat nicht schwächen würden. Zudem richtete er sich gegen die Türkei, die im August zusammen mit verbündeten Rebellen in Syrien einmarschiert war und den IS aus einigen Gebieten an der Grenze vertrieben hatte. Dem streng konservativen Saudi-Arabien warf er vor, das Königreich in einen säkularen Staat zu verwandeln. Er rief dazu auf, das Land anzugreifen.

Von

dpa

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