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13.08.2014

11:58 Uhr

Bundesbankchef

Spardisziplin von Frankreich gefordert

Der Chef der deutschen Bundesbank Jens Weidmann fordert von Frankreich mehr Spardisziplin und mahnte insbesondere die hohen öffentlichen Ausgaben an. Die Entwicklung des Landes könnte für EU und Euro entscheidend sein.

Die Flaggen Deutschlands, Frankreichs und Europas wehen am 22.01.2013 vor dem Reichstag: Bundesbankchef Weidmann fordert Spardisziplin von Frankreich. dpa

Die Flaggen Deutschlands, Frankreichs und Europas wehen am 22.01.2013 vor dem Reichstag: Bundesbankchef Weidmann fordert Spardisziplin von Frankreich.

ParisBundesbankchef Jens Weidmann hat Frankreich zu Spardisziplin gemahnt. Das Land müsse das „sehr hohe Niveau seiner öffentlichen Ausgaben“ verringern, sagte das EZB-Ratsmitglied der Zeitung „Le Monde“ in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview. Frankreich solle als zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone seiner Vorbildfunktion gerecht werden. „Das gilt besonders in Haushaltsfragen“, betonte Weidmann. Deutschlands westlicher Nachbar sei aber trotz seiner fiskalischen Probleme und mangelnder Wettbewerbsfähigkeit „nicht der kranke Mann Europas“.

Frankreichs Wirtschaft dümpelt derzeit vor sich hin. Für die am Donnerstag anstehenden Zahlen zum zweiten Quartal prognostizieren Experten eine mageres Plus von 0,1 Prozent nach einer Stagnation zu Jahresbeginn. Damit dürften sich die Wachstumserwartungen der Regierung für das Gesamtjahr als zu optimistisch erweisen. Somit könnte auch das Ziel in Gefahr geraten, das Haushaltsdefizit dieses Jahr auf 3,8 und nächstes Jahr auf 3,0 Prozent der Wirtschaftsleistung zu drücken.

Woran Frankreich krankt

Wettbewerbsfähigkeit

In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

Arbeitslosigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

Staatsverschuldung

Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2012 lag die Defizitquote weiterhin deutlich oberhalb von 3 Prozent, und auch für das Jahr 2013 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

Private Verschuldung

Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Verlust von Weltmarktanteilen

Große Probleme bestehen im externen Sektor. Der überdurchschnittlich starke Verlust von Weltmarktanteilen ist in Kombination mit trendmäßig steigenden Leistungsbilanzdefiziten besorgniserregend. Dies dürfte nicht allein auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein; diese hatte sich zwischen 2000 und 2008 permanent verschlechtert, verbesserte sich seitdem aber. Insbesondere Frankreichs Exportwirtschaft ist es nicht gelungen, vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer zu profitieren, sondern sie hängt nach wie vor von den Märkten im Euroraum ab.

Diese Entwicklung gilt als besonders heikel, da das Land von der EU bereits mehr Zeit zum Erreichen des Maastricht-Kriteriums erhalten hat als ursprünglich vorgesehen. Mit den veranschlagten 3,0 Prozent im kommenden Jahr strebt Frankreich nun eine Punktlandung an. Deutschland hingegen plant für dieses Jahr mit einem ausgeglichenen Haushalt. Dennoch darf sich die größte Volkswirtschaft der Euro-Zone laut Weidmann nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen. Es müsse mehr getan werden, um das Wachstum zu stützen. Die Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal stehen am Donnerstag zur Veröffentlichung an. Experten rechnen mit einer Stagnation.

Weidmann widersprach zugleich dem französischen Präsidenten Francois Hollande, der ein "Deflationsrisiko" in der Euro-Zone sieht und die Europäische Zentralbank (EZB) aufgefordert hat, mehr Liquidität in die Wirtschaft zu pumpen. Auf breiter Front fallende Preise gelten als Gift für eine Volkswirtschaft, da sie Konsum und Investitionen lähmen können. Der Bundesbankchef betonte, die Lage im Währungsraum entspreche nicht dem Szenario einer deflationären Abwärtsspirale. Auch seien Rufe nach einer Schwächung des Euro zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit eines Landes unangebracht. "Ein starkes Europa und ein starker Euro gehen Hand in Hand", sagte Weidmann.

Von

rtr

Kommentare (3)

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Frau Margrit Steer

13.08.2014, 12:21 Uhr

Ist schon mal jemandem aufgefallen, dass Deutschlad nur noch fordert, verlangt, befiehlt usw?
Wir brauchen uns nicht wundern, dass wir immer unbeleibter werden und die deutsche Kanzlerin sogar als Hitler abgebildet wird
Alle Ländr sollen es gfälligst so machen, wie Deutschland befiehtl.
Es gibt ein altes Sprichwort "Hochmut kommt vor den Fall"

Herr Herbert Grumbel

13.08.2014, 16:29 Uhr

Frau Steer, da haben sie aber etwas falsch verstanden.
Wir haben jetzt einen gemeinsamen Euro. Da sind wir bestimmt noch einer Meinung. Frankreich gönnt sich schon nahezu in allen Euro-Jahren deutlich mehr Ausgaben als sie Einnahmen generieren können. Das ist nichts neues, früher haben sie einfach alle paar Jahre einmal den Franc abgewertet, dann ging das wieder ein Weilchen, da der Nullpunkt im Wert noch nicht erreicht war. Nun möchten sie das gleiche Spielchen mit dem Euro weiterspielen. Irgendwann wird das auch nicht mehr genügen, dann werden sie nach Rettungsschirmen und einer gemeinsamen Schuldenhaftung schreien. Derzeit möchten sie schon die Arbeitslosen gemeinschaftlich bezahlen lassen, da sie ihre Arbeitslosen schon gar nicht mehr mit noch mehr Schulden bezahlen könne und wollen.
Dafür brauchen sie Deutschland, nur dafür sind wir gut. Nur zum Zahlen. Ansonsten sollen wir gefälligst die Klappe halten.
Danke, dann lasse ich mich lieber beschimpfen als diesem Treiben unwidersprochen zuzuschauen.

Herr Manfred Zimmer

13.08.2014, 20:10 Uhr

Was macht Herr Weidmann tatsächlich?

Er legt schlicht den Finger in offene Wunden. Mehr darf er nicht mehr und er wäre heilfroh, wenn man ihn "erlösen" würde. Chancen, dass er gehört wird oder er etwas verändern würde, hat er nicht.

Das, was sich da Europa oder EU nennt, ist eher ein Hühnerhaufen als eine Interessengemeinschaft.

Das, was da abgeht, führt zwangsläufig in die Auflösung des Euros und der EU. Eine AfD hätte es nicht bedurft. Vielleicht wäre es ohne die AfD noch viel schneller gegangen.

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