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26.09.2015

15:38 Uhr

Bürgerkrieg in Syrien

US-trainierte Rebellen geben offenbar Waffen an Al-Kaida weiter

Die USA hatten sich viel von den Neuen Syrischen Kräften erhofft. Die moderaten Rebellen sollten die Speerspitze im Kampf gegen den IS werden. Doch schon wieder kommen ihnen Al-Kaida-Krieger in die Quere.

Von den USA ausgebildete syrische Rebellen sollen Teile ihrer Ausrüstung an Al-Kaida weitergegeben haben. dpa

Neue Blamage für die USA

Von den USA ausgebildete syrische Rebellen sollen Teile ihrer Ausrüstung an Al-Kaida weitergegeben haben.

DamaskusDas US-Projekt zum Aufbau einer gemäßigten Armee zur Bekämpfung der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien hat einen neuen Rückschlag erlitten. Die US-Streitkräfte prüfen Hinweise, dass von ihnen ausgebildete syrische Rebellen Kriegsmaterial an die terroristische Al-Nusra-Front gegeben haben. Der Verdacht richtet sich gegen einen Kommandeur der Neuen Syrischen Kräfte (NSF), die von den USA zur Bekämpfung der IS-Dschihadisten ausgebildet wurden.

Die USA wollen im Rahmen des Projekts „New Syrian Forces“ jedes Jahr 5000 Mann für den Bodenkampf gegen den IS ausbilden. Bislang haben jedoch erst wenige Dutzend ihr Training abgeschlossen.

Wie das US-Central Command am Freitag (Ortszeit) mitteilte, gibt es nun Informationen darüber, dass ein NSF-Kommandeur Material, welches von der Anti-IS-Koalition stamme, im Austausch für freies Geleit einem mutmaßlichen Nusra-Front-Mittler übergeben habe. Es gehe um sechs Pickup-Trucks und Munition, etwa 25 Prozent des gesamten Materials, das der Truppe zur Verfügung gestellt worden sei. Die Übergabe soll am 21. und 22. September stattgefunden haben. Die Nusra-Front gilt als syrischer Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida.

Das Central Command (CentCom) ist beim US-Militär zuständig für die Region von Ägypten und Jemen bis Pakistan und Kasachstan. Vor wenigen Tagen hatte es erklärt, dass am vergangenen Wochenende rund 70 US-trainierte Kräfte „erfolgreich“ nach Syrien zurückgekehrt seien, um dort ihren Einsatz zu beginnen.

Es ist bereits das zweite Mal, dass diese Truppe von extremistischen Rebellen vorgeführt wird. Ohnehin stand das Projekt von Anfang an unter keinem guten Stern. Zunächst verzögerte sich der Beginn der Ausbildung außerhalb Syriens, weil das US-Militär Probleme hatte, Kämpfer zu finden, die es für vertrauenswürdig hielt.

Als im Sommer die erste Gruppe von gerade mal rund 60 Mann das Training abschloss und unter dem Namen „Division 30“ die Grenze zu Syrien überschritt, wurde sie selbst zum Ziel: Extremisten der Al-Nusra-Front griffen nördlich von Aleppo die US-Verbündeten an, töteten fünf Kämpfer und verschleppten weitere.

Auf der diplomatischen Ebene mehren sich unterdessen die Stimmen, Syriens Machthaber Baschar al-Assad in die Suche nach einer Friedenslösung einzubinden. Australiens Außenministerin Julie Bishop sagte dem „Weekend Australian“ vom Samstag, die Haltung nehme zu, „dass die einzig denkbare Option eine Regierung der nationalen Einheit unter Einschluss von Präsident Assad ist“. Es schäle sich ein Konsens heraus, dass das Assad-Regime bei jedem Versuch, den syrischen Staat zu festigen und weitere Geländegewinne den IS zu verhindern, wahrscheinlich eine Schlüsselrolle einnehme.

Sechs Gründe, warum der Bürgerkrieg in Syrien noch nicht beendet ist

Einmischung von außen

Das Regime von Baschar al-Assad hat mit Russland und dem schiitischen Iran mächtige Verbündete im Ausland. Teheran unterstützt Damaskus mit Geld und Kämpfern. Zudem kämpft die libanesische Schiiten-Miliz an der Seite Assads. Aber auch die Rebellen erhalten Geld und Waffen aus dem Ausland, unter anderem aus Saudi-Arabien. So wurde die Krise zu einem regionalen Konflikt. (Quelle: dpa)

Assads Unnachgiebigkeit

Der Präsident sagte am Anfang der Proteste Reformen zu - die nie kamen. Stattdessen brandmarkt sein Regime sämtliche Gegner als „Terroristen“, auch moderatere Oppositionelle. Viele Kritiker des Regimes sitzen in Gefängnissen. Im Kampf ums Überleben setzt die Armee zudem immer wieder sogenannte Fassbomben ein - Metallbehälter, die mit Sprengstoff und Metall gefüllt sind.

Zerstrittene Opposition

Den Regimegegnern ist es bis heute nicht gelungen, sich zu einen und eine gemeinsame Führung zu bilden. Die Exil-Opposition in Istanbul wird zwar international anerkannt, zeigt sich aber immer wieder zerstritten und hat in Syrien kaum Einfluss. Auch mit der Inlandsopposition aus Damaskus konnte sie sich noch immer nicht auf konkrete gemeinsame Ziele einigen.

Konfessionalismus

Längst ist der Bürgerkrieg auch zu einem Konflikt zwischen den Konfessionen geworden. Das Regime wird von Alawiten kontrolliert, einer Nebenlinie des schiitischen Islams. Die Alawiten befürchten blutige Rache, sollte Assad stürzen. Auch viele Christen sehen den Präsidenten als ihren Schutzpatron. In den Reihen der Rebellen kämpfen dagegen vor allem Sunniten.

Politik des Westens

Die USA und Europa lehnen eine militärische Intervention gegen das Assad-Regime ab. US-Präsident Barack Obama drohte zwar für den Fall des Einsatzes von Chemiewaffen durch das Regime in Syrien mit einem Eingreifen, nahm dann aber doch davon Abstand. Der Westen steht politisch zwar an der Seite der moderateren Rebellen, unterstützt diese aber kaum mit Waffen.


Stärke der Extremisten

Als die Krise in Syrien eskalierte, dehnte sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aus dem Irak ins Nachbarland aus. Jetzt kontrolliert sie dort ein Drittel der Fläche. Andere Teile Syriens stehen unter Herrschaft der Nusra-Front, Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida. Moderate Kräfte sind auf dem Rückzug. Die von den USA unterstützte Harakat Hasm löste sich kürzlich auf.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte vor wenigen Tagen überraschend gesagt, es müsse auch mit Assad gesprochen werden. Dies wurde lange Zeit von Russland gefordert, aber von den Westmächten abgelehnt. Australien beteiligt sich an den von den USA koordinierten Luftangriffen auf den IS, der in großen Teilen Syriens und des Iraks ein Kalifat ausgerufen hat.

Die Bereitschaft, Assad in die Friedensbemühungen einzubeziehen, findet auch Beifall in der Wissenschaft. „Um einen Bürgerkrieg dieses Ausmaßes zu beenden, muss man notfalls auch mit dem Teufel reden“, sagte Margret Johannsen vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg der „Neuen Presse“ (Samstag) aus Hannover.

Von

dpa

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