Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.07.2015

10:20 Uhr

Brüssel regelt Energieeffizienzklassen neu

Zu viel Plus ist auch ein Minus

Ist A++ schon gut oder muss es A++++ sein? Weil den Verbrauchern beim Thema Energieeffizienz der Durchblick verloren geht, will die EU die Energielabel von Elektrogeräten überarbeiten – und die Pluszeichen streichen.

Künftig sollen wieder allein Buchstaben von A bis G die Energieeffizienz eines Geräts angeben – ohne Zusätze wie bei „A+++“ obs

A bis G

Künftig sollen wieder allein Buchstaben von A bis G die Energieeffizienz eines Geräts angeben – ohne Zusätze wie bei „A+++“

BrüsselEs ist schon ein Kreuz mit den Kreuzen: Wo zwei oder drei im Namen der Energieeffizienz zusammenkommen und für Klarheit sorgen sollen, sorgen sie längst nur noch für eins: Durcheinander. Glaubt zumindest die EU-Kommission – und will deshalb das Energie-Labeling von Elektrogeräten wieder vom Kopf auf die Füße stellen.

„Eigentlich sollte das Energielabel den Kauf von energieeffizienten Produkten erleichtern und beim Stromsparen helfen, heute verwirrt es nur noch“, unterstützt Martina Werner, energiepolitische Sprecherin der SPD-Gruppe im Europaparlament, den Vorstoß. Das Label werde seiner Aufgabe als verbraucherfreundliches Instrument nicht länger gerecht.

Nicht nur wegen der überproportionalen Einordnung der Elektrogeräte in die besten „+++“-Effizienzklassen, sondern auch wegen der Vielzahl an unterschiedlichen Labels für verschiedene Produktgruppen sei der Kommissionsvorstoß notwendig „Das bestehende System“, mahnt Werner, „ist irreführend, widersprüchlich und längst überholt.“

Paradoxien der Energiewende

Ökostrom-Umlage

Sie wurde vollgepackt mit immer weiteren Industrierabatten - die Bürger müssen dies über ihren Strompreis schultern. Sie steigt 2014 auf bis zu 6,5 Cent je Kilowattstunde, obwohl laut des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien 2,6 Prozent weniger Wind- und Solarstrom produziert wurden. Der Zubau neuer Anlagen macht nur 0,2 bis 0,3 Cent des Anstiegs um bis zu 1,2 Cent aus. Hauptgrund sind die massiv gefallenen Börsenstrompreise – sinkt der Verkaufserlös für Ökostrom, wächst die Differenz zu den festgelegten Vergütungssätzen für den Grünstrom.

Stromversorger

Sie profitieren von niedrigen Einkaufspreisen, während die Versorger durch diverse Energiewende-Umlagen immer mehr bezahlen, auch die Netzentgelte steigen. Das Beratungsunternehmen Energy Brainpool hat für die Grünen-Fraktion errechnet, dass sich für 2014 eine mögliche Senkung der Beschaffungskosten zwischen 0,57 und 1,97 Cent je Kilowattstunde abzeichnet. Damit könnte womöglich der gesamte Anstieg der Ökostrom-Umlage kompensiert werden, wenn die Versorger diese Ersparnisse im Stromeinkauf weitergeben würden.

Klimaschutz ade?

Gaskraftwerke stehen still und sollen vom Netz genommen werden. Alte, klimaschädliche Braunkohlekraftwerke laufen hingegen oft durch, da der Preis für CO2-Verschmutzungsrechte extrem niedrig ist. Trotz immer mehr Ökostrom sind daher im vergangenen Jahr die CO2-Emissionen in Deutschland um 2,2 Prozent gestiegen. Ohne Reformen – etwa einer Verteuerung der CO2-Ausstoßrechte – könnte der Kohleanteil weiter steigen und diese Kraftwerke den Atomausstieg kompensieren. Eigentlich sollen dies CO2-ärmere Gaskraftwerke tun.

