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21.06.2013

06:09 Uhr

Brasilien in Aufruhr

Gegen alles und jeden

VonJan D. Walter

Hunderttausende Brasilianer protestieren – in den Städten kommt es zu Straßenschlachten. Doch gegen welche Missstände kämpfen die Demonstranten? Je länger die Protestwelle andauert, desto weniger sind sie sich einig.

Rio de JaneiroUmgeworfene Autos, brennende Geschäfte und blutende Menschen – auch in dieser Nacht ist in Brasilien in Aufruhr. Massendemonstrationen legen die Großstädte lahm. Neben den drei wichtigsten Städten Brasília, São Paulo und Rio de Janeiro trifft es auch Salvador da Bahia, den Spielort des Fifa Confederations Cup, der gerade in Brasilien ausgetragen wird. Noch bevor Uruguay und Nigeria im „Estádio Fonte Nova“ gegeneinander antraten, liefern sich Demonstranten in Salvador da Bahia Straßenschlachten mit der Polizei. Schon am Vortag gab es vor dem Spiel Brasilien gegen Mexiko in Fortaleza zahlreiche Verletzte.

Gegen alles und jeden

Gewalt bei Protesten in Brasilien

Gegen alles und jeden: Gewalt bei Protesten in Brasilien

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Ursprünglich richtete sich der Volkszorn gegen Fahrpreiserhöhung im öffentlichen Nahverkehr. Mittlerweile haben die meisten großen Städte die Preise wieder gesenkt. Doch die Proteste halten an. Und spätestens jetzt ist klar, das es um mehr geht. „Inzwischen hat jeder Demonstrant andere Motive“, sagt Marcelo Feller. Der Strafanwalt ist einer von 1800 brasilianischen Juristen, die willkürlich inhaftierten Demonstranten juristischen Beistand anbieten. Er kennt ihre Positionen gut: „Sie beklagen sich über Korruption, die steigenden Lebenshaltungskosten und staatliches Missmanagement.“ Doch Feller befürchtet, dass die Proteste erfolglos bleiben, wenn sie sich nicht konkretisieren.

Auch Cândido Grybowski, Leiter des renommierten Sozialforschungsinstituts Ibase, berichtet aus Rio de Janeiro über ein breites Spektrum an Klagen: „Schlechte Schulen, mangelhafte Gesundheitsversorgung und ein notorisch überlastetes Transportsystem.“ Dass sich der Volkszorn gerade an den Ticketpreisen für Bus und Bahn entzündet hat, überrascht Grybowski nicht: „Es ist das, worunter die Menschen täglich leiden.“

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Hunderttausende Brasilianer sind erneut gegen soziale Ungerechtigkeit auf die Straße gegangen. Nun will Präsidentin Dilma Rousseff lieber nicht das Land verlassen - trotz eines geplanten Staatsbesuchs.

„Das Verkehrssystem in Brasilien steckt in einer extremen Krise“, analysiert die Urbanistin Raquel Rolnik von der Universität São Paulo. Mit einer wachsenden Bevölkerung und einer historisch niedrigen Arbeitslosenquote von unter sechs Prozent sind immer mehr Menschen täglich auf Mobilität angewiesen. Der Soziologe Grzybowski bestätigt: „Manche Kollegen brauchen heute zur Arbeit zwei Stunden, für denselben Weg haben sie vor fünf Jahren eine Stunde gebraucht.“

„Jahrzehntelang wurde praktisch nur in den Ausbau des Individualverkehrs investiert“, erklärt die Städtebauexpertin Rolnik. „Der Kollektivtransport interessierte die Politik nicht, weil nur die Armen ihn in Anspruch nehmen.“ Doch inzwischen sind die Straßen so verstopft, dass auch die Autos nicht mehr voran kommen. In São Paulo etwa ist die Zahl der Fahrzeug der zehn Millionen Einwohner der Kernstadt seit 2008 von 6 auf 7,5 Millionen gestiegen. Und trotzdem erzählt Anwalt Feller, dass er mit dem Auto noch dreimal so schnell ins Büro kommt als mit Bus und Bahn: 30 Minuten statt 1,5 Stunden.

Kommentare (11)

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kraehendienst

21.06.2013, 07:04 Uhr

Ein gutes Zeichen, dass die Brasilianer die Korruption nicht wollen. In Italien etwa: undenkbar. Offenbar ist die brasilianische Gesellschaft nicht so familiär verbandelt wie das Beispiel Italien. Undenkbar sind solche Proteste hier in Deutschland, (...)

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Account gelöscht!

21.06.2013, 08:16 Uhr

ich hatte es schonmal geschrieben: das FIFA-Kommitee und die brasilianischen zuständigen Behörden passen hervorragend zusammen; charakterlich und das zielorientiert für die eigene Geldbörse tätig. Der Rest interessiert dort nicht.

Viele Menschen erzielen gerade einmal monatliche Einkünften von 800 Reais; bei Preisen auf europäischen Niveau. das fängt bei Mieten an und hört bei Telefon / Kosmetik auf...also Grundbedarfsartikel.

Es ist kein Wunder das dort im Sekundentakt geklaut und überfallen wird. Viel Spaß nächstes Jahr an die Touristen, die dann noch meinen in die Slums wandern zu gehen.


Und unter diesen Umständen eine WM zu veranstalten, ist eine Frechheit.

Livia

21.06.2013, 09:09 Uhr

Das Problem sind nicht die Fahrpreise und -zeiten, sondern der Zwang zur Mobilität!
Man hat Autos erfunden und will sie auch verkaufen - egal ob als Bus oder PKW - und deswegen schafft man Voraussetzungen, die die Menschen dazu zwingen mobil zu sein.
In 7000 Jahren Menschheitsgeschichte kamen die Menschen größtenteils mit wenig Mobilität aus; man hat da gearbeitet, wo man auch gewohnt hat. Das ist auch bei einer industrialisierten Massengesellschaft möglich; denn die Römer konnten es und im 19. und frühen 20.Jh. auch.
Noch zu Zeiten unserer Urgroßeltern gab es viele Menschen die sich zeitlebens nicht mehr als 20km von ihrem Geburts- und Sterbeort entfernen mußten - glückliche Menschen!
Mobilität war in der Vergangenheit gleichbedeutend mit Krieg, Unsicherheit, Chaotischen Zuständen - siehe Völkerwanderungszeit! Sie bedeutet immer Streß und schadet der Gesundheit.
Der diffuse Protest richtet sich dagegen, einen großen Teil seiner Lebenszeit für im Grunde sinnentleerte Wege zu vergeuden! Die Einteilung der Welt in Gewerbe- und Wohngebiete ist recht neu und Blödsinn!
Früher haben die Menschen - wenn es nötig war - auch an Feiertagen gearbeitet und sich nur für den Kirchgang freigenommen, aber es war damals nicht mit WEGEN verbunden! Mobilität mag für den etwas feines sein, der sie auch will - aber nicht als Zwang für alle!
Das ist Hierzulande doch schon so weit, daß ein Universitätsabschluß für die Katz sein kann, wenn man die - privat zu erledigende - Fahrausbildung nicht packt!
Weniger Mobilität ist mehr!!!

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