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07.08.2014

18:03 Uhr

Brasilien profitiert von Sanktionen

Liebesgrüße aus Moskau

VonAlexander Busch

Jahrelang hatten die brasilianischen Bauern keine Chance auf dem russischen Markt. Doch der Zoff mit dem Westen ändert alles. Nun hofiert Kremlchef Putin die Brasilianer – und beschert ihnen den schönsten Tag des Jahres.

Neue Freundschaft: Wladimir Putin und Dilma Rousseff.

Neue Freundschaft: Wladimir Putin und Dilma Rousseff.

São PauloEs sei die schönste Nachricht des Jahres, erklärte Francisco Turra, Präsident der brasilianischen Hühner- und Schweinezüchterverbandes ABPA, als er von den russischen Sanktionen gegen Lebensmittelexporteure aus den USA und Europa hörte. Brasilien sei sofort in der Lage, die 150.000 Tonnen Geflügel nach Russland zu liefern, die bisher von US-Konzernen nach Russland exportiert würden. Nur beim Schweinefleisch könnte es etwas länger dauern, bis Brasilien lieferbereit sei.

Denn wie der Verband wird die gesamte brasilianische Lebensmittelindustrie derzeit völlig überrascht von der plötzlichen Genehmigungsflut aus Russland: 80 Schlachtereien, Milch- und Geflügelproduzenten haben jetzt auf einen Schlag das O.K. für Exporte nach Russland bekommen. Seit Jahren feilscht Brasilien mühselig mit dem Handelspartner um Quoten und sanitäre Auflagen. Russland hatte vor drei Jahren genauso unerwartet Schweinefleischimporte aus Brasilien gesperrt – und sich seitdem trotz aller Bemühungen der Brasilianer unnachgiebig gezeigt, diese zu lockern. „Doch seit Mai hat sich die Stimmung bei den Russen gedreht“, erklärte der brasilianische Landwirtschaftsminister Neri Geller.

Sanktionen – Putin schlägt zurück

Warum greift Putin zu so drastischen Mitteln?

Es ist Putins Retourkutsche auf die westliche Sanktionen. Um Moskau zum Einlenken in der Ukraine-Krise zu zwingen, hatte die EU in der vergangenen Woche erstmals harte Strafmaßnahmen bei Rüstungsgeschäften, Energie und Finanzen beschlossen.

Welche westlichen Produkte sind betroffen?

Regierungschef Dmitri Medwedew präsentierte am Donnerstag in Moskau die mit Spannung erwartete Boykottliste. Die 28 EU-Staaten, die USA, Australien, Kanada und Norwegen dürfen ab sofort kein Fleisch, keine Milchprodukte mehr einführen. Das Verbot gilt für ein Jahr und betrifft auch Obst, Gemüse und Fisch. Schweinefleisch aus Europa stand aber schon seit Ende Januar auf dem Index.

Trifft Putins Bann auch deutsche Markenhersteller?

Ja. Sprudel, Schokolade, Joghurt oder Fertigprodukte „Made in Germany“ werden ebenfalls aus russischen Supermarkt-Regalen genommen.

Wie wichtig ist der russische Markt für die deutsche Agrarindustrie?

Dreiviertel aller deutschen Agrarexporte gehen in die Europäische Union (EU). Russland ist dabei neben der Schweiz und den USA eines der wichtigsten Ausfuhrländer außerhalb der EU - jedoch mit fallender Tendenz. 2013 wurden Agrargüter für rund 1,6 Milliarden Euro dorthin verkauft - rund 14 Prozent weniger als noch 2012.

Was wird nach Russland geliefert?

Gefragt sind Schweinefleisch, Backwaren, Käse und Kakaoprodukte. Schon länger bestehende Einfuhrverbote haben aber tiefe Spuren in der Bilanz hinterlassen. So brach der deutsche Schweinefleisch-Export in den ersten fünf Monaten 2014 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 83 000 Tonnen auf 9000 Tonnen ein, bei Käse halbierte sich die Ausfuhr, so der Bauernverband.

Was passiert mit den europäischen Lebensmitteln nach dem Einfuhrstopp?

