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06.04.2015

16:26 Uhr

Bürgerkrieg im Jemen

Rotes Kreuz erreicht eine „Geisterstadt“

Trotz stetiger Bombardements der Koalition um Saudi-Arabien rücken die Huthi-Milizen im Jemen vor. Das Rote Kreuz fordert eine Feuerpause, um Medikamente zu liefern - und berichtet von einer humanitären Krise.

Die Huthi-Rebellen haben schon fast die gesamte Stadt Aden eingenommen. dpa

Huthi-Unterstützer

Die Huthi-Rebellen haben schon fast die gesamte Stadt Aden eingenommen.

AdenUngeachtet der Luftangriffe der von Saudi-Arabien geführten Militärallianz im Jemen rücken die schiitischen Huthi-Milizen weiter vor. In der Hafenstadt Aden kam es am Montag erneut zu Gefechten der Huthis mit Unterstützern des geflohenen Präsidenten Abd-Rabbu Mansur Hadi. Die Kämpfe haben eine humanitäre Krise ausgelöst: Ein Rotkreuz-Mitarbeiter schrieb im Kurznachrichtendienst Twitter: „Aden ist eine Geisterstadt. Die Einwohner sind nirgendwo zu sehen und das Ausmaß der Zerstörung der Stadt wird immer offensichtlicher.“

In den Vororten seien Explosionen zu hören, berichteten Einwohner Adens. Auch habe ein ausländisches Kriegsschiff Huthi-Stellungen beschossen. Seit mehreren Tagen toben Straßenkämpfe in der Stadt, der letzten Machtbastion Hadis, der sich nach Saudi-Arabien abgesetzt hat. In der nördlichen Stadt Saada wurden am Montagmorgen acht Huthi-Kämpfer bei Luftangriffen getötet.

Gefechte im Jemen: Wer und was? (April 2015)

Die Huthis

Die Huthis sind ein schiitischer Volksstamm aus dem Nordjemen. Früher unterdrückt, etablierten sie sich mit Beginn des Arabischen Aufstands ab 2011 als politische Kraft. Im September 2014 eroberten rund 30.000 Huthis die Hauptstadt Sanaa. Vor einigen Wochen setzten sie Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi und die Regierung ab. Auf der Seite der Huthis stehen beträchtliche Teile der Armee, die dem 2012 zum Abgang gezwungenen Präsidenten Ali Abdullah Salih treu geblieben sind.

Präsident Hadi

Präsident Hadi flüchtete im vergangenen Februar in die südjemenitische Stadt Aden, von wo aus er versucht weiterzuregieren. Der von den USA unterstützte Staatschef will einen Föderalstaat errichten - scheiterte aber an der Stärke der Huthis.

Ex-Präsident Salih

Ex-Präsident Ali Abdullah Salih war über 30 Jahre Herrscher im Jemen. Nach Protesten musste er Anfang 2012 zurücktreten. Die USA werfen ihm vor, das Chaos geschürt zu haben. Die UN haben Sanktionen gegen ihn verhängt. Medien berichteten über Absprachen Salihs mit den Huthis. Saudi-Arabien gewährte Salih nach dessen Rücktritt Unterschlupf. Der reiche Golfstaat hat ein großes Interesse daran, den bettelarmen Jemen unter sunnitischer Kontrolle zu halten.

Der Iran

Der Iran versucht als Rivale Saudi-Arabiens, via Sanaa einen Fuß auf die Arabische Halbinsel zu bekommen. Das schiitische Land gilt als Verbündeter der Huthi-Rebellen. Experten vermuten, der Iran unterstütze die Huthis möglicherweise finanziell, habe aber - anders als im Falle der Hisbollah im Libanon oder der schiitischen Milizen im Irak - keinen operativen Einfluss auf sie.

Saudi-Arabien

Eine von Saudi-Arabien geführte regionale Militärallianz bombardiert seit Ende März 2015 im ganzen Land Stellungen und Waffenlager der Huthis und der Salih-loyalen Truppen. Riad sieht - anders als viele Nahost-Experten - in der Miliz der schiitischen Sekte einen „Klienten“ des Iran, der auf diese Weise die Kontrolle über den Hinterhof des sunnitischen Königreichs übernehmen wolle.

Al-Kaida

Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) ist der mächtigste Ableger des weltweit agierenden Terrornetzwerkes. Die sunnitischen Extremisten, die sich unter anderem zum Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ bekannten, galten bisher als heimliche Gewinner im Machtpoker um den Jemen. In den vergangenen Monaten bekannten sich Extremisten und bisherige Al-Kaida-Anhänger zu der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die große Teile des Iraks und Syriens kontrolliert. Trotz einer sehr ähnlichen Ideologie ist der IS mit Al-Kaida verfeindet.

Viele Einwohner des Landes sind durch die Kämpfe von Hilfen der internationalen Gemeinschaft abgeschnitten. Im ganzen Land ist die Versorgung mit Lebensmitteln, Wasser und Strom gestört. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) teilte mit, logistische Probleme verzögerten die Lieferungen nach Sanaa.

Zwar habe Saudi-Arabien bereits am Samstag die Erlaubnis erteilt, sagte eine IKRK-Sprecherin am Montag. Es gebe aber Schwierigkeiten mit dem Transport. Nicht viele Fluggesellschaften seien bereit, mit ihren Frachtmaschinen in das Konfliktgebiet zu fliegen. Man hoffe aber, die 48 Tonnen Hilfsgüter "morgen oder übermorgen" ausliefern zu können. Das IKRK hatte am Samstag eine 24-stündige Kampfpause gefordert, um Hilfsgüter liefern zu können.

Der UN-Sicherheitsrat trat am gleichen Tag zu einer dringlichen Sitzung zusammen, um den russischen Vorschlag einer humanitären Feuerpause zu erörtern. Das Gremium vertagte sich auf Montagabend, um Bedenkzeit zu gewinnen.

Die Kämpfe am Boden und die Luftangriffe fordern viele zivile Opfer. Insgesamt wurden binnen 24 Stunden 94 Tote gemeldet, darunter allein 53 bei den Kämpfen um Aden. Unter den Opfern der Gefechte seien auch 17 Zivilisten, sagte ein Arzt der Nachrichtenagentur AFP. Zudem seien zehn Mitglieder der Hadi-treuen sogenannten Volkskomitees getötet worden. Aus Militärkreisen verlautete, auf Seiten der Rebellen habe es 26 Tote gegeben. Laut Augenzeugen dauerten die Gefechte am Montag besonders um das zentrale Viertel al-Moalla an.

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