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13.05.2011

07:52 Uhr

Brief an Georgios Papandreou

„Es gibt ein Leben nach dem Tod“

VonGabor Steingart

Die Wahrheit, dass Griechenland sparen muss, ist in eine Unwahrheit umgekippt. Die Zahlungsunfähigkeit rückt näher. Jetzt muss das bisher Undenkbare gedacht werden. Ein offener Brief an den griechischen Premierminister.

Griechenlands Premierminister Georgios Papandreou (links) im Gespräch mit Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart im Mai 2010. Quelle: Nikos Chrisikakis / Agentur Focus für Handelsblatt

Griechenlands Premierminister Georgios Papandreou (links) im Gespräch mit Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart im Mai 2010.

Sehr geehrter Premierminister,

lieber Herr Papandreou,

mit großem Respekt verfolgt die westliche Welt Ihre Anstrengungen, der Schuldenkrise Herr zu werden. Kein anderes demokratisches Land hat in Friedenszeiten etwas Vergleichbares geleistet: Sie schrumpfen den Staatsapparat, Sie bekämpfen die Korruption, Sie erziehen Ihre Landsleute zur Steuerehrlichkeit. "Ich will den Griechen das Lächeln zurückgeben", haben Sie am Abend Ihrer Wahl gesagt. Aber in Wahrheit wollen Sie den Griechen etwas viel Wertvolleres zurückgeben: ihre Selbstständigkeit. Die haben sie im Zuge der Schuldenkrise verloren. Ihr Koalitionspartner sind die Banken. Ihr Koalitionsvertrag ist auf einen großen Schuldschein geschrieben.

Für mich sind Sie ein moderner Held. Sie versuchen das Unmögliche. Als Sohn eines verfolgten und verfemten Politikers, der von der Militärjunta gejagt wurde, sind Sie mit der Gefahr groß geworden. Als die Offiziere Ihren Vater suchten, der sich auf dem Dachboden versteckte, setzte man Ihnen eine entsicherte Pistole an die Stirn und forderte Sie zum Verrat auf. Sie haben die Anwesenheit Ihres Vater geleugnet, bis der in Sorge um das Leben seines Sohns das Versteck verließ. Später flohen Sie mit ihm nach Amerika, wo Sie Ihre Jugend verbrachten. Ihr Englisch ist exzellent, Ihr Verstand hell, Ihr Wille eisern. Von alledem konnte ich mich überzeugen, als wir uns im vergangenen Frühjahr zum Gespräch in Ihrem Amtszimmer trafen. Sie sind das, was die Amerikaner einen "larger-than-life-character" nennen.

English Version

"There is a life after death"

Letter to Georgios Papandreou, Prime Minister of Greece

Die Vorgängerregierungen haben Ihr Land in Richtung Ruin getrieben. 340 Milliarden Euro Schulden lasten auf dem griechischen Staat. Das ist das 155-Fache des Gewinns der 60 größten Unternehmen Ihres Landes, das 1,5-Fache dessen, was der Maastricht-Vertrag erlaubt. Diese Zeitung hat vor einem Jahr zum Kauf griechischer Staatsanleihen aufgerufen, um dem Land das zu geben, was es genauso dringend braucht wie Geld: Vertrauen. Wir wollten mithelfen, eine privat finanzierte Lösung zu finden, die ohne das Geld der europäischen Steuerzahler auskommt. Wir wollten auch mithelfen, die Negativspirale aus wachsendem Zweifel und steigendem Zins zu durchbrechen. Alle wollten das, die Ihnen Garantien gaben und Kredite zusagten: die Europäische Union, der Internationale Währungsfonds, die Regierungschefs.

Doch die Spirale dreht sich seither schneller, nicht langsamer. Als wir uns trafen, im Mai 2010, lag der Zinssatz, zu dem man Ihrem Staat auf zehn Jahre Geld lieh, bei acht Prozent. Heute liegt er bei 16 Prozent. Und er dürfte weiter steigen. Schon bei 16 Prozent Zinsen rentiert sich keine Investition, rafft es jeden Hausbauer dahin. Kein Staat der Welt kann 16 Prozent Zinsen zahlen. Die bittere Wahrheit, die Sie und alle, die Griechenland helfen wollten, sich eingestehen müssen, ist: Die Hilfe hilft nicht. Ihr Land gerät immer tiefer in den Schlamassel.

Griechische Version

Sehr geehrter Premierminister, lieber Herr Papandreou

Brief an Georgios Papandreou

Die Investoren verlangen einen derartig hohen Risikoaufschlag, weil sie sich selbst misstrauen. Bei 16 Prozent ist der Teilverlust des Investments einkalkuliert. Die Investoren betäuben sich mit dem hohen Zinssatz.

Sie als Premierminister versuchen, den Investoren die Angst zu nehmen. Indem Sie immer heftiger sparen, Staatsbetriebe verkaufen, Ihrem Volk immer höhere Steuern abverlangen. Doch Ihr Angstbekämpfungsprogramm ist mittlerweile selbst furchterregend geworden. Das Volk ächzt, die Schulden wachsen, die Wirtschaft schrumpft, so dass Sie aus einem immer kleineren Kuchen immer größere Brocken an die Investoren geben müssen. Um mindestens drei Prozent wird sich 2011 das Bruttosozialprodukt verkleinern. Es müsste aber drei Prozent wachsen, wenn Sie bis 2040 Ihre Schulden wieder auf das erlaubte Limit senken wollten. Das wird immer unrealistischer. Man kann sich keine Muskeln anhungern.

Kommentare (33)

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Andy

13.05.2011, 10:26 Uhr

Und die heißen dann Pinky und Brain :-)

Account gelöscht!

13.05.2011, 10:26 Uhr

Sie vergassen die unermessliche, bisher nicht eingebrachte Kreditvergabe an Privathaushalte/Unternehmen.
Aehnliches finden wir auch fuer Suedosteuropa bei Oestereichischen Banken... Unglaublich leichtsinnige Vergaben. Insofern rumpelt es richtig im Karton, bloody lies wohin der Zuseher guckt.

Kraeftemangel

13.05.2011, 10:30 Uhr

@MartinK
So ist es. Kurz und prägnant in Worte gefasst.
Und Herr Steingart? Na sind jetzt schon alle Griechenland-Bonds von den Steuerzahlern aufgekauft worden? Ist der Bail-out der Banken schon so weit voran geschritten, dass Herr Steingart solche Töne anschlagen darf? Oder wird es ihm auch langsam unheimlich und er fürchtet eine europäische Welt in Chaos und Anarchie?
Einen schönen Tag.

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