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27.01.2012

15:43 Uhr

Brasilien und EZB

Draghi und Rousseff warnen vor Europas Sparkurs

EZB-Chef Mario Draghi und Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff haben die EU vor einem zu rigiden Sparkurs gewarnt. Die brasilianische Staatschefin sieht gescheiterte Rezepte bei der Bewältigung der Krise am Werk.

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff sieht die EU auf dem falschen Weg. AFP

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff sieht die EU auf dem falschen Weg.

Davos/Porto AlegreWährend Bundeskanzlerin Angela Merkel auf einen eisernen Sparkurs zur Lösung der EU-Schuldenkrise vertraut, sieht EZB-Chef Mario Draghi genau darin ein Problem und warnt vor den Auswirkungen im Euroraum: Haushaltskonsolidierung führe zu Schrumpfungsprozessen. „Viele der betroffenen Länder wachsen nicht", sagte Draghi in Davos.

Beim Sozialforum vor Globalisierungskritikern in Porto Alegre stößt Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff ins gleiche Horn. Rousseff warnt die Regierungen in Europa eindringlich davor, zur Bewältigung der Krise auf bereits „gescheiterte Rezepte“ zu setzen. In den 1980er und 1990er Jahren seien die Länder Lateinamerikas in ein konservatives Modell getrieben worden, das in Brasilien zu Stagnation, mehr Armut, Arbeitslosigkeit und sozialer Ausgrenzung geführt hätten. „Heute werden diese gescheiterten Rezepte in Europa vorgeschlagen“, sagte Rousseff.

Die Chronologie des Euro

1. Juli 1987

Das Ziel Währungsunion wird im EG-Vertrag verankert.

7. Februar 1992

Unterzeichnung des EU-Vertrages von Maastricht, der die Währungsunion bis 1999 vorsieht und Beitrittskriterien festlegt.

1. November 1993

Ratifizierung des Maastricht-Vertrages. Aus den Europäischen Gemeinschaften (EG) wird die Europäische Union (EU). Dezember 1995: Als Einheiten der neuen Währung werden Euro und Cent festgelegt.

16. und 17. Juni 1997

Verabschiedung des Stabilitäts- und Wachstumspakts in Amsterdam. Einigung auf die „europäische Seite“ für die Münzen.

25. März 1998

Die EU-Kommission und das Europäische Währungsinstitut (EWI), Vorläufer der Europäischen Zentralbank (EZB) empfehlen elf Länder für den Start der Währungsunion. Außen vor bleiben aus freien Stücken Großbritannien, Dänemark, Schweden sowie Griechenland, das die Kriterien noch nicht erfüllt.

1. bis 3. Mai 1998

Ein Sondergipfel der EU-Gremien gibt in Brüssel grünes Licht für den Euro. Die Staats- und Regierungschefs bestimmen den 1. Januar 1999 als Start der Währungsunion.

31. Dezember 1998

Die Wirtschafts- und Finanzminister der EU legen den Umrechnungskurs des Euro zu den elf Teilnehmerwährungen endgültig fest. Danach ist ein Euro 1,95583 D-Mark wert.

1. Januar 1999

Der Euro wird gemeinsame Währung der elf Länder. In Euro bezahlt werden kann per Scheck, Kredit- oder EC-Karte. Das alte nationale Geld bleibt noch das allein gültige Zahlungsmittel.

4. Januar 1999

Die Finanzmärkte nehmen den Handel mit Euro auf.

Juli 1999

Die Herstellung des neuen Bargelds läuft an.

1. Januar 2001

Griechenland wird nach Erfüllung der Beitrittskriterien zwölftes Euroland-Mitglied - allerdings mit frisierten Haushaltszahlen, wie sich später herausstellt.

1. September 2001

Beginn der Ausgabe von Noten und Münzen an Banken und Handel.

1. Januar 2002

Der Euro wird gesetzliches Zahlungsmittel.

1. März 2002

Die D-Mark verliert ihre Gültigkeit, kann aber weiterhin gegen Euro eingetauscht werden.

1. Mai 2004

Zehn Länder in Mittel- und Osteuropa sowie im Mittelmeerraum werden neue EU-Mitglieder. Sie müssen die Gemeinschaftswährung übernehmen, sobald sie die Konvergenzkriterien erfüllen.

