Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.07.2014

17:05 Uhr

Bürger beteiligten sich

Wie man einen Weltkrieg finanziert

VonThorsten Giersch

Geld war für den Ausgang des Ersten Weltkriegs mitentscheidend. Um dieses zu beschaffen, hatten die Länder verschiedene Strategien. Aus den Fehlern, die Sparer und Zentralbanker machten, kann man vieles lernen.

Ein Krieg ist teuer, also mussten Strategien her, um genügend Geld zu beschaffen: Zum Beispiel, indem die Bürger ihre Goldmünzen und Juwelen gegen von der Reichsbank ausgegebenes Papiergeld eintauschten.

Ein Krieg ist teuer, also mussten Strategien her, um genügend Geld zu beschaffen: Zum Beispiel, indem die Bürger ihre Goldmünzen und Juwelen gegen von der Reichsbank ausgegebenes Papiergeld eintauschten.

DüsseldorfRudolf Havenstein war großzügig und freundlich – Eigenschaften, die nicht zu den Klischees eines preußische Staatsmannes. Die Integrität des gelernten Juristen war unangefochten. Doch er war der „vermutlich schlechteste Zentralbankchef aller Zeiten“, wie der renommierte Historiker Neil Irwin in seinem Buch „Die Alchemisten“ schreibt.

Die Reichsbank wurde 1876 gegründet – also nur wenige Jahre nach dem Reich selbst. Und sie spielte eine wichtige Rolle beim Aufstieg des Landes zur Wirtschaftsmacht. Havenstein übernahm den Chefposten 1908 – da war das Finanzsystem schon weitgehend modernisiert und die Beamten gerade dabei, Gold-, Silber- und Kupfermünzen durch Papiergeld zu ersetzen.

Kampf gegen Arbeitermangel

Zu wenige an den Werkbänken

Wenn Millionen von Männern im besten Alter an die Front müssen und dort ihr Leben lassen, zugleich aber die Produktion von Rüstungsgütern steigen muss, ist ein Mangel an Arbeitskräften unausweichlich. Das galt in ähnlichem Maße bei allen am Krieg beteiligten Großmächten. Auch die Maßnahmen dagegen ähnelten sich ...

Rückstellungen von Arbeitern

In allen Ländern wurden Hunderttausende Arbeiter gar nicht erst zur Front geschickt oder rasch zurückbeordert, um den Nachschub von Munition und anderen Rüstungsgütern zu gewährleisten.. Im Deutschen Reich waren 1918 noch immer 2,2 Millionen Arbeiter beschäftigt, in Frankreich über 1,3 Millionen. Doch um  die Wirtschaft komplett am Laufen zu halten, war dies nicht genug

Zwangsarbeiter und Jugendliche

Die Deutschen transportierten Kriegsgefangene aus Belgien und den besetzten Gebieten im Osten in die Firmen, damit sie dort einen Teil der Lücken stopften. Die Franzosen holten Arbeiter aus ihren Kolonien, aus Spanien und aus China. Zudem stieg der Anteil der 14- bis 16-jährigen Arbeiter um bis zu 60 Prozent, so etwa in der deutschen Metallindustrie.

Rolle der Frauen

In Deutschland wuchs die Erwerbstätigkeitsquote der Frauen während des Krieges um 17 Prozent, in Großbritannien sogar um 23 Prozent. Im Königreich stieg der Anteil von Frauen in Behörden um 75, im Handel um 85 und im Transportwesen sogar um über 500 Prozent. Nach 1918 ging ihr Anteil aber rasch wieder auf Vorkriegsniveau zurück.

Positive Auswirkungen auf Frauenrechte?

Die These, dass der Weltkrieg für die Frauen im Erwerbsleben ein Sprung noch vorn war, stimmt dennoch nicht. Ihr Anteil und ihre Mitbestimmungsrechte stiegen bereits vor 1914 erheblich.

Frauen beim Militär

Frauen waren damals beim Militär traditionell ausgeschlossen. Doch zumindest in Deutschland und Frankreich wurde diese Praxis im Laufe der Kriegsjahre teilweise aufgehoben: Frauen übernahmen Hilfsfunktionen, zum Beispiel in Schreibstuben, aber nur als Zivilistinnen und ohne Uniform.

Nach sechs Jahren im Amt hatte Havenstein die ehrenvolle Aufgabe, die Finanzierung eines Krieges sicherzustellen. Am 18. Juni 1914, zehn Tage bevor Österreichs Erzherzog Franz Ferdinand erschossen wurde, rief er die mächtigen Chefs der Privatbanken zusammen. Einige mögen es als Bitte verstanden haben, was Havenstein von ihnen verlangte, andere als Drohung: Die Geldhäuser sollten die liquiden Mittel im Finanzsystem in den kommenden drei Jahren verdoppeln. Und sie sollten dafür sorgen – das Problem gab es damals schon –, dass dieses Geld auch wirklich in der Volkswirtschaft zirkulierte und nicht bei den Banken herumlag.

Im September 1914, also einige Wochen nach Kriegsbeginn, appellierte Havenstein auch an die Bürger und ihren Patriotismus. Er forderte die Deutschen auf, ihre Goldmünzen und Juwelen gegen von der Reichsbank ausgegebenes Papiergeld einzutauschen. Die Städte wurden Plakate aufgehängt, auf denen stand: „Gold für das Vaterland!“ oder „Gold für unsere Verteidigung!“ Erstaunlich viele Bürger unterlagen der Propaganda und folgten den Aufrufen. Wichtig in diesem Zusammenhang war die Arbeit der Zensur, die dafür sorgte, dass die Menschen nichts vom Verfall ihres Geldes mitbekamen. Vor dem Krieg war die Mark umgerechnet 4,2 Dollar wert, 1918 nur noch 7,4 Mark. Die Inflation stieg, aber noch war sie nicht dramatisch hoch.

Reaktion der Finanzmärkte: Wenn ein Weltkrieg überraschend kommt

Reaktion der Finanzmärkte

Wenn ein Weltkrieg überraschend kommt

2007 haben die Finanzmärkte die große Immobilienkrise nicht kommen sehen – wie auch 1914 den Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht. Völlig unvorbereitet mussten die Börsen in Europa und den USA die Reißleine ziehen.

Der Historiker Neil Irwin urteilt: „Deutschland war nun ein Land, in dem das Geld keine Goldmünze mehr war, sondern ein Stück Papier, für das die Menschen jedes Jahr weniger kaufen konnten.“ 1918 beliefen sich die Kriegsausgaben auf 50 Milliarden Mark – mehr als elf Mal so viel als im Friedensjahr 1913. Von vornherein war klar, dass die Schulden nur zurückzuzahlen waren, wenn Deutschland den Krieg gewänne. Und selbst dann wäre die Rückkehr in die Friedenswirtschaft enorm schwierig gewesen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×