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25.04.2016

14:14 Uhr

Bürgerkrieg in Syrien

In Damaskus scheint der Krieg fern

Die Waffenruhe in der syrischen Hauptstadt Damaskus hält. Luftangriffe, Hunger und Tod scheinen weit weg – dabei sind sie nur wenige Kilometer entfernt. Präsident Baschar al-Assad hat einen Rumpfstaat erschaffen.

Die Lage in der syrischen Hauptstadt Damaskus scheint entspannt. Doch nur wenige Kilometer entfernt tobt der Bürgerkrieg. dpa

Damaskus

Die Lage in der syrischen Hauptstadt Damaskus scheint entspannt. Doch nur wenige Kilometer entfernt tobt der Bürgerkrieg.

DamaskusWer sich dieser Tage in der syrischen Hauptstadt umsieht, kann verstehen, warum Präsident Baschar al-Assad es bei den Friedensgesprächen in Genf mit Zugeständnissen nicht eilig hat. In Damaskus lässt sich der Krieg leicht vergessen. Die Luftangriffe, die Trümmer und der Hunger, teils nur wenige Kilometer entfernt, scheinen weit weg. Seit Ende Februar eine Waffenruhe in Kraft trat, hörte der Beschuss aus Vororten unter Kontrolle der Opposition praktisch auf.

Entlang der Straße an die Küste, wo die Bevölkerung regierungstreu ist, und aus den meisten Teilen Zentralsyriens wurden die Aufständischen vollständig vertrieben. Assad hat damit das Überleben eines Rumpfstaats sichergestellt, über den er herrschen könnte, sollte der Krieg noch lange andauern. Auch wenn seine Truppen kaum Chancen haben, kurzfristig weite Teile des Landes zurückzuerobern, hat die russische Militärintervention den Verlauf des Konflikts zu ihren Gunsten verändert.

„Die Leute sind viel entspannter als vorher, wir fühlen uns sicherer“, sagt die Studentin Maha Arnus, die mit einer Freundin über den belebten Hamadija-Suk in der Altstadt bummelt. Der Basar hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Soldaten sitzen am Eingang unter einem großen Porträt Assads und überprüfen Passanten.

Die Akteure im Syrien-Konflikt

Das Regime

Seit fast fünf Jahren tobt in Syrien ein auch von außen befeuerter Bürgerkrieg. Die Krise ist auch deshalb schwer zu lösen, weil es zahlreiche Akteure mit eigenen Interessen gibt. Zum Beispiel das Regime. Anhänger von Präsident Baschar al-Assad kontrollieren weiter die meisten großen Städte wie Damaskus, Homs, Teile Aleppos sowie den Küstenstreifen. Syriens Armee hat im langen Krieg sehr gelitten, konnte aber zuletzt dank massiver russischer und iranischer Hilfe Geländegewinne erzielen. Machthaber Assad lehnt einen Rücktritt ab.

Islamischer Staat

Die Terrormiliz IS ist die stärkste Kraft in Syrien neben der Regierung. Sie beherrscht im Norden und Osten riesige Gebiete. Allerdings mussten die Extremisten in den vergangenen Monaten mehrere Niederlagen einstecken.

Rebellen

Sie sind vor allem im Nordwesten und Süden Syriens stark. Ihr Spektrum reicht von moderaten Gruppen, die vom Westen unterstützt werden, bis zu radikalen Islamisten. Zu diesen gehören die Gruppen Ahrar al-Scham und Dschaisch al-Islam. Teilweise kooperieren sie mit der Al-Nusra-Front, Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida.

Die Opposition

Sie ist zersplittert. Das wichtigste Oppositionsbündnis ist die Syrische Nationale Koalition in Istanbul. In Damaskus sitzen zudem Oppositionsparteien, die vom Regime geduldet werden. Bei einer Konferenz in Riad einigten sich verschiedenen Gruppen auf die Bildung eines Hohen Komitees für Verhandlungen, dem aber einige prominente Vertreter der Opposition nicht angehören.

Die Kurden

Kurdische Streitkräfte kontrollieren mittlerweile den größten Teil der Grenze zur Türkei. Sie sind ein wichtiger Partner des Westens im Kampf gegen den IS. Sie kämpfen teilweise mit Rebellen zusammen, kooperieren aber auch mit dem Regime. Führende Kraft ist die Kurden-Partei PYD, Ableger der verbotenen Arbeiterpartei PKK.

Die USA und der Westen

Washington führt den Kampf gegen den IS an der Spitze einer internationalen Koalition. Kampfjets fliegen täglich Angriffe. Beteiligt sind unter anderem Frankreich und Großbritannien. Deutschland stellt sechs Tornados für Aufklärungsflüge über Syrien, ein Flugzeug zur Luftbetankung sowie die Fregatte „Augsburg“, die im Persischen Golf einen Flugzeugträger schützt. Washington unterstützt moderate Regimegegner.

Russland

Seit September fliegt auch Russlands Luftwaffe Angriffe in Syrien. Sie richten sich gegen den IS ebenso wie gegen Rebellen, die mit der Terrormiliz verfeindet sind. Moskau ist einer der wichtigsten Unterstützer des syrischen Regimes.

Iran

Teheran ist der treueste Unterstützer des Assad-Regimes. Iraner kämpfen an der Seite der syrischen Soldaten. Auch die von Teheran finanzierte Schiitenmiliz Hisbollah ist in Syrien im Einsatz.

Saudi-Arabien und die Türkei

Riad und Ankara sind wichtige Unterstützer von Rebellen. Sie fordern, dass Assad abtritt. Saudi-Arabien geht es darum, den iranischen Einfluss zurückzudrängen. Der Iran ist der saudische Erzrivale im Nahen Osten. Zuletzt eskalierte der Konflikt zwischen den beiden Regionalmächten. (Quelle: dpa)

Männliche Fußgänger werden in den engen Seitenstraßen an Kontrollposten von Bewaffneten abgetastet. Vor den Geschäften überschreien Verkäufer den Lärm stotternder Generatoren, die laufen, wenn es keinen Strom gibt - mindestens zehn Stunden täglich.

In Bab Tuma, einem vor dem Krieg bei Touristen beliebten christlichen Altstadtviertel, durchsucht ein Kämpfer der Hisbollah-Miliz an einer Kontrollstelle Fahrzeuge. Die Gäste in den Restaurants nehmen davon kaum Notiz, sie genießen das Mahl mit Angehörigen und Freunden. Neue Lokale und Cafés haben eröffnet, in denen die Gäste Wein trinken, essen oder Karten spielen können.

Nur 20 Minuten Fahrtzeit entfernt kommt es im Viertel Jarmuk zu Gefechten zwischen verschiedenen extremistischen Gruppen. Zuletzt mangelte es deshalb nach UN-Angaben rund 6000 Familien an Nahrungsmitteln und Wasser. In dem Viertel bekämpfen sich Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat und der Nusra-Front, dem syrischen Ableger von Al-Kaida. Regierungstruppen beschießen es regelmäßig von außerhalb. Daraja, ein von Aufständischen gehaltenes Gebiet nur zehn Kilometer südwestlich von Damaskus wird seit mehr als drei Jahren von Regierungstruppen belagert. Weil die syrische Regierung keine Hilfslieferungen zulässt, essen Menschen dort laut UN inzwischen sogar Gras.

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