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03.02.2011

12:31 Uhr

Bürgerwehr gegen Plünderer

Die Revolution schützt ihre Kinder

VonMartin Gehlen

Schon am Tag sterben bei Strassenschlachten zwischen Mubarak-Schlägern und Demonstranten Menschen. Doch nachts herrscht in Kairo blanke Anarchie: Plünderbanden ziehen durch die Straßen, Bürgerwehren greifen mit Messern, Baseballschlägern und Flinten zur Selbstjustiz. Ein Ausflug auf die dunkle Seite der Revolution.

Soldaten nehmen in Kairo mutmaßliche Plünderer fest: Straßen werden zum gespenstischen Gruselkabinett dpa

Soldaten nehmen in Kairo mutmaßliche Plünderer fest: Straßen werden zum gespenstischen Gruselkabinett

KAIRO. Plötzlich kracht ein Schuss. Schreie und Trillerpfeifen hallen durch die nächtlichen Straßen im Kairoer Stadtteil Dokki. Aus allen Ecken kommen dunkle Gestalten angerannt. Im Handumdrehen ist das verdächtige Auto von fast hundert Männern umzingelt - Schlachtermesser blitzen im Schein der Laternen, ein kräftiger Kerl hält die Insassen mit seiner doppelläufigen Schrotflinte in Schach, während andere drohend ihre langen Stöcke in Bereitschaft halten.

Als sich im Kofferraum zwei Schnellfeuergewehre und einige Pistolen finden, werden die beiden Insassen unter martialischem Geschrei herausgezerrt und erst einmal durchprügelt. Ihre Ausweise verraten, dass sie der ägyptischen Geheimpolizei angehören. Triumphierend zieht ein ganzer Tross der Bürgerwehren dann vor das Tor der nahen Nasser-Militärakademie und übergibt die Gefangenen an die Armee, die hier einen Arrestraum hat.

Seit dem Wochenende sind die Abende und Nächte in Kairo nicht mehr Zeiten für entspannte Einkaufsbummel oder gemütliche Brettspiele im Teehaus. Mit Einbruch der Dunkelheit verwandeln sich Kairos Straßen in ein gespenstisches Gruselkabinett. An allen Straßenecken brennen offene Feuer und vertreten sich Männer mit Pistolen, Peitschen und Holzprügeln fröstelnd die Beine. Gelegentlich sieht man auch Säbel aus der Königszeit oder sogar Golfschläger.

Alles, was Plündererautos irgendwie aufhalten kann, ist zu improvisierten Straßensperren aufgetürmt - Steinbrocken, Palmenstämme, Müllcontainer, lange Leitern und sogar ein umgekipptes Wachhaus der Polizei. Einer hat sich sogar mit einer Holzlatte ein Nagelbrett gebastelt. An einer Hauswand stehen ein halbes Dutzend Molotow-Cocktails bereit.

Seit vier Nächten schon sorgen spontan gebildete Bürgerwehren für Sicherheit in den Wohnvierteln, selbst Polizeiautos müssen sich von den Anwohnern kontrollieren lassen. "Wir schützen unsere Familien und unser Eigentum", sagt ein junger Anwalt, der tagsüber eigentlich bei Nestle arbeiten müsste. Er hält ein Walkie-Talkie in der Hand, an seiner weißen Armbinde ist er als einer der nächtlichen Koordinatoren zu erkennen.

Kommentare (5)

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zeitenwende

03.02.2011, 14:01 Uhr

Der begriff Anarchie (griechisch anarchía Herrschaftslosigkeit) bezeichnet einen Zustand der Abwesenheit von Herrschaft.
Anarchie herrscht also nicht.

durden

03.02.2011, 14:46 Uhr

klugscheißer!!!

Zeitbeobachter

03.02.2011, 15:13 Uhr

in der jetzigen Phase der Revolution herrscht die Revolution selber, nämlich der Gemeinschaftsgeist.
Er ist unüberwindlich und wird die Revolution zum Erfolg führen. Wie die Machtverhältisse aussehen werden, sollte es zu freien Wahlen kommen, kann niemand vorhersagen. Allerdings kann der zu Tage getretene erstaunliche bürgersinn der Ägypter darauf hindeuten, dass man sich nicht in eine neue Autokratie gleich welcher Machart hineinmanipulieren läßt.

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