Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.08.2014

13:09 Uhr

Bürgerkrieg

Drei Millionen Menschen aus Syrien geflüchtet

Fast die Hälfte aller Bürger haben im syrischen Bürgerkrieg ihre Heimat verlassen, drei Millionen Menschen wurden ganz aus dem Land vertrieben. Im Irak flohen mehr als 1,6 Millionen Menschen in andere Teile des Landes.

Syrische Flüchtlinge warten im Oktober vergangenen Jahres in Semalka an der Grenze auf eine Fluchtmöglichkeit in den Irak. dpa

Syrische Flüchtlinge warten im Oktober vergangenen Jahres in Semalka an der Grenze auf eine Fluchtmöglichkeit in den Irak.

GenfDer Bürgerkrieg in Syrien hat inzwischen mehr als drei Millionen Menschen aus dem Land vertrieben. „Die Krise in Syrien ist zum größten humanitären Notfall unserer Zeit geworden“, erklärte der Vorsitzende des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Genf, Antonio Guterres, am Freitag. US-Präsident Barack Obama erklärte derweil, „noch keine Strategie“ im Umgang mit den Dschihadisten des Islamischen Staats (IS) in Syrien zu haben.

Allein im vergangenen Jahr sei die Zahl der Flüchtlinge aus Syrien um eine Million gestiegen, erklärte Guterres. Zu den drei Millionen Menschen, die aus Syrien geflohen sind, kommen nach UN-Angaben 6,5 Millionen Binnenflüchtlinge hinzu. Fast die Hälfte aller Bürger habe ihre Heimat verlassen. Bei mehr als der Hälfte der Betroffenen handele es sich um Kinder. Das UNHCR verweist auf Berichte über „immer entsetzlichere Bedingungen im Land“.

Die Hilfsorganisation Oxfam forderte am Freitag westliche und andere reiche Länder auf, verstärkt syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Die Nachbarländer Syriens seien „auf Dauer überfordert“ mit der steigenden Flüchtlingszahl. Die internationale Gemeinschaft müsse „ihren Teil zur Aufnahme und zum Schutz der Flüchtlinge beitragen“.

Die Terrorgruppe Islamischer Staat

Ziel

Die Organisation Islamischer Staat (IS), früher Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) genannt, gehört zu den radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Sie kämpft für einen sunnitischen Gottesstaat im arabischen Raum.

Ursprung

Der IS ging aus dem irakischen Widerstand der 2003 gegründeten Gruppe „Tawhid und Dschihad“ hervor, die sich gegen die US-Invasion im Irak wandte. Erster Anführer war der für seine Grausamkeit berüchtigte Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi. Seit 2013 leitet der Iraker Abu Bakr al-Baghdadi den IS.

Aktivitäten

Die Gruppe griff Im Irak nicht nur US-Soldaten an, sondern verübte auch Selbstmordanschläge auf Schiiten und Christen im Land. Al-Sarkawi wurde 2006 von der US-Armee getötet. Seither führen Iraker die Organisation. Deren zweiter früherer Name „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ verdeutlicht den Anspruch, einen sunnitischen Großstaat zwischen Mittelmeer und Euphrat zu errichten.

Entwicklung

An Macht gewann der IS, als sie sich im Frühjahr 2013 in den syrischen Bürgerkrieg einmischte. Dort überwarf sie sich mit der aus syrischen Salafisten bestehenden Al-Nusra-Front, obwohl beide Gruppen damals dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestanden.

Standorte

Vor allem im Nordosten Syriens greift der IS syrisch-kurdische Städte an und massakriert die Zivilbevölkerung. Im Irak profitiert die Miliz vom Streit der von Schiiten dominierten irakischen Regierung mit den sunnitischen Parteien des Landes. Am 29. Juni rief der IS das Kalifat in den von im kontrollierten Gebieten aus – mit al-Baghdadi als Kalif.

Finanzierung

Der IS finanzierte sich anfangs vor allem durch Spenden aus den Golfstaaten Katar und Saudi-Arabien, aber auch durch Wegzölle entlang der Grenzen zwischen Irak und Syrien. Mit den Landgewinnen nahmen die Gewinne aus illegalen Ölverkäufen der kontrollierten Felder zu.

Söldner

In den Reihen der Gruppe kämpfen internationale Brigaden, darunter Muslime aus Nordafrika und den arabischen Golfstaaten sowie Konvertiten aus Europa und Nordamerika.

Seit sich zunächst friedliche Proteste gegen Machthaber Baschar al-Assad im Frühjahr 2011 zu einem Bürgerkrieg ausweiteten, wurden in Syrien mehr als 191.000 Menschen getötet. Mit dem Vormarsch der IS-Dschihadisten, die das Machtvakuum im Land angesichts der schwindenden Kontrolle Assads über verschiedene Landesteile nutzten, hat der Konflikt noch eine andere Dimension angenommen.

Die IS-Kämpfer hatten in den vergangenen Monaten neben großen Gebieten im Nordirak auch Teile Syriens erobert und dort ein sogenanntes Kalifat ausgerufen. Die UNO wirft den Extremisten äußerste Brutalität in Syrien vor, wo es öffentliche Hinrichtungen, Amputationen und Auspeitschungen gebe.

In der vergangenen Woche hatte der IS ein Video von der Enthauptung des US-Journalisten James Foley veröffentlicht. Einem Bericht der „Washington Post“ vom Donnerstag zufolge wurden mindestens vier westliche Geiseln, darunter Foley, während ihrer Gefangenschaft mit dem sogenannten Waterboarding gefoltert, bei dem das Opfer das Gefühl hat zu ertrinken.

Auch im Nordirak geht der IS mit großer Brutalität vor allem gegen Minderheiten vor. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte am Freitag die „brutalen Tötungen von Zivilisten“ im Nordirak. Am Donnerstag veröffentlichte der IS zudem laut dem auf die Überwachung islamistischer Webseiten spezialisierten US-Unternehmen Site ein Video, in dem die Enthauptung eines Kurdenkämpfers zu sehen ist. Entführte Kurdenkämpfer fordern in dem Video ein Ende der Militärkooperation zwischen der Kurdenführung im Nordirak mit den USA.

Während die US-Luftwaffe bereits seit drei Wochen gegen IS-Stellungen im Nordirak vorgeht, hat Washington bislang keine Strategie im Kampf gegen die Dschihadisten in Syrien. Zu möglichen Luftangriffen dort gebe es noch keine Entscheidung, sagte Obama am Donnerstag. Zugleich kündigte er an, Außenminister John Kerry in die Region zu schicken, um Möglichkeiten für ein regionales Bündnis gegen den IS auszuloten. In Syrien gehen bereits die Truppen Assads gegen den IS vor, Washington schließt eine Zusammenarbeit mit Damaskus aber bislang aus.

Im Irak sind unterdessen seit Anfang des Jahres mehr als 1,6 Millionen Menschen vor dem Krieg aus ihrer Heimat in andere Teile des Landes geflohen. Mehr als die Hälfte von ihnen ergriffen alleine im August die Flucht vor den Kämpfen mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Norden des Landes.

Was leistet Deutschland im Irak - und was (noch) nicht?

Bis an die Grenze des Machbaren

Die Bundesregierung hat angekündigt, bei ihrer Hilfe für den Irak bis an die Grenze des politisch und juristisch Machbaren zu gehen. Was heißt das konkret?

Hilfszahlungen

Die Bundesregierung hat im Zuge der Krise 24,4 Millionen Euro für die Flüchtlingshilfe zur Verfügung gestellt. 4,4 Millionen sind für dringende Maßnahmen wie den Bau von Unterkünften, die Trinkwasserversorgung und medizinische Hilfe vorgesehen. 20 Millionen stehen für längerfristige Infrastrukturprojekte bereit. Auch dabei geht es in erster Linie um Wasserversorgung.

Transport von Hilfsgütern

Die Bundeswehr hat am Freitag mit Hilfsflügen in die nordirakische Kurden-Hauptstadt Erbil begonnen. Fünf Transall-Flugzeuge starteten mit mehr als 35 Tonnen Lebensmitteln und Sanitätsmaterial.

Ausrüstung

Die Bundesregierung hat sich bereiterklärt, Rüstungsgüter wie Kleinlastwagen, Schutzwesten oder Helme aus Bundeswehrbeständen an die kurdischen Streitkräfte im Nordirak zu liefern. Beschlossen ist das aber noch nicht.

Waffen

Auch Waffenlieferungen schließt die Bundesregierung nicht grundsätzlich aus. Allerdings argumentiert sie, dass andere Länder dazu eher in der Lage seien, weil die Kurden mit Waffen aus der früheren Sowjetunion und den USA kämpften.

Bundeswehreinsatz im Irak

Einzelne Politiker haben die Unterstützung der US-Militäroperation im Irak durch die Bundeswehr gefordert – der Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripour zum Beispiel. Für die Bundesregierung ist das derzeit kein Thema. Die USA bekämpfen die Terrormiliz IS mit Luftangriffen.

Die meisten suchten Zuflucht im kurdischen Teil des Iraks und in Nachbarregionen, hieß es in einem am Freitag in Genf vorgestellten Bericht der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Viele der Vertriebenen seien körperlich, finanziell und emotional am Ende, sagte der Notfallkoordinator der Organisation im Irak, Brian Kelly, in einer Erklärung. „Die derzeitige Krise im Irak ist beispiellos.“

Viele der Flüchtlinge seien Wochen und Monate unterwegs, um sichere Regionen zu erreichen. Zahlreiche opfer sind Kelly zufolge traumatisiert. „Viele Verwandte wurden von IS-Einheiten verschleppt oder ermordet.“ Ganze Gruppen seien von IS-Einheiten gezwungen worden, von Bergklippen in den Tod zu springen. Mit einer schnellen Bewältigung der Krise ist Kelly zufolge nicht zu rechnen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×