Allein griechische Bauern fürchten, auf Erdbeeren, Pfirsichen und Gemüse im Warenwert von 600 Millionen Euro sitzenzubleiben - und fordern Entschädigung aus EU-Töpfen. Auch die Niederlande, Belgien und Frankreich liefern viel Obst und Gemüse nach Russland, das nun auf den europäischen Markt drängt und den Preis drücken könnte, glaubt der Rheinische Bauernverband. Abzuwarten bleibt, ob der Lebensmittel-Einzelhandel das beim Endpreis an die Verbraucher weitergeben würde.

Schneidet sich Russland nicht ins eigene Fleisch?

Moskau wird auf andere Lieferländer ausweichen, etwa mehr Rindfleisch und Geflügel in Lateinamerika einkaufen. Auch dürfte der Kreml auf den Nebeneffekt setzen, die eigene, oft ineffiziente Agrarwirtschaft auf Vordermann zu bringen. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hat da seine Zweifel: „Das schafft man nicht mit einem Fingerschnippen.“ Jens Nagel vom Exportverband BGA meint, die russischen Verbraucher werden die Leidtragenden sein: „Sie werden die Zeche in Form höherer Preise, schlechterer Qualität und geringerer Vielfalt bezahlen müssen.“ Teure westliche Lebensmittel konnten sich Normalverdiener aber sowieso kaum leisten.

Gefährdet die Sanktionsspirale den Aufschwung?

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hält daran fest, dass die deutsche Wirtschaft trotz der Krisen in der Ukraine und Nahost 2014 um 1,8 Prozent zulegen kann. Viele Ökonomen erwarten aber einen Dämpfer. Russland ist ein lukrativer Markt, der an den Gesamtexporten von über einer Billion Euro aber nur einen Anteil von 3,3 Prozent hat. Wegen der Ukraine-Krise büßten deutsche Unternehmen von Januar bis Mai in Russland rund 2,2 Milliarden Euro Umsatz ein.

Über Nacht hätten die Russen ihre Widerstände gegen brasilianische Lebensmittelexporte aufgegeben. Bereits im Juni erhielten fünf große Fleischproduzenten Brasiliens Exportlizenzen für den russischen Markt. Die Fleischexporte nach Russland haben sich seit März verdoppelt. Rund 300 Millionen Dollar könnten Brasiliens Hühnermäster kurzfristig durch die Hühnerschlegelexporte mehr einnehmen.

Sanktionen

Handelskrieg zwischen Russland und dem Westen

Sanktionen: Handelskrieg zwischen Russland und dem Westen

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Russlands Präsident Wladimir Putin hatte am Mittwoch als Reaktion auf die westlichen Sanktionen Einfuhrverbote für Agrarprodukte aus den USA und den Ländern der Europäischen Union angeordnet. Dimitri Medwedew sagte: „Wir haben bis zum letzten Augenblick gehofft, dass unsere ausländischen Kollegen begreifen, dass Sanktionen in eine Sackgasse führen.“ Jetzt müsse Russland reagieren. Die Importe – Fleisch, Fisch, Milch, Milchprodukten, Obst und Gemüse – sollten für bis zu einem Jahr verboten werden. Stattdessen will Moskau nun Lebensmittel aus der Türkei, ehemaligen Sowjetrepubliken und Lateinamerika importieren.

Kommentare (23)

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Herr Thomas Albers

07.08.2014, 19:19 Uhr

"Der eurasische Raum ist die Zukunft"

Ich glaube immer noch, dass Blockbildung in einer globalisierten Welt gar nicht tragfähig ist. Die Ära, in der solche Modelle funktionierten ist schon seit den 90ern vorbei. Wir alle sind so verzahnt, dass so etwas scheitern *muss*.

Herr Holger van Husen

07.08.2014, 19:19 Uhr

Sehr schöne Reaktion. Es freut mich, dass die Sanktionen die richigen treffen. Manchmal wird die Dummheit der deutschen und US Politiker eben doch bestraft.

elly müller

07.08.2014, 19:20 Uhr

Also ich bin dafür nicht immer in ein Jammertal zu fallen!

Wir Deutschen haben wirklich keinen Humor und keinen Ar.. in der Hose! Ständig jammern, das nervt!

Na und, dann gibt es neue Märkte und übrigens müssen wir dann nicht aus China das verseuchte Obst zu Marmelade verarbeiten, oder Apfelmus, oder.....

Wir haben vor der Handelsbeziehung mit Russland gut gelebt und wir werden auch weiter gut leben!!!!

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