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12.01.2016

09:32 Uhr

Bürgerkrieg in Syrien

Verhungernde sollen aus Madaja befreit werden

Die Uno hat vor dem Sicherheitsrat einen dramatischen Bericht zur Lage der von syrischen Regierungstruppen eingekesselten Stadt Madaja gegeben. Demnach sind 400 Menschen akut vom Hungertod bedroht. Syrien dementiert.

Tausende Menschen verhungern

Madaja: Syrer schlachten Hunde und Katzen, um zu überleben

Tausende Menschen verhungern: Madaja: Syrer schlachten Hunde und Katzen, um zu überleben

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DamaskusNachdem ein Hilfskonvoi erstmals wieder in das seit Monaten belagerte Madaja vordringen konnte, sollen 400 vom Hungertod bedrohte Menschen nun so schnell wie möglich aus der syrischen Stadt herausgebracht werden. Diese Menschen seien fast tot und bräuchten dringend medizinische Hilfe, sagten Uno-Diplomaten am Montagabend (Ortszeit) nach einer Sicherheitsratssitzung in New York. Die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen, die an dem Konvoi beteiligt waren, hätten zuvor eine Bestandsaufnahme der Lage in dem Ort und des Zustands der Menschen gemacht. Madaja ist seit rund einem halben Jahr von Regierungstruppen eingeschlossen. Der erste Hilfskonvoi könne nur ein Anfang sein, sagten Uno-Diplomaten.

Uno-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien informierte den Sicherheitsrat über die aktuelle Situation. Spanien und Neuseeland hatten um das Treffen gebeten. „Es ist ermutigend, dass ein Konvoi mit Hilfslieferungen in Madaja angekommen ist, aber das ist nur der Anfang“, sagte Neuseelands Uno-Botschafter Gerard van Bohemen. „Wir brauchen ungehinderten und anhaltenden Zugang zu allen notleidenden Menschen in Syrien.“ Der syrische Uno-Botschafter Bashar Jaafari betonte dagegen, es gebe gar keine Hunger leidenden Menschen in Madaja. Diese Berichte seien „erfunden“. Es gebe aber das Problem, dass Terroristen Hilfslieferungen stehlen würden.

Wer kämpft gegen wen in Syrien?

Bürgerkrieg in Syrien

Seit mehr als vier Jahren tobt in Syrien ein Bürgerkrieg. Dem Regime in Damaskus steht eine Vielzahl von Gegnern gegenüber, die Lage ist unübersichtlich. Längst werden die Rebellen von islamistischen und radikalen Gruppen dominiert.

Regime

Die Armee kontrolliert noch immer die meisten großen Städte wie Damaskus, Homs, Teile Aleppos sowie den Küstenstreifen. Unterstützt werden Assads Anhänger von der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah sowie von iranischen Kämpfern.

Islamischer Staat (IS)

Die Terrormiliz ist die stärkste Kraft in Syrien. Sie kontrolliert im Norden und Osten riesige Gebiete. Allerdings mussten die Extremisten in diesem Jahr mehrere Niederlagen gegen die syrischen Kurden einstecken.

Dschaisch al-Fatah

Dabei handelt es sich um ein Bündnis verschiedener moderater und radikaler Gruppen, darunter die radikale Al-Nusra-Front, die islamistische Miliz Ahrar al-Scham und Brigaden, die sich als Teil der moderaten Freien Syrien Armee (FSA) sehen. Das Bündnis beherrscht im Nordwesten Syriens die Provinz Idlib.

Al-Nusra-Front

Der Ableger des Terrornetzwerkes Al-Kaida vertritt eine ähnliche Ideologie wie IS, beide Gruppen sind aber miteinander verfeindet. Die Nusra-Front ist vor allem im Nordwesten des Landes stark, kämpft aber auch im Süden.

Ahrar al-Scham

Die islamistische Miliz ist neben der Nusra-Front die wichtigste Kraft des Rebellenbündnisses Dschaisch al-Fatah. Sie gibt sich pragmatischer und weniger radikal als der Al-Kaida-Ableger.

Freie Syrische Armee

Die FSA ist keine Armee im eigentlichen Sinne, es gibt auch keine einheitliche Führung. Mehrere moderate Gruppen rechnen sich ihr jedoch zu. Stark sind diese im Nordwesten, wo sie auch zu dem Rebellenbündnis gehören, sowie im Süden.

Kurdische Volksschutzeinheiten

Mit Hilfe der US-Luftwaffe konnte die YPG den IS aus großen Gebieten im Norden Syriens zurückschlagen. Dort haben die Kurden eine Selbstverwaltung aufgebaut. Sie kooperieren mit dem Regime, aber auch mit dessen Gegnern. Zuletzt kam es jedoch zu Zusammenstößen mit Rebellengruppen in Aleppo.