Kraftwerks-Probleme

Insgesamt funktioniert der Strommarkt bei 25 Prozent massiv gefördertem Ökostrom nicht mehr richtig. Soll es Sonderprämien dafür geben, dass Kraftwerke, die sich nicht mehr rechnen, am Netz gehalten werden? Denn gerade im Winter wird deren Leistung gebraucht. Doch ein solches System – für das hochmoderne Gaskraftwerk Irsching in Bayern wurde das bereits eingeführt – würde die Strompreise noch weiter steigen lassen. Daher muss eine Reform der Ökoenergie-Förderung zusammen mit einer Strommarktreform angegangen werden. Einzige Gewissheit: Es wird nicht billig.

Verheddert im Interessendickicht

Jeder will etwas anderes. Die Länder im Norden und Osten wollen die Windkraft massiv ausbauen, Bayern träumt von einer weitgehenden Energieautarkie. Auch die Parteien haben unterschiedliche Ansätze, zudem kämpfen die großen Versorger gegen immer mehr dezentrale Akteure. Ein gemeinsamer Konsens ist bisher nicht in Sicht. Das macht Reformen so schwer. Gerade das Kostenproblem droht die Akzeptanz der Energiewende zu gefährden – über die mittelfristigen Vorteile redet kaum noch jemand.

Tatsächlich will EU-Energiekommissar Miguel Arias Canete aus der bestehenden Richtlinie eine Verordnung machen, die die Mitgliedstaaten dann unmittelbar anwenden müssen. Nach der Abschaffung der „Plusse“ soll es künftig wieder nur eine Skala von G bis A über den Energieverbrauch geben. Und eine Datenbank zur Marktüberwachung soll ein reibungsloses Funktieren des Systems garantieren. Denn Schätzungen zufolge genügen zehn bis 25 Prozent der Geräte nicht dem aufgepappten Effizienzlabel.

Dass das nun der große Wurf sein soll, will Herbert Reul so gar nicht glauben. Labels könnten entweder fehlen, falsch angebracht sein oder falsche Daten enthalten. Letzteres lasse sich nur durch umfangreiche Tests überprüfen. Was helfe da die Datenbank! „Eine erfolgreiche und gute Richtlinie wird ohne erkennbaren Grund geändert. Die Neufassung ist überflüssig, der Mehrwert fraglich“, wettert der Chef der CDU/CSU-Gruppe.

Benötige man einen Rechtsrahmen für die Abschaffung der Pluskennzeichnung, die Reskalierung also, ginge dies auch mit einer einfachen Kommissionsentscheidung. Eine Änderung der Gesetzgebung sei unnötig. „Ist das wirklich better regulation?“, fragt Reul rhetorisch.

Probleme mit der Energiewende: Teurer Abschied

Probleme mit der Energiewende

Premium Teurer Abschied

Die drei Chefs der Regierungsparteien greifen die Atomkonzerne an. Sie glauben, die Firmen legen nicht genug Geld für den Abriss der Kernkraftwerke zurück – derzeit 14,6 Milliarden Euro. Nun gibt es ein erstes Ultimatum.

Zynische Spaßvögel behaupten, es handele sich bei dem Vorhaben um eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Brüsseler Beamte. Erst skalieren sie. Dann reskalieren sie wieder. Und im dritten Schritt? Kommt womöglich die Evaluierung, die Basis für eine umfassende Reform.

Apropos: Die Sozialdemokraten wollen noch extra Anreize für Innovationen und energieeffiziente Technologien setzen. Damit Luft nach oben bleibt, sollte das energieeffizienteste Gerät einer Produktgruppe noch nicht in die ersten beiden Effizienzklassen einzuordnen sein. Ob das dem Verbraucher zu mehr Durchblick verhilft? Es gibt noch viel zu tun in Europa. Packen wir’s an.

Von

lud

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

15.07.2015, 11:19 Uhr

Anstatt sich mit wichtigen Dingen zu beschäftigen, befassen sich diese Brüsseler Eurokraten mit absoluten Nebensächlichkeiten. Man sollte das Europaparlament drastisch verkleinern, damit dort nur noch wirklich wichtige Dinge verhandelt werden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×