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01.08.2015

15:15 Uhr

Brasilien-Reise

Merkels Atomkraft-Paradox

Die Grünen werden Merkels Brasilien-Reise genau verfolgen. Denn Deutschland hilft Brasilien beim Bau von Atomanlagen. Die Kanzlerin hingegen wird wohl für die Energiewende werben – und vermutlich auf Widerstand stoßen.

Der Bau des Atomkraftwerks im brasilianischen Angra dos Reis. dpa

Brasilien - Atomkraft da Alemanha

Der Bau des Atomkraftwerks im brasilianischen Angra dos Reis.

Angra dos ReisDie Affen hier mögen die Atomkraft. So viele Stromleitungen, die sie entlang hangeln können. Der strahlend weiße Reaktor eingerahmt von drei Palmen. Gebirgige Inseln im Meer, eine Traumbucht, mitten in den Tropen. Doch Abkühlung verspricht hier nur das Abklingbecken. Im Leitstand geht es recht entspannt zu, Telefone, Knöpfe und Armaturen erinnern an die 80er Jahre. Willkommen im AKW Angra, Stolz der Brasilianer. In der Turbinenhalle hängt eine riesige Nationalflagge: „Saubere Energie für den Fortschritt“, steht drunter.

An der Costa Verde, 190 Kilometer südwestlich von Rio de Janeiro, schlängelt sich die malerische Küstenstraße bergauf, bergab, bis unten in der Bucht vor türkisfarbenem Meer die weiße Reaktorkuppel zwischen dem Regenwald durchschimmert. Zigtausende Liter Kühlwasser werden jeden Tag aus dem Meer gepumpt. Ein Sicherheitskordon versucht Unliebsames wie Schildkröten abzuhalten. Es ist die Kopie eines alten deutschen Meilers: des Druckwasserreaktors Grafenrheinfeld in Bayern.

Der ist gerade stillgelegt worden. Hier bauen sie hingegen neben der Anlage Angra 2 (Leistung: 1350 Megawatt) nun auch den technisch ähnlichen Reaktor Angra 3 (1405 MW), teils mit 70er-Jahre Technik aus Deutschland, für mindestens vier Milliarden Euro. Der Nuklearexperte Francisco Corrêa kritisiert: „Angra 3 erfüllt noch nicht einmal alle Sicherheitsbestimmungen seines Referenzreaktors Grafenrheinfeld in Deutschland.“ So werde der Sicherheitsbehälter nur halb so dick sein – ein großes Risiko bei Wasserstoffexplosionen oder Flugzeugabstürzen.

Die Klimapolitik der Bundesländer

Rheinland-Pfalz

Mit Rheinland-Pfalz gibt sich das dritte Bundesland ein Klimaschutzgesetz mit festen CO2-Einsparzielen – nach Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg.

Hamburg

...hat bereits seit 1997 ein Klimaschutzgesetz, das Maßnahmen zum Energiesparen, aber kein eigenes Klimaziel formuliert. Mit einem „Masterplan Klimaschutz“ von 2013 sollen die nationalen Ziele umgesetzt werden.

Berlin

...will bis 2050 klimaneutral werden. Ein Energiewendegesetz liegt im Entwurf vor. Es sieht CO2-Minderungsziele bis 2020 (-40%), 2030 (-60%) und 2050 (-85%) vor (zu 1990) und soll noch in diesem Jahr Senat und Abgeordnetenhaus passieren.

Bremen

...soll Anfang 2015 ein Klimaschutzgesetz bekommen. Im Entwurf steht, dass der CO2-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent sinkt (zu 1990).

Niedersachsen

...hier will Rot-Grün bis „Mitte der Legislatur“ (2015) ein Gesetz vorlegen, die Vorarbeiten laufen. Die Regierung arbeitet auch an einem Klimaziel, ein Runder Tisch soll bis zum ersten Quartal 2015 Ergebnisse liefern.

Schleswig-Holstein

...prüft derzeit das Für und Wider eines eigenen Energiewende- und Klimaschutzgesetzes. Kabinett und Landtag sollen Ende 2014 eine Empfehlung abgeben.

Bayern

...will die jährlichen CO2-Emissionen bis 2020 auf deutlich unter sechs Tonnen pro Einwohner reduzieren. Der Ökostromanteil (Verbrauch) soll bis 2021 auf 50 Prozent steigen.

Sachsen

...hat in einem „Energie- und Klimaprogramm“ festgelegt, dass der jährliche CO2-Ausstoß des Nicht-Emissionshandelssektors bis 2020 um 25 Prozent gegenüber 2009 sinken soll.

Brandenburg

...hat 2012 eine „Energiestrategie 2030“ beschlossen, die festschreibt, dass der CO2-Ausstoß bis dahin um 72 Prozent gesenkt werden soll (zu 1990). Mit einem Vorstoß für ein eigenständiges Gesetz scheiterten die Grünen dieses Jahr im Landtag.

Thüringen

...hier fiel ein Klimaschutzgesetz der Grünen im Juni im Landtag durch. Verschiedene Ziele zur Energieeffizienz und zum Ausbau der erneuerbaren Energien sollen aber helfen, den Treibhausgas-Austoß im Vergleich zu 2010 bis 2020 um 10 Prozent zu reduzieren.

Hessen

...hier hat sich Schwarz-Grün im Koalitionsvertrag generell auf Klimaziele verständigt. Diese sollen eher nicht mit einem Gesetz, sondern in einem Konzept mit Einzelmaßnahmen umgesetzt werden.

Mecklenburg-Vorpommern

...feilt an einem Landesenergiekonzept, das auf erneuerbare Energien setzt. Vorläufer sind ein Klimaschutzkonzept (1997) und ein Aktionsplan Klimaschutz (2010).

Saarland

...hat ein Klimaschutzkonzept von 2008 und will 20 Prozent des eigenen Stromverbrauchs bis 2020 aus erneuerbaren Energien decken. Ein Einsparziel gibt es nicht. Der Landtag will aber prüfen lassen, ob ein eigenes Klimaschutzgesetz lohnt.

Sachsen-Anhalt

...hält ein solches Gesetz für „überflüssig und kontraproduktiv“ und sieht keinen Sinn in einem Landes-Klimaziel. Das Umweltministerium verweist auf die Erfolge beim Ausbau der erneuerbaren Energien und bei der Reduktion des CO2-Ausstoßes.

Bis zu 2500 Arbeiter wuseln auf der Baustelle für den dritten brasilianischen Atommeiler herum – es gibt hier neben Angra 2 noch Angra 1, einen kleinen Altreaktor mit US-Technik (640 MW). Teile der AKW-Belegschaft werden in Essen für Krisenfälle geschult. Knapp drei Prozent des Bedarfs werden erst mit Atomstrom gedeckt, Angra versorgt vor allem Rio. Die Ingenieure vertrauen der Technik „da Alemanha“. Und setzen auf weitere Meiler, auch wenn das keine Erfolgsgeschichte bisher ist. Aber Brasilien verfügt über umfangreiche Uranvorkommen.

Doch wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 19. August mit einem Großteil ihres Kabinetts zu den ersten Regierungskonsultationen nach Brasilien kommt, dürfte sie eher für mehr Wind- und Solarstrom werben. Zumal die Grünen zu Hause ständig Ärger machen wegen Angra.

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