Am Montag hatte die lebensrettende Hilfslieferung Tausende vom Hungertod bedrohte Bewohner in Madaja erreicht. Die ersten Lastwagen des Konvois mit insgesamt 330 Tonnen Nahrung und Medikamenten fuhren am Montagnachmittag in den seit einem halben Jahr von Regierungstruppen eingeschlossenen Ort, wie Pawel Krzysiek, Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) der Deutschen Presse-Agentur sagte.

Die Hilfe besteht neben Nahrung unter anderem aus Medikamenten für chronische Krankheiten, Schwangere und Säuglinge. Dem Syrischen Halbmond zufolge reicht sie aus, um die bis zu 40 000 Menschen in der westsyrischen Stadt 40 Tage lang zu versorgen.

Das Uno-Büro für Nothilfekoordinierung (OCHA) berichtete in der Nacht zum Dienstag im Kurznachrichtendienst Twitter, die Entladung der Lastwagen sei auch nach Mitternacht noch weitergegangen.

Insgesamt starben in Madaja seit Dezember nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) mindestens 28 Menschen wegen Mangelernährung - darunter sechs Kinder im Alter unter fünf Jahren. Erst am Sonntag bestätigte MSF fünf Todesfälle. Neben den Zivilisten befinden sich nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte etwa 125 Kämpfer der Rebellen in der Stadt. Spannungen zwischen ihnen und der Bevölkerung gebe es nicht.

Kommentare (7)

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Herr C. Falk

12.01.2016, 09:48 Uhr

Das Schicksal der hungernden Bevölkerung von Madaja zeigt beispielhaft wie ein vom Zaun gebrochener Stellvertreterkrieg zu unermesslic hen Leiden der betroffenen Bevölkerung führt. In dem Moment, wo der demokratische Protest von Teilen der syrischen Bevölkrung umschlug in einen bewaffneten Aufstand, war der Weg vorprogrammiert hin zu Zuständen, wie sie jetzt zu verzeichnen sind und deren Folgewirkungen bis in das Herz von Europa.

Diejenigen, die den Konflikt anheizen und fortsetzten mit Waffenlieferungen an die sog. demokratische Opposition in Syrien tragen dazu bei, den Konflikt zu verlängern und nochmals zu intensivieren.

Welche politischen Kräfte und Mächte das sind, ist bekannt.

Account gelöscht!

12.01.2016, 10:20 Uhr

So ist es halt auf dieser Welt...die jungen Syrer lassen ihr Volk im Stick und vergehen sich lieber in Europa an den Frauen und Mädchen. Bekommen davon auch noch von unfähigen Regierung Staatshilfe in Form von Unterkunft, Essen und Geld.
Dafür darf dann Europa seine Soldaten nach Syrien schicken um die in Syrien zurückgelassenen Landsleute der hier in Europa aufführenden und das Gastrecht missbrauchenden Jungen Syrern und Afghanen und wo diese überall herkommenden Banden, zu befreien.
EU-Deutschland wird an seiner Gutmenschlichen Naivität in sich zerfallen. Römische Dekadenz und Gutmenschtum haben sich in EU-Deutschland zu einen schädlichen Mix für unsere Gesellschaft und Kultur in Deutschland vereinigt.

Account gelöscht!

12.01.2016, 10:22 Uhr

Wenn man den Syrienkrieg unter verantwortungsethischer Fragestellung betrachtet, sieht man, daß es zwei Alternativen gibt:

Entweder die Staatlichkeit und Einheitlichkeit des Staates Syrien wird erhalten oder der Staat wird in einzelne Bruchstücke zerschlagen und geht dann den Weg, die die Westmächte in Libyen und im Irak geebnet haben.

Angesichts dieser Alternative ist für mich eindeutig, daß man, wenn man wirklich den Terrorismus bekämpfen und den Menschen in Syrien helfen will, die Staatlichkeit Syriens erhalten muß.

Auf Madaia angewandt, heißt das, daß die bewaffneten Aufständischen ihre Waffen niederlegen und der Versorgung der Menschen den Weg frei machen sollten. Dies gilt umso mehr, als alle Lebenserfahrung dafür spricht, daß die Bewaffneten in der Stadt die Hilfslieferungen zunächst mal für sich selbst rauben und die Hungernden erst danach mit den Resten versorgen.

Aus diesem Grunde ist m.E. die Unterstützung, die Rußland dem syrischen Staat im Kampf gegen die vom Ausland unterstützten Rebellen gewährt, richtig und notwendig. Im Gegensatz dazu ist die Politik des Westens destruktiv und zerstörerisch. Sie läuft darauf hinaus, daß Syrien zum einem gescheiterten Staat wird, der sich als Brutstätte und Rückzugsort aller möglichen Terrorgruppen anbietet.

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