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21.06.2013

04:57 Uhr

Brasilien vor der WM

Friedlicher Protest in Rio artet aus

Hunderttausende Brasilianer sind erneut gegen soziale Ungerechtigkeit auf die Straße gegangen. Nun will Präsidentin Dilma Rousseff lieber nicht das Land verlassen - trotz eines geplanten Staatsbesuchs.

Polizisten feuern mit Gummigeschossen auf Demonstranten in Rio de Janeiro. AFP

Polizisten feuern mit Gummigeschossen auf Demonstranten in Rio de Janeiro.

Mit mehr als einer Million Demonstranten in mindestens 80 Städten hat die brasilianische Protestbewegung gegen Korruption und öffentliche Geldverschwendung am Donnerstag einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Kundgebungen verliefen nicht immer friedlich; unter die Mengen mischten sich in mindestens fünf Städten gewaltbereite Jugendliche. Bei Zusammenstößen mit der Polizei wurden in Rio de Janeiro mindestens 40 Personen verletzt. Allein in Rio demonstrierten Schätzungen zufolge 300.000 Menschen.

Nach Polizeiangaben kam ein Demonstrant ums Leben. In Ribeirão Preto, rund 330 Kilometer nördlich der Metropole São Paulo, sei ein Auto in eine Gruppe von drei Menschen gefahren, wobei einer von ihnen getötet wurde, schrieb die Polizei am Donnerstag (Ortszeit) im Kurzbotschaftendienst Twitter. Brasilianische Medien berichteten, das Auto habe versucht, an Demonstranten vorbei zu fahren, die eine Straße blockierten.

In Rio de Janeiro ging die Polizei nach Angaben von Augenzeugen brutal gegen Demonstranten vor und setzte Tränengas, Gummigeschosse und gepanzerte Fahrzeuge ein. Dort zog der gigantische Protestzug am Donnerstagabend durchs Zentrum bis zum Amtssitz des Bürgermeisters. Warum die Spezialeinheiten der Polizei so massiv gegen die Demonstranten vorgingen, war zunächst noch unklar. Die meisten Menschen wurden durch Gummigeschosse verletzt, darunter auch ein Reporter des Fernsehsenders Globo. Die Demonstranten errichten Barrikaden und setzten ein Auto in Brand. Auch an anderen Stellen der Stadt wurden Brände gelegt.

Erst von oben zeigt sich die Masse: Demonstranten in Rio de Janeiro am 20. Juni 2013. dpa

Erst von oben zeigt sich die Masse: Demonstranten in Rio de Janeiro am 20. Juni 2013.

„Die Polizei hat komplett die Kontrolle verloren und ist unfähig, mit solchen Demonstrationen umzugehen“, sagte eine Kollegin des Journalisten bei der Live-Übertragung von den Zusammenstößen in der Nähe des Bürgermeisteramts. Ein Auto wurde in Brand gesetzt. Viele Demonstranten, die von den Tumulten hörten, verließen den bis dahin friedlich verlaufenden Protestmarsch und gingen nach Hause.

In Campinas (Bundesstaat São Paulo) kam es an einer Straßenkreuzung zu massiven Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und Demonstranten. In Brasília gingen mindestens 30.000 Menschen auf die Straße. Dort zogen Tausende vor das Außenministerium und besetzten eine Rampe. Anschließend entzündeten sie ein Feuer vor dem Gebäude.

Zwischenfälle waren zuvor auch aus Salvador gemeldet worden. Auch in Brasília war die Lage zeitweise angespannt. Dort demonstrierten etwa 20.000 Menschen vor dem Kongress, dem Sitz des Senates und des Abgeordnetenhauses. Auch in Recife gingen Zehntausende auf die Straße. Aus São Paulo wurden über 100.000 Demonstranten gemeldet. Dort verliefen die Proteste zunächst weitgehend friedlich.