1. Januar 2007

Als erster der neuen EU-Staaten wird Slowenien 13. Mitgliedsland der Euro-Zone. Ein Beitrittsgesuch Litauens wird hingegen von der EU-Kommission wegen überhöhter Inflation abgelehnt.

1. Januar 2008

Malta und die Republik Zypern führen den Euro ein.

1. Januar 2009

Die Slowakei führt den Euro ein.

Frühjahr 2010

Griechenland kommt in immer größere Finanznöte und muss als erstes Euroland Milliardenhilfen beantragen. Damit nimmt eine Schuldenkrise ihren Lauf, die sich trotz neuer Milliarden-Hilfspakete auch für Irland und Portugal bis Ende 2011 dramatisch verschärft.

1. Januar 2011

Zum Auftakt des schlimmsten Krisenjahres führt Estland den Euro ein - als erste frühere Sowjetrepublik. Damit leben gut 330 Millionen Menschen im Euro-Raum mit 17 Mitgliedsländern.

April 2011

Nach einem Hilferuf aus Lissabon setzt die EU ein Rettungspaket für Portugal in Gang. Höhe: Rund 80 Milliarden Euro. Schäuble sieht die Gefahr einer Ausbreitung der Krise zunächst als gebannt an: „Die Ansteckungsgefahr ist geringer geworden.“

Sommer 2011

Athen beantragt ein zweites Hilfspaket. Es beläuft sich schließlich auf 159 Milliarden Euro. Erstmals beteiligen sich auch private Gläubiger Athens, ihr Anteil beträgt rund 50 Milliarden Euro.

Herbst 2011

Nach einem Doppelgipfel beschließen die Euro-Länder das bislang dickste Paket zur Eindämmung der Krise: Griechenlands Schulden werden um 50 Prozent gekappt. Das im Juli beschlossene 109-Milliarden-Programm wird modifiziert: Nun soll es zusätzliche öffentliche Hilfen von 100 Milliarden Euro geben, sowie Garantien von 30 Milliarden Euro, mit denen der Schuldenschnitt begleitet wird. Die Schlagkraft der EFSF soll auf rund eine Billion Euro erhöht werden. Zudem müssen Europas Banken ihr Kapital um mehr als 100 Milliarden Euro aufstocken.

Frühjahr 2012

Die Eurogruppe einigt sich auf eine Stärkung ihrer Rettungsschirme auf maximal 800 Milliarden Euro. Die spanische Regierung beschließt das größte Sparpaket seit Wiedereinführung der Demokratie im Jahr 1977 in Höhe von 27 Milliarden Euro.

Sommer 2012

Nach langem Zögern flüchten Spanien und auch Zypern unter den Euro-Rettungsschirm. Der Finanzierungsbedarf beider Länder zur Rekapitalisierung ihres Bankensektors ist noch unklar.

1. Januar 2017

Der Euro wird 15 Jahre alt. Doch es gibt wenig zu feiert. In der großen Koalition wächst die Sorge vor einer neuen Euro-Krise - und das ausgerechnet im Wahljahr 2017. Die Krisenherde: Italien, Griechenland, Portugal und Frankreich. Die gute Lage in Deutschland gilt dagegen unter Experten als Sonderfall.

„Es ist nicht leicht, neue Ideen und Alternativen zu finden, wenn wir von politischen und ideologischen Vorurteilen beherrscht werden“, betonte die Staatschefin bei dem Treffen, das eine regionale Veranstaltung des Weltsozialforums ist. Sie verwies auf weltweite soziale Proteste wie etwa „Occupy Wall Street“ und zitierte das zentrale Motto der Globalisierungsgegner: „Eine andere Welt ist möglich.“ Die Dissonanz zwischen der „Stimme der Straße“ und den Märkten werde in den entwickelten Ländern immer größer.

Und EZB-Präsident Draghi geht nicht davon aus, dass die Schuldenkrise mit all ihren Konsequenzen nicht schnell vorüber sein wird. „Die Risikoaufschläge der europäischen Krisenstaaten könnten noch für längere Zeit auf erhöhtem Niveau verharren“, sagte er. Wobei die umfangreichen Liquiditätsspritzen der EZB nach Ansicht von Notenbankchef Mario Draghi noch nicht in der Wirtschaft angekommen. sind „Wir haben noch keine Hinweise darauf. Wir müssen abwarten“, sagte Draghi auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Zwar sei inzwischen klar, dass die EZB durch die massive Bereitstellung von Liquidität eine schwere Kreditklemme verhindert habe. Allerdings treffe dies nur für einige Teile der Euro-Zone zu. „In manchen Regionen läuft die Kreditvergabe mehr oder weniger normal, in anderen ist sie schwer gestört.“

Die EZB hatte den Banken vor Weihnachten erstmals für drei Jahre Zentralbankgeld zur Verfügung gestellt. Diese bedienten sich in großem Stil und riefen fast eine halbe Billion Euro bei der Europäischen Zentralbank (EZB) ab. Zusätzlich halbierte die EZB ihre Mindestreserveanforderungen an die Banken - alleine diese Maßnahme bescherte den Instituten gut 100 Milliarden Euro an zusätzlichem Geld.

Draghi lobte Fortschritte bei der Stabilisierung des europäischen Bankensektors. „Die Banken sind heute besser kapitalisiert und immuner gegen die Perversionen, die die Krise verursacht hat“, sagte Draghi. Die Risikopuffer seien heute sehr viel wirksamer. „Die letzten zwei Jahren waren ja alles andere als ruhig - aber das Finanzsystem hat sich als stabil erwiesen.“

Kommentare (17)

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27.01.2012, 16:20 Uhr

Draghi moechte drucken und drucken. Er spricht von Schrumpfung. Ich sehe da auch Schrumpfung, aber unter seiner Schaedeldecke. Obwohl dies unhoeflich ist, kann man es nicht mehr anders formulieren. Man koennte jemanden Milliarden in die Hand geben, aber er wuerde nie Google, IBM, Apple oder was auch immer schaffen. Er wuerde es sehr wahrscheinlich einfach verschwenden.

Aus meiner Sicht ist es mehr als ueberfaellig, dass dieser naive Draghi wieder nach Italien geschickt wird. Der Typ versteht nicht mal die Grundsaetze der Wirtschaft.

Account gelöscht!

27.01.2012, 16:46 Uhr

"„Viele der betroffenen Länder wachsen nicht", sagte Draghi in Davos. "

Und so ein Quacksalber, der (organisches) echtes Wachstum nicht von gedopt-inflationärem Aufblasen unterscheiden kann, ist nun die Stabilität meiner Rente anvertraut. Ein Fest soll es geben an dem Tag an dem er samt seiner Betrugsbank abtritt.

Auf die Idee, dass genug Geld da ist, nur eben -aufgrund von Demokratiedefiziten in der Wirtschaft- merkwürdig verteilt, kommt er nicht und druckt und druckt und druckt lieber bis die Falschgeldpressen glühen. Man sollte den Typ Mr. Drucki nennen.

Account gelöscht!

27.01.2012, 16:48 Uhr

Wir brauchen keinen Dragi und noch viel weniger den Euro. Die Krise kann am besten bewältigt werden, wenn jedes Land seine eigene Währung hat und so den Import und Export selber kontrollieren kann. Dadurch wäre dann sparen und investieren möglich. Im anderen Fall siehe Griechenland, würde sich Griechenland mit dem deutschen Sparprogrammen Kaput sparen. So einfach ist das. - Weg mit dem Wahnsinn, weg mit dem Euro und jedem Land die eigene Freiheit lassen. Bestes Beispiel, Schweden. -Schweden hatte nach fünf Jahren seine Pleite überwunden und die Wirtschaft lief wie geschmiert, mit dem deutschen Sparprogramm und dem Euro, hätte es Schweden nie geschafft. Oder Bremen und Saarland, die nach wie vor am Tropf hängen. Während New York aus seiner Pleite ohne Hilfen aus dem Bankrott vor 20 Jahren kam. Dank Präsident Carter der gegen eine Hilfe für New York war. New York schaffte es wie Schweden in nur fünf Jahren. Japan setzte auf Subventionen und Geldrucken, wie Europa und Amerika und ist seit 20 Jahren noch immer nicht aus der Krise. Ich verstehe einfach nicht, diese maßlose Dummheit und Machtbesessenheit dieser Politiker, die aus der Geschichte nicht lernen wollen.

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