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06.07.2013

15:01 Uhr

Brasilien und seine Proteste

Das gespaltene Land

VonDésirée Linde

Korruption, Ungleichheit, explodierende Preise: Millionen Brasilianer sind unzufrieden wegen der Zustände in ihrem Land. Zwar haben sich die Protestler beruhigt, aber niemand weiß, wie lange noch. Ein Stimmungsbericht.

Hunderttausende trieb die Ungleichheit auf die Straße. dpa

Hunderttausende trieb die Ungleichheit auf die Straße.

Rio de JaneiroBernardo Morares sucht nach Antworten. „Ich habe keine“, sagt er, hebt die Arme und lacht kopfschüttelnd auf. Er versteht selbst nicht, was in seiner Heimat gerade passiert, wie die Protestwelle in den vergangenen Wochen so anschwellen und das ganze Land erfassen konnte. Warum gerade jetzt und warum gerade die Erhöhung der Bustickets um umgerechnet sieben Cent der letzte Funke war, der den brasilianischen Flächenbrand auslöste - Bernardo weiß es nicht. Klar ist: Diese Welle riss auch ihn mit, einen besonnenen, ernst dreinblickenden 19-Jährigen mit Bart, warmen, braunen Augen und auffälligen weißen Ohrsteckern, der in Rio de Janeiro Geschichte studiert.

Millionenfach machten die Menschen in den vergangenen Wochen in den Metropolen Sao Paulo, Salvador, Brasilia und eben auch in Rio de Janeiro ihrem Unmut Luft. Es blieb nicht bei Kritik an den Buspreisen: Korruption in der Politik, der Verwaltung, die massiven Ausgaben für die Fußball-WM, schlechte Infrastruktur, zu wenig Ärzte und Lehrer. Der Staatsapparat reagierte überfordert: Mit Gummigeschossen und Tränengas ging die Polizei gegen die Demonstranten vor.

Unverhältnismäßig finden das viele Brasilianer. Im Nachgang sieht auch die Polizei keine Fehler am harschen Vorgehen: Die Polizisten hätten lediglich ihre „konstitutionellen Pflichten erfüllt, um die Sicherheit zu gewährleisten“, sagte ein Polizeisprecher auf Anfrage von Handelsblatt Online.

Brasiliens Wirtschaft auf einen Blick

Wirtschaftskraft

Brasilien ist mit einem Bruttoinlandsprodukt von 2,24 Billionen (Angaben für 2013) US-Dollar die siebgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Bevölkerung

203 Millionen

Export

Wichtigste Exportgüter Brasiliens sind Rohstoffe (Eisenerz, Kupfer, Öl) und landwirtschaftliche Erzeugnisse (Sojabohnen,  Kaffee, Zucker).

Import

Aus dem Ausland führt das Land vor allem Autos und Autoteile sowie Maschinen ein.

Finanzpolitik

2013 lag das Defizit im brasilianischen Staatshaushalt bei 3,3 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die Gesamtverschuldung liegt bei 66  Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland liegt sie bei etwa 80 Prozent.

Brasilien erlebte, wie schnell eine solche Bewegung aus dem Ruder laufen kann, wie einige wenige Randalierer zur Ursache dafür werden können, dass viele friedliche Demonstranten zu Zielen von Tränengas werden. Viele friedliche Demonstranten hatten versucht, die Randalierer in ihren Reihen zum Ende der Gewalt zu bewegen. Mittlerweile hat Präsidentin Dilma Rousseff dem Druck etwas nachgegeben.

Sie hat unter anderem angekündigt, über wichtige Fragen künftig das Volk mit abstimmen zu lassen. Korruption soll künftig als schweres Verbrechen eingestuft werden. Die Busticketpreiserhöhung wurde zurückgenommen. „Aber jetzt verspricht sie den Busunternehmen dafür Ausgleichszahlungen vom Staat“, sagt Bernardo. So bezahlten die Menschen am Ende die Erhöhung doch – nur über Steuern.

Bernardo Morares engagiert sich schon lange für soziale Gerechtigkeit und Wandel in seinem Land. Foto: Désirée Linde

Bernardo Morares engagiert sich schon lange für soziale Gerechtigkeit und Wandel in seinem Land.

Foto: Désirée Linde

Bernardo war einer der Millionen Protestierenden. „Die Wucht war stärker als wir das jemals hätten erahnen können“, sagt er. Während er spricht, fließen die Worte immer schneller. Er ist noch immer begeistert von der Bewegung, dessen Teil er so unerwartet wurde. Dabei hätte vielleicht gerade er damit rechnen können. Seit 2011 ruft er mit anderen Studenten zu Demonstrationen auf. Immer wieder gehen sie gegen die Missstände Brasiliens auf die Straße, auch damals schon gegen die Erhöhung der Busfahrpreise.

Doch sie blieben dabei weitgehend unbeachtet von Medien, Politik und Masse der Cariocas, der Einwohner Rios. Bei ihren Organisationstreffen kamen damals 30 bis 40 Leute. Wenn es ein guter Tag war. Mit dem 20. Juni, dem Tag der bislang massivsten Proteste, die Brasilien jemals erlebt hat, wurde das anders. Heute reichen die alten Räume für ihre Treffen an der Uni nicht mehr aus: 2000 seien zuletzt gekommen, sagt Bernardo. Bei den Protestmärschen liefen früher nicht mehr nur 200 Leute mit. Am 20. Juni waren es allein in Rio 300.000. Brasilien zeigt der Welt ein neues Gesicht.

Kommentare (21)

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Brasil

06.07.2013, 15:36 Uhr

Wo ist der Unterschied der Argumente fuer Proteste?
Alle diese Argumente der Brasilianer gelten genau so fuer Deutschland, wobei die Situation in Deutschland noch gravierender ist, weil das deutsche Volk bereits ausgeraubt ist mit den ganzen Buergschaften zur Rettung der Banken und des dahinter stehenden Grosskapitals und dem Target2 Saldo!
Der Unterschied ist die Moral der Bevoelkerung und die Bereitschaft fuer Recht und Gerechtigkeit zu kaempfen!
Der weitere Unterschied ist, dass das Durchschnittsalter der Brasilianer kurz unter Dreissig Jahren ist und deshalb noch mobilisiert werden kann, im Gegensatz zu landlaeufiger Meinung hoch gebildet zum Grossteil und nicht aus satten Dattergreisen, die nur noch auf die Strasse gehen um zum Fussballstadion zu kommen!

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Account gelöscht!

06.07.2013, 16:35 Uhr

Das Kernproblem in Brasilien ist die Bevölkerungsexplosion. Das Land sägt fleißig auf dem Ast auf dem es sitzt - und steuert mit dem Segen der katholischen Kirche auf eine ökologische und ökonomische Katastrophe zu. Hauptsache dass die BRD es schafft, rechtzeitig die Grenzen zu schließen wenn Brasilien abgewirtschaftet hat.

LadronaVermelha

06.07.2013, 16:44 Uhr

Die Leute in Brasilien sind doch selber Schuld an der verfahrenen Situation in ihrem Land. Das brasilianische Volk hat schließlich diese korrupte PT unter Führung einer ehemaligen Terroristin und Bankräuberin in die Regierung gewählt. Protestieren ist ja gut und schön, aber vielleicht wäre es besser gewesen, seriöse Persönlichkeiten zu wählen - Aber von denen scheint es wohl in Brasilien nicht viele zu geben.

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