Gegen alles und jeden

Gewalt bei Protesten in Brasilien

Gegen alles und jeden: Gewalt bei Protesten in Brasilien

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Trotz der Berichte über Gewalt und schweren Ausschreitungen herrschte auf vielen Kundgebungen eher eine Partyatmosphäre. Vor allem in Rio und Sao Paulo versammelten sich Menschen aller Altersgruppen, viele in brasilianische Fahnen gehüllt. Zu Sambarhythmen wurden politische Parolen gerufen. Als in Rio eine Gruppe Jugendlicher mit ums Gesicht gewickelten T-Shirts auftauchte, riefen viele spontan: „Ohne Gewalt!“ Wie an den Tagen zuvor begannen die Zusammenstöße mit der Polizei mit Anbruch der Dunkelheit.

Unter dem Eindruck der anhaltenden Sozialproteste hat die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff eine für Ende Juni geplante Japan-Reise abgesagt. "Sie hat entschieden, wegen der aktuellen Ereignisse in Brasilien zu bleiben", teilte Rousseffs Pressestelle am Donnerstag der Nachrichtenagentur AFP mit. Die Staatschefin wollte eigentlich vom 26. bis zum 28. Juni nach Japan reisen und dort unter anderem Ministerpräsident Shinzo Abe und Kaiser Akihito treffen. Auch ein für Freitag geplanter Termin der Staatschefin in der brasilianischen Stadt Salvador (Bundesstaat Bahia) wurde verschoben.

Seit fast zwei Wochen gehen in Brasilien täglich zahlreiche Menschen auf die Straße, um gegen hohe Ausgaben für die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Sommerspiele 2016 zu protestieren und mehr Investitionen ins Gesundheits- und Bildungssystem zu fordern. Auf Plakaten forderten die Teilnehmer einer Kundgebung am Donnerstag "Kommt, kämpft für mehr Veränderung" und fragten "Der Fußball steht über den Rechten - warum, Dilma?".

Brasilien-Proteste: Blatter stiehlt sich aus Verantwortung

Video: Brasilien-Proteste: Blatter stiehlt sich aus Verantwortung

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Kommentare (3)

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A.Ebisch

21.06.2013, 04:15 Uhr

"Wir sind das Volk!" -so war die Stimmung in Campinas. Gesänge, tanzen, Jubel für die Anwohner Freigetränke von den anliegenden Geschäftsleuten. Die "manifestacao" verlief weitgehend friedlich. Auch von polizeilicher Seite. Wir haben mit ungefähr 40.000 Teilnehmern protestiert, skandierten "Sem violencia", am Krankenhaus entlang sind wir schweigend gelaufen. Als eine Hundertschaft der Polizei sich den Weg zum Gebäude der Präfektur bahnen wollte, sind wir zur Seite gegangen. Es gab tatsächlich diesen heftigen Zusammenstoß, allerdings waren das nicht mehr als 100 Chaoten. Schade, ich fand die Demo sehr viel fröhlicher und positiver, als jemals eine in Deutschland. Herzliche Grüße nach Deutschland, A. Ebisch, Masterstudent Ökonomie.

UndTschuess

21.06.2013, 04:41 Uhr

"Unter dem Eindruck der anhaltenden Sozialproteste hat die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff eine für Ende Juni geplante Japan-Reise abgesagt."

Die nächste Auslandsreise wird nach Kuba führen - Onewayticket natürlich.

itaia

23.06.2013, 05:39 Uhr

Es scheint dass die "Rosa Luxemburg Stiftung" schon vor Mai 2012 (ja: 2012) mit den gewalttaetigen "Widerstandsgruppen" eine "Verbindung" hatte. Lese mal "Recht auf Stadt amerika21.de" und analysiere zwischen den Zeilen..... Der Aufstand kommt aber von Rechten welche Brasilien als Protektorat der USA wollen - die "False Flag" operations von Schein-Ultra-Links mit anarchistischen Punks sind nur zur Einkesselung der linken Regierung. Die deutsche Wirtschaft in Brasilien wird dadurch zu Gunsten der USA geschwaecht. You got it ?

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