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01.09.2012

16:51 Uhr

Bulgarien

Exportmacht mit angezogener Handbremse

VonTill Hoppe

Bulgarien wirbt sich seit Jahren als Investitionsstandort. Doch noch halten die Unternehmen das ehemalige kommunistische Land auf Distanz. Die Rahmenbedingungen stimmen noch nicht.

Bulgariens Wirtschaft wird gebremst durch einen riesigen Verwaltungsapparat und der anhaltenden Korruption. ap

Bulgariens Wirtschaft wird gebremst durch einen riesigen Verwaltungsapparat und der anhaltenden Korruption.

SofiaAls Ivaylo Petrov seine Heimat verließ, um nach Deutschland zu gehen, da war diese Heimat "so gut wie tot". Mitte der 90er-Jahre war das, Bulgarien versank im Chaos der nachkommunistischen Jahre. Vor drei Jahren ist Petrov zurückgekehrt, um eine Fabrik aufzubauen, und er stellte überrascht fest, wie viel sich seither zum Besseren gewendet hat: "Es ist beinahe ein anderes Land", sagt er.

Petrov leitet ein Werk des Pumpenherstellers Ixetic, einer ehemaligen Tochterfirma des Autozulieferers Schaeffler mit rund 300 Millionen Euro Umsatz. Er hat die Fabrik nahe der zweitgrößten Stadt Plovdiv von Grund auf hochgezogen und schwärmt über die Bedingungen, die er vorgefunden hat: Vom Beantragen der Baugenehmigung bis zum arbeitsbereiten Werk seien gerade mal zehn Monate vergangen, das Projekt habe nur die Hälfte dessen gekostet, was in Deutschland angefallen wäre. Gute Mitarbeiter waren schnell gefunden, und nein, Korruption sei kein Problem gewesen, "niemand hat auch nur einen Euro von mir verlangt".

Wer Ivaylo Petrov zuhört, könnte denken, Bulgarien sei ein Paradies für Investoren. Das Land hat tatsächlich große Fortschritte gemacht, in den vergangenen zehn Jahren stieg die Wirtschaftsleistung um rund 50 Prozent. Paradiesisch sind die Zustände aber längst nicht, zumindest nicht für die meisten Unternehmen im Land. Petrov hatte das Glück, dass ihn die Investitionsförderungsagentur unterstützte und den Prozess enorm beschleunigte. Die Behörde, die von dem Harvard-Absolventen Borislav Stefanov geführt wird, müht sich redlich, Neuankömmlingen das Leben zu erleichtern. Sie hat aber nur gut zwei Dutzend Mitarbeiter.

Firmenbesteuerung in Deutschland und in Frankreich

Bisherige Situation in der Europäischen Union

In der EU gibt es bei der Firmenbesteuerung bisher 27 unterschiedliche Systeme zur Gewinnermittlung und kein einheitliches Regelwerk. Direkte Steuern können in der EU aber nur einstimmig geändert werden.

Wo der Unterschied liegt

In Frankreich ist der Steuersatz bisher höher als in Deutschland, die Berechnungsgrundlage beziehungsweise Steuerbasis aber niedriger. Unterm Strich ist die Belastung der Unternehmen in Frankreich höher.

Die ganz große Reform bleibt aus

Bei einer Harmonisierung der Körperschaftssteuer wäre nur ein Teil der Steuerlast betroffen. Schließlich gibt es noch die Gewerbesteuer. Merkel hatte in der Vergangenheit aber klargestellt, dass deutsche Unternehmen keine höhere Belastung befürchten müssten.

Regelungen in Deutschland

Hierzulande unterliegen Kapitalgesellschaften (AG und GmbH) der Körperschaftsteuer. Personengesellschaften hingegen - sie stellen den Großteil deutscher Betriebe dar - zahlen auf den Gewinn bis zu 42 Prozent Einkommenssteuer. Der Körperschaftssteuersatz wurde 2008 von 25 auf 15 Prozent gesenkt. Hinzu kommen der „Soli-Zuschlag“ und die Gewerbesteuer. Die nominale Steuerlast von Kapitalgesellschaften wurde von 38,65 auf 29,83 Prozent gesenkt. Die effektive durchschnittliche Steuerbelastung - also einschließlich aller Minderungsmöglichkeiten - liegt bei 28 Prozent.

Regelungen in Frankreich

In Frankreich liegt die nominale Steuerlast nach früheren Angaben des französischen Rechnungshofes bei 34,4 Prozent. Der Körperschaftssteuersatz beträgt 33,33 Prozent zuzüglich eines Steuerzuschlags. Die effektive durchschnittliche Steuerbelastung liegt dem Vernehmen nach bei 34,6 Prozent. Die Möglichkeiten, Verluste zu verrechnen, sind aber großzügiger.

Was die EU-Kommission sich vorgenommen hat

Die EU-Kommission hat im März 2011 Pläne für eine einheitliche Berechnungsgrundlage vorgelegt, die in Deutschland aber auf Widerstand gestoßen sind. Der Vorschlag sah vor, dass europäische Aktiengesellschaften optional Gewinne auf Basis einer Gemeinsamen konsolidierten Körperschaftsteuer-Bemessungsgrundlage (GKKB) versteuern können. Berlin pochte zuletzt auf eine obligatorische gemeinsame Bemessungsgrundlage. Befürchtet wird, dass ein Aufteilungsmechanismus erhebliche Möglichkeiten für einzelne Staaten bietet, sich ein höheres Steueraufkommen zu sichern.

Wer nicht in den Genuss der Vorzugsbehandlung kommt, hat es ungleich schwerer. Bulgarien ist zwar gerade auf ausländische Unternehmen angewiesen, wenn es sich als Produktionsstandort für die EU-Volkswirtschaften etablieren will. Deshalb wirbt Sofia in einer von der EU finanziell geförderten Offensive auch aktiv um Investoren.

Aber die Kampagne zieht bislang nicht so richtig. Die Direktinvestitionen dümpeln auf niedrigem Niveau dahin, "es gibt keine Anzeichen für ein Anziehen", konstatierte das Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) in seinem jüngsten Konjunkturreport. Auf nur gut eine Milliarde Euro dürften sich die Investitionen aus dem Ausland in diesem Jahr summieren.

Kommentare (1)

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BGNature.info

30.09.2012, 17:46 Uhr

Leider ist exakt dies ein bulgarisches Problem. Sie könnten als heimliche Sieger der Eurokrise hervorgehen.

Doch leider fehlt es an gutem Führungspersonal.

Doch der Fehler leigt nicht alleine an den Bulgaren.

Die ausländischen Firmen kommen nach Bulgarien, aufgrund der Steuervorteile und der Billig-Löhne.

So muss man sich die berechtigte Frage stellen.

Was verlangen ausländische Investoren von Ihrem schlecht bezahlten bulgarischen Personal?

Führungskräfte wandern aus und haben kein Interesse, für einen Hungerlohn in Bulgarien in einer ausländischen Firma zu bleiben.

So bleibt nur ein Weg.... gute Leistung zu fördern mit besseren Konditionen.

Oder es wird irgendwann ein Rentnerparadies für z.B. deutsche Rentner. Es wäre schade, wenn es dabei bliebe.

Oder Steuerflüchtlinge, die sich in Bulgarien niederlassen, aber nicht investieren werden.

BGNature.info

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