Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

10.04.2011

14:27 Uhr

Bürgermeisterwahl in Tokio

Shintaro Ishihara: Profiteur der Katastrophe

VonJan Keuchel

Er ist ein Nationalist, ein Chinafeind, ein Schwulenhasser und ein irrationaler Dampfplauderer. Und dennoch haben ihn die Tokioter wiedergewählt.

Shintaro Ishihara (Archivbild von 2007) Quelle: Reuters

Shintaro Ishihara (Archivbild von 2007)

TokioDie vierte Amtszeit von Shintaro Ishihara, der am Sonntag bei den Regionalwahlen in Japan als Gouverneur von Tokio bestätigt wurde, zeigt deutlich, wie verstört und ängstlich die Bewohner der Hauptstadt noch immer sind in diesen Tagen. Hautsache ein wenig Stabilität in der Krise.

Vergessen die Aussage Ishiharas kurz noch dem Tsunami, der wohl 25.000 Menschen das Leben gekostet hat, dass die Katastrophe ein Himmelswerk war, um die selbstsüchtigen Japaner zu reinigen. „Das war eine Strafe Gottes “, hatte Ishihara vor Journalisten zum besten gegeben. Erst nach einem Aufschrei in der Bevölkerung entschuldigte er sich. Vergessen wohl auch, dass Ishihara, der als Student einst einen sehr renommierten Literaturpreis gewann, Homosexuelle für genetisch krank hält – und das Massaker der Japaner an hunderttausenden Chinesen 1937 in Nanking für eine Lüge. Es gibt Japaner, die sagen, dass es kein Wunder ist, dass die Rechtsnationalen auf Tokios Straßen recht unbehelligt ihre üble Propaganda herausschreien dürfen.

Und dennoch hat die Mehrheit in der Stadt ihn gewollt – und ihm damit erneut Macht verliehen über eine Region, deren Wirtschaftskraft größer ist als die von ganz Australien. „Er bietet ein Bild von Stabilität im Umgang mit der Krise, mehr als die anderen Kandidaten“, prophezeite Yasunori Sone, Politikwissenschaftler an der Keio Universität, schon vor der Wahl. Populistisch geschickt hatte Ishihara nicht nur (leicht) verstrahltes Tokioter Kranwasser vor laufenden Kameras getrunken. Er hatte sich auch offen über das schlechte Krisen-Management von Kraftwerksbetreiber Tepco erregt. Ruppiges Laut-Sprechen gehört normalerweise nicht zu den japanischen Tugenden - in der aktuellen Krise wurde es offenbar insgeheim geschätzt.

Die anderen 11 Kandidaten waren allerdings auch Leichtgewichte, die den parteilosen, aber von der Liberaldemokratischen Partei (LDP) gestützten Ishihara von vornherein nicht wirklich etwas anhaben konnten, zuvorderst Miki Watanabe, erfolgreicher und millionenschwerer Gründer der Restaurantkette Watami, aber politisch unbeleckt. Er wurde unterstützt von Teilen der Regierungspartei DPJ von Premier Naoto Kan.

Besonders niederschmetternd für die DPJ ist, dass sie nicht in der Lage war, einen eigenen Kandidaten zu finden. Die einzige Frau im derzeitigen Kabinett von Premier Naoto Kan, die populäre 4x-jährige Rehno, kniff – wohl auch, weil ihr die Chancen auf einen Sieg nicht klar genug schienen.

Politikwissenschaftler werden nun daran gehen auszuwerten, was die Wahlen für eine mögliche Koalition zwischen der DPJ und der größten Oppositionspartei LDP bedeutet. Nach der Erdbebenkatastrophe waren immer mehr Stimmen laut geworden, die einen nationale Kraftanstrengung zur Überwindung der Krise forderten. Kan selbst hatte der LDP auch bereits eine Koalition angeboten. Bisher hat diese das aber abgelehnt. Sollte die LDP bei den Regionalwahlen, die Ende April in weiteren Präfekturen weitergehen, deutlich besser abschneiden als die DPJ, dürfte sie wohl bei ihrer Ablehnung bleiben.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×