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12.01.2015

16:11 Uhr

„Charlie Hebdo“-Attentat

Filmer bedauert Aufnahme von Polizistenmord

Von seinem Fenster aus filmte Jordi Mir die „Charlie Hebdo“-Attentäter, stellt das Video ins Internet – und ist geschockt, als seine Aufnahmen von der Ermordung eines Polizisten kurz darauf auf allen Sendern laufen.

Das sind die Aufnahmen, die Jordi Mir aus seinem Fenster machte. Während Mir die Kamera laufen lässt, hört er einen der Schwarzgekleideten schreien: „Du willst uns töten?“ Reuters

Das sind die Aufnahmen, die Jordi Mir aus seinem Fenster machte. Während Mir die Kamera laufen lässt, hört er einen der Schwarzgekleideten schreien: „Du willst uns töten?“

ParisAls die ersten Schüsse fallen, glaubt Jordi Mir an einen Banküberfall. Er stürzt zum Fenster, sieht zwei schwarz gekleidete Männer mit Gewehren über die ansonsten ruhige Straße vor seinem Fenster in Paris auf einen am Boden liegenden Polizisten zulaufen. Mir hält sie für die Mitglieder einer Spezialeinheit, die einem verletzten Kollegen helfen wollen und schaltet die Kamera ein.

Die Szene kennen inzwischen Millionen. Ungezählte Male ist sie über die Bildschirme der Fernsehstationen geflimmert. Sie ist zu einem Symbol der Brutalität des Mordanschlags auf die Satirezeitung „Carlie Hebdo“ am Mittwoch vergangener Woche geworden.

Während Mir die Kamera laufen lässt, hört er einen der Schwarzgekleideten schreien: „Du willst uns töten?“ Der Mann am Boden ist der 42-jährige Ahmed Merabet. Er hebt die Hand und sagt: „Nein, es ist okay, Chef.“ Doch der schießt ihn in den Kopf.

Mir begreift, dass er da keine Polizisten gefilmt hat, sondern Terroristen. Er lädt das Video auf seinen Computer und einen Datenträger, den er Ermittlern in die Hand drückt. Und dann lädt Mir das 42 Sekunden lange Video ungeschnitten auf seine Facebook-Seite. Warum, weiß er bis heute nicht. „Ich war völlig durchgedreht“, sagt der schlanke Mann Anfang 50 der Nachrichtenagentur AP. „Ich musste mit jemandem reden. Ich war allein in meiner Wohnung.“

Die offenen Fragen zu den Paris-Anschlägen

Gehen noch mehr Anschläge auf das Konto der Islamisten?

Amédy Coulibaly (der Supermarkt-Geiselnehmer) verübte womöglich noch zwei weitere Anschläge: Am vergangenen Mittwochabend wurde in Fontenay-aux-Roses südlich von Paris ein Jogger durch Schüsse verletzt. Die Ermittler bringen eine im von ihm überfallenen jüdischen Supermarkt gefundene Pistole der Marke Tokarew mit den Schüssen auf den Jogger in Verbindung.

Am Donnerstag detonierte zudem in Villejuif bei Paris eine Autobombe, ohne dass es Verletzte gab. In einem mutmaßlichen Bekennervideo Coulibalys ist unter anderem von einem „Sprengsatz“ an einem Auto die Rede, laut Ermittlern gibt es bei der Tat noch mehr Hinweise für eine Verbindung zu dem Islamisten.

Hatten die Attentäter Komplizen?

Premierminister Manuel Valls sprach am Montag von vermutlich mindestens einem Komplizen. Coulibaly habe "wahrscheinlich einen Komplizen" gehabt, sagte der Regierungschef. Darauf deutet auch das Bekennervideo des Islamisten hin: Dort ist von der Geiselnahme im jüdischen Supermarkt die Rede, bei der Coulibaly am Freitagnachmittag von Elite-Einheiten erschossen wurde. Das Video wurde also von einem Dritten angefertigt. Möglich ist auch, dass ein Komplize mit der später bei Coulibaly gefundenen Tokarew-Pistole auf den Jogger in Fontenay-aux-Roