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17.04.2015

08:15 Uhr

Bürgerkrieg in Syrien

Augenzeuge berichtet bei UN von Chloringas-Attacke

Beim Anblick eines Videos von einem mutmaßlichen Chloringas-Angriff in Syrien kommen UN-Diplomaten die Tränen. Doch können Emotionen zu konkreten Schritten führen? Dem Land droht der Untergang.

Die mutmaßliche Chloringas-Attacke auf den Ort Sarmin in der Provinz Idlib soll sich am 16. März zugetragen haben. Die Bürger waren ungeschützt. dpa

Syrischer Kämpfer mit Gasmaske

Die mutmaßliche Chloringas-Attacke auf den Ort Sarmin in der Provinz Idlib soll sich am 16. März zugetragen haben. Die Bürger waren ungeschützt.

New YorkEin drastischer Augenzeugenbericht über mutmaßliche Chloringas-Attacken im syrischen Bürgerkrieg hat im UN-Sicherheitsrat tiefe Betroffenheit ausgelöst. Der Arzt Mohammed Tennari führte dem höchsten UN-Gremium am Donnerstag ein Video vor, das einen jüngsten Angriff auf seinen Heimatort Sarmin zeigt. Darin war der Todeskampf dreier Kinder im Alter von einem bis drei Jahren zu sehen, die trotz mehreren Wiederbelebungsversuchen starben. Die Bilder rührten einige der Spitzendiplomaten zu Tränen. Ob die Emotionen sich in konkrete Schritte überführen lassen, ist angesichts der Blockade im höchsten UN-Gremium jedoch fraglich.

Die mutmaßliche Chloringas-Attacke auf den Ort Sarmin in der Provinz Idlib soll sich am 16. März zugetragen haben. Der medizinische Behandlungsbereich sei dermaßen beengt gewesen, dass eines der Kinder auf seiner Großmutter gelegen habe, berichtete Tennari. Auch die Oma sei dann gestorben.

„Jeder nahm bleichhaltige Gerüche wahr“, sagte Tennari später vor Reportern. Zudem habe jeder das Geräusch der Helikopter gehört. Bei den meisten Opfern habe es sich um Frauen und Kinder gehandelt. Der Mediziner hatte im vergangenen Monat Opfer von einem halben Dutzend Attacken behandelt und sich mit Hilfe der USA aus Syrien retten können.

Sechs Gründe, warum der Bürgerkrieg in Syrien noch nicht beendet ist

Einmischung von außen

Das Regime von Baschar al-Assad hat mit Russland und dem schiitischen Iran mächtige Verbündete im Ausland. Teheran unterstützt Damaskus mit Geld und Kämpfern. Zudem kämpft die libanesische Schiiten-Miliz an der Seite Assads. Aber auch die Rebellen erhalten Geld und Waffen aus dem Ausland, unter anderem aus Saudi-Arabien. So wurde die Krise zu einem regionalen Konflikt. (Quelle: dpa)

Assads Unnachgiebigkeit

Der Präsident sagte am Anfang der Proteste Reformen zu - die nie kamen. Stattdessen brandmarkt sein Regime sämtliche Gegner als „Terroristen“, auch moderatere Oppositionelle. Viele Kritiker des Regimes sitzen in Gefängnissen. Im Kampf ums Überleben setzt die Armee zudem immer wieder sogenannte Fassbomben ein - Metallbehälter, die mit Sprengstoff und Metall gefüllt sind.

Zerstrittene Opposition

Den Regimegegnern ist es bis heute nicht gelungen, sich zu einen und eine gemeinsame Führung zu bilden. Die Exil-Opposition in Istanbul wird zwar international anerkannt, zeigt sich aber immer wieder zerstritten und hat in Syrien kaum Einfluss. Auch mit der Inlandsopposition aus Damaskus konnte sie sich noch immer nicht auf konkrete gemeinsame Ziele einigen.

Konfessionalismus

Längst ist der Bürgerkrieg auch zu einem Konflikt zwischen den Konfessionen geworden. Das Regime wird von Alawiten kontrolliert, einer Nebenlinie des schiitischen Islams. Die Alawiten befürchten blutige Rache, sollte Assad stürzen. Auch viele Christen sehen den Präsidenten als ihren Schutzpatron. In den Reihen der Rebellen kämpfen dagegen vor allem Sunniten.

Politik des Westens

Die USA und Europa lehnen eine militärische Intervention gegen das Assad-Regime ab. US-Präsident Barack Obama drohte zwar für den Fall des Einsatzes von Chemiewaffen durch das Regime in Syrien mit einem Eingreifen, nahm dann aber doch davon Abstand. Der Westen steht politisch zwar an der Seite der moderateren Rebellen, unterstützt diese aber kaum mit Waffen.


Stärke der Extremisten

Als die Krise in Syrien eskalierte, dehnte sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aus dem Irak ins Nachbarland aus. Jetzt kontrolliert sie dort ein Drittel der Fläche. Andere Teile Syriens stehen unter Herrschaft der Nusra-Front, Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida. Moderate Kräfte sind auf dem Rückzug. Die von den USA unterstützte Harakat Hasm löste sich kürzlich auf.

An der hinter verschlossener Tür abgehaltenen Sicherheitsratssitzung nahm auch der Arzt Saher Sahlul teil, der am Wochenende Schauplätze jüngster Attacken in dem Bürgerkriegsland besuchte. „Jeder stimmte überein, dass Kinder nicht getötet werden sollten“, erklärte er nach dem Treffen. Alle 15 Sicherheitsratsmitglieder hätten zudem betont, wie wichtig es sei, die Verantwortlichen für die zumeist tödlichen Attacken zur Rechenschaft zu ziehen - mit der Ausnahme Russlands, Chinas und Venezuelas. Jedes Ratsmitglied habe das Video und das Briefing betroffen gemacht, und „einige hätten geweint“, berichtete Sahlul.

Im März hatte das höchste UN-Gremium zwar eine Resolution verabschiedet, die den Einsatz chemischer Kampfmittel in Syrien untersagt und bei Verstößen mit Schritten droht. Doch wird darin keiner Konfliktpartei die Schuld zugewiesen. In einer Resolution vom Herbst 2013, die die Beseitigung und Zerstörung der syrischen Chemiewaffenbestände anordnete, wurde Chloringas zudem nicht als chemisches Kampfmittel geführt. Das Gas ist leicht zu bekommen und wird weltweit in der Industrie verwendet.

Die USA und andere Ratsmitglieder wie Großbritannien und Frankreich machen die syrische Regierung für die Chloringas-Attacken verantwortlich. Schließlich seien diese von Helikoptern ausgeführt worden, über die nur die Führung in Damaskus verfüge, argumentieren sie. Syrien hat den Einsatz von Chemiewaffen oder Chloringas durch Regierungstruppen zurückgewiesen und „Terroristen“ dafür verantwortlich gemacht. Sicherheitsratsmitglieder haben die Organisation für das Verbot chemischer Waffen damit beauftragt, die jüngsten Attacken zu untersuchen.

Am Freitag trifft der syrische Arzt Tennari mit der russischen UN-Mission und anderen Diplomaten zusammen. Moskau gilt als engster Verbündeter der syrischen Regierung und hat mit seinem Veto im Sicherheitsrat mehrmals geplante Interventionen im Bürgerkriegsland verhindert. Die USA hoffen nun, dass Tennari die russische Delegation umstimmen kann.

Von

ap

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