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06.03.2014

10:13 Uhr

Catherine Ashton

Brisantes Telefonat bringt Ukraine in Bedrängnis

Ein abgehörtes Telefonat der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton deutet darauf hin, dass die neue Führung der Ukraine schuld am Blutbad in Kiew ist. Am 20. und 21. Februar starben dabei viele Dutzend Menschen.

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton: Ein Telefonat mit dem estnischen Außenminister wurde mitgeschnitten. AFP

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton: Ein Telefonat mit dem estnischen Außenminister wurde mitgeschnitten.

TallinnEin von Unbekannten veröffentlichtes Telefonat der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton mit dem estnischen Außenminister Urmas Paet bringt die neue Führung der Ukraine in Bedrängnis. In dem Gespräch vom 26. Februar deutet Paet an, dass womöglich auch die damalige Opposition für das Blutbad in Kiew wenige Tage zuvor verantwortlich sein könnte – und nicht der inzwischen abgesetzte damalige Präsident Viktor Janukowitsch. Die Echtheit des Telefonmitschnitts wurde von der estnischen Regierung inzwischen bestätigt.

Bei dem Blutbad in Kiew am 20. und 21. Februar waren mehrere Dutzend Demonstranten und auch etwa 15 Polizisten getötet worden. „Es wird inzwischen immer mehr angenommen, dass hinter den Heckenschützen nicht Janukowitsch steckte“, sagte Paet. Vielmehr werde „irgendjemand“ von der damaligen Opposition, die inzwischen die Macht in der Ukraine übernommen hat, verdächtigt.

„Fuck the EU“

Eine Europa-Beauftragte, die Europa verärgert

Es ist ein Fauxpas, der selbst Merkel auf den Plan ruft: „Fuck the EU“, hatte die amerikanische Europa-Beauftragte Nuland in einem Telefonat gesagt, das an die Öffentlichkeit kam. Wer ist die undiplomatische Diplomatin?

„Es ist wirklich verstörend, dass die neue Koalition nicht untersuchen will, was wirklich geschah“, sagte Paet. Er hatte einen Tag vor dem Telefonat mit Ashton mit der neuen Führung in Kiew gesprochen. Die EU-Außenbeauftragte zeigte sich von den Aussagen des estnischen Außenministers verwirrt: „Ich denke, wir wollen eine Untersuchung. Ich meine, ich weiß nicht. Meine Güte.“

Paets Sprecherin bestätigte inzwischen die Authentizität der Aufnahme, deren Veröffentlichung sie verurteilte. „Wir weisen die Annahme zurück, dass Paet die Einschätzung äußerte, dass die Opposition in die Gewalt verwickelt war“, fügte Minna-Liina Lind hinzu.

Schon im Februar war ein Telefonat abgehört und aufgezeichnet worden – das der Europa-Beauftragten von US-Außenminister John Kerry, Victoria Nuland, mit dem US-Botschafter in Kiew, Geoffrey Pyatt. „Scheiß' auf die EU“ („Fuck the EU“), ist Nuland in dem Telefonat zu hören, von dem eine Aufnahme am Donnerstag auf der Online-Plattform Youtube auftauchte. Wie der Mitschnitt des vertraulichen Gesprächs ins Internet gelangte, war unklar.

Von

afp

Kommentare (32)

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Account gelöscht!

06.03.2014, 11:16 Uhr

Zunächst einmal finde ich es gut, dass die Presse nach langer Enthaltsamkeit doch langsam wieder zurückfindet zu ihrer eigentlichen Rolle: investigativer Journalismus und nicht Stichwortgeber der Mächtigen.

Am Fall des abgehörten Telefongesprächs wird deutlich, dass die Wahrheit selten das ist, was uns als solche von der Politik verkauft wird. Bei der Ukraine geht es nicht um das Wohl das Bürger, sondern um kalt berechnende Bündnispolitik. Das zu neuem Selbstbewusstsein erweckte Russland soll schon seit längerer Zeit eingebremst werden. Kaum ein Bericht aus dem Olympiadorf Sotchi kam z.B. ohne massive Nörgelei über Russland aus. Dabei hat das Riesenland in den letzten Jahren in vielen Bereichen große Fortschritte gemacht. Doch das darf nicht sein, gefährdet es doch den Machtanspruch der Nato, der USA und der EU. Seit längerem wird deshalb versucht, die Ukraine aus dem russischen Block herauszulösen. Massiv wurde die Opposition aus dem Westen heraus unterstützt. Das mag man als legitim erachten. Dreckig wird es jedoch, wenn man dem gerade noch amtierenden Machthaber Janukowitsch für Gewalt und Scharfschützen verantwortlich macht, die eventuell gezielt von der Gegenseite auf die Bevölkerung gehetzt wurden. Klingt unwahrscheinlich, ist es aber nicht. Bereits Hitler legitimierte den Angriff gegen Polen mit einem Angriff der eigenen Leute - er steckte deutsche Soldaten in polnische Uniformen und ließ diese einen Rundfunksender überfallen. Und auch in Syrien fand ein mörderischer Giftgasangriff auf die Zivilbevölkerung statt, der vom Westen Assad zugeschoben wurde, obwohl zwei Wochen vorher an der türkischen Grenze Rebellen mit Giftgas erwischt wurden. Aber so ist es eben, wenn es um mehr geht als um Bürgerinteressen: Die Wahrheit bleibt als erstes auf der Strecke. Unschön, dass auch die EU scheinbar an diesem Spiel mitwirkt.

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06.03.2014, 11:31 Uhr

Paets Sprecherin bestätigt die Authentizität der Aufnahme, verurteilt deren Veröffentlichung und weist die Annahme zurück, dass er gesagt hat, was er gesagt hat.

Soso, das ist ja sehr aufschlussreich.
Touché, würde ich sagen.

Account gelöscht!

06.03.2014, 11:50 Uhr

@Handelsblatt-Redaktion: Gestern wurde vermehrt durch einige Kommentatoren der Hinweis auf das im Internet aufgetauchte Telefonat hingewiesen. Es hat keine 15 Minuten gedauert und jeder Kommentar, jeder Verweis wurde vom Handelsblatt gelöscht. Das hat für sehr viel negative Kritik gesorgt und war meines Erachtens eine glatte Fehlentscheidung des Zensors. Umso mehr freut es mich, dass das Handelsblatt heute zumindest einen Artikel über dieses tatsächlich stattgefundene Telefonat veröffentlicht. Auch wenn hier noch sehr vorsichtig und zögerlich darüber berichtet wird - zumindest liest es sich so als ob noch immense Zweifel bestehen - geht man wenigstens in die richtige Richtung. Insofern würde ich mich freuen, wenn das Handelsblatt zukünftig nicht so häufig den Rotstift ansetzt und die Kommentatoren hier voreilig verurteilt.

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