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23.11.2015

00:57 Uhr

Brüssel im Ausnahmezustand

Polizei nimmt vorläufig 16 Personen fest

Bei einem großangelegten Anti-Terror-Einsatz der Polizei in Brüssel sind 16 Personen vorläufig festgenommen worden. Der wegen der Anschläge von Paris gesuchte Salah Abdeslam ist allerdings nicht darunter.

Straßen blockiert: Sicherheitskräfte weisen die Anwohner an, die Ruhe zu bewahren. dpa

Polizei-Operationen

Straßen blockiert: Sicherheitskräfte weisen die Anwohner an, die Ruhe zu bewahren.

BrüsselAus Furcht vor einer Anschlagsserie wie in Paris ist die belgische Polizei bei zahlreichen Razzien gegen Verdächtige vorgegangen. Bei insgesamt 19 Einsätzen in der Hauptstadtregion seien 16 Personen vorläufig festgenommen worden, teilte die Staatsanwaltschaft auf einer Pressekonferenz mit. Der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Salah Abdeslam sei nicht unter den Festgenommenen. Dieser war Vermutlich an den Pariser Attentaten mit insgesamt 130 Toten beteiligt.

Im bei Touristen beliebten Viertel um den Grand Place im Zentrum der belgischen Hauptstadt war ein großes Polizeiaufgebot zu sehen gewesen. Die Sicherheitskräfte sperrten Straßen und forderten Passanten lautstark auf, sich zu entfernen.

Die Einsätze am Sonntagabend fanden nicht nur in der Hauptstadt statt. Dem Sender RTBF zufolge gab es auch in den Regionen Lüttich, Antwerpen und Charleroi Durchsuchungen. Die Bürgermeisterin des Brüsseler Stadtteils Molenbeek sagte, es habe einen Schusswechsel in ihrer Gemeinde gegeben. Das Viertel gilt als Islamistenhochburg.

Zuvor hatte die Bundespolizei die Medien aufgefordert, keine Einzelheiten über die Einsätze wie etwa die Einsatzorte zu vermelden. Der Appell des Schweigens war auch an die sozialen Medien wie Twitter gerichtet, wo verschiedene Personen laufend über die Ereignisse berichteten. Aus Sicherheitsgründen sollte man während der Operationen die Stille respektieren, teilte die belgische Bundespolizei per Twitter mit.

Die Nutzer schienen dieser Aufforderung Folge zu leisten. Um die Stille zu überbrücken, setzten viele stattdessen unter dem Hashtag #BrusselsLockdown ganz andere Tweets ab: darunter vornehmlich welche mit Katzenfotos.

Kurz vor Mitternacht bedankten sich die Behörden via Twitter für die Stille.

Einige Stunden zuvor war die höchste Terrorwarnstufe für die belgische Hauptstadt Brüssel verlängert worden. Das hatte der belgische Premierminister Charles Michel nach einer Sitzung des nationalen Sicherheitsrates mitgeteilt. Die Behörden befürchteten weiterhin einen Anschlag wie in Paris, erklärte er. Mögliche Ziele seien Geschäftsviertel, Einkaufszentren und der öffentliche Nahverkehr. Die Präsenz von Polizei und Armee werde verstärkt. Die U-Bahn bleibe am Montag geschlossen. An den Schulen werde zu Wochenbeginn kein Unterricht stattfinden.

Mit einem Bus blockieren Polizisten die Straße. dpa

Polizei-Operation

Mit einem Bus blockieren Polizisten die Straße.

Die EU-Kommission wird am Montag in Brüssel trotz der höchsten Terrorwarnstufe normal arbeiten. „Es besteht keine spezifische Bedrohung für die EU-Institutionen“, schrieb die Vizepräsidentin der EU-Kommission, Kristalina Georgiewa, am Sonntagabend im Kurznachrichtendienst Twitter. Geplante Treffen im Kommissionsgebäude könnten stattfinden. Die Sicherheitsmaßnahmen und Personenkontrollen würden aber verstärkt. Für die Mitarbeiter werde es flexible Arbeitsmöglichkeiten und Telearbeit geben. Die Europäischen Schulen und Krippen würden dagegen geschlossen. In der Kommission sind etwa 23 000 Menschen beschäftigt.

Das öffentliche Leben stand am Sonntag bereits den zweiten Tag in Folge weitgehend still. So waren Märkte und Sportereignisse abgesagt worden. Die U-Bahn war komplett geschlossen, die meisten Busse und Straßenbahnen fuhren aber.

Belgien und der Islamismus

Anschlag auf Jüdisches Museum

Am 24. Mai 2014 erschießt der Islamist Mehdi Nemmouche bei einem Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel vier Menschen. Der Täter ist Franzose. Er wird später im südfranzösischen Marseille verhaftet und nach Belgien ausgeliefert. Nemmouche ist bislang nicht verurteilt.

Belgische Kämpfer in Syrien

Aus keinem EU-Land sind hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung so viele Kämpfer in den syrischen Bürgerkrieg gezogen wie aus Belgien. Das berichtete das britische Magazin „The Economist“ im Vorjahr. Nach einer aktuellen Auflistung des Thinktanks Brookings reisten bislang bis zu 650 Kämpfer aus Belgien in das Konfliktland.

Syrien-Rückkehrer in Verviers

In der Stadt Verviers sollen nach Angaben des belgischen TV-Senders RTL-Info bis zu zehn Syrien-Rückkehrer gelebt haben. Verviers hat etwa 50.000 Einwohner und liegt rund 35 Kilometer südwestlich von Aachen.

Paris-Attentäter mit Kontakt nach Belgien

Einer der Attentäter, die das französische Satire-Magazin Charlie Hebdo in Paris im Januar 2015 angriffen, hatte Verbindungen nach Belgien. Ein Mann aus dem südbelgischen Charleroi hatte in den vergangenen Monaten mit Amedy Coulibaly über den Kauf eines Autos und von Waffen verhandelt. Die Polizei habe entsprechende Dokumente bei dem Verdächtigen gefunden, berichteten belgische Medien. Coulibaly hatte am Freitag in einem koscheren Supermarkt in Paris Geiseln genommen und vier Menschen erschossen. Er selbst wurde anschließend von der Polizei getötet. Auch einige der Terroristen der Pariser Attentate vom November 2015 kamen ursprünglich aus Belgien.

Der Bürgermeister der Brüsseler Gemeinde Schaerbeek, Bernard Clerfayt, sagte am Sonntag im belgischen Rundfunk RTBF: „Wir haben erfahren, dass sich zwei Terroristen auf Brüsseler Territorium befinden und gefährliche Taten verüben könnten.“ Deshalb müsse man sehr wachsam bleiben.

Auch Belgiens Innenminister Jan Jambon sprach im Radio von „mehreren Verdächtigen“. Einer davon könnte Salah Abdeslam sein, nach dem die Brüsseler Polizei seit mehr als einer Woche fahndet. Er ist der Bruder eines der Pariser Selbstmordattentäter und wohnte zuvor im Brüsseler Stadtteil Molenbeek. Abdeslam soll an den Anschlägen in Paris mit 130 Toten beteiligt gewesen sein und sich seitdem in Brüssel verstecken.

Ein festgenommener Freund von ihm, Hamza Attouh, habe ausgesagt, Abdeslam nach den Pariser Anschlägen in Brüssel abgesetzt zu haben. Er habe zudem gesagt, dass Salah Sprengstoff bei sich tragen könnte und dass er „sehr gefährlich und ganz schön wütend“ gewesen sei. Das sagte Attouhs Anwältin dem Radio RTBF, berichtete die Nachrichtenagentur Belga.

Terrorwarnung: Brüssel steht still

Terrorwarnung

Brüssel steht still

Keine U-Bahnen, keine Konzerte, kein Fußball – Einkaufszentren und öffentliche Gebäude schließen: Brüssel steht an diesem Samstag wegen Anschlaggefahr still. Unterdessen geht die Suche nach den Paris-Attentätern weiter.

Wegen Hinweisen auf eine konkrete Bedrohung war die Terrorwarnstufe für Brüssel bereits in der Nacht von Freitag auf Samstag auf das maximale Niveau 4 angehoben worden. Das bedeutet, dass die Behörden von einer „ernsthaften und unmittelbaren Bedrohung“ ausgehen.

Nach dem Ausrufen der höchsten Terrorwarnstufe für den Großraum Brüssel war in der belgischen Hauptstadt am Samstagabend eine ungewöhnliche Ruhe eingekehrt. Am Grote Markt, dem zentralen Platz der belgischen Metropole, machten einige Touristen Fotos, während sich ein grüner Militärlastwagen voller Soldaten neben einem Weihnachtsbaum positionierte.

Einige, aber bei weitem nicht alle Restaurants und Bars hatten geschlossen, nachdem der Bürgermeister der Stadt, Yvan Mayeur, dazu für den Abend ab 18.00 Uhr geraten hatte. Normalerweise sind an Samstagabenden in Brüssel Tausende Menschen unterwegs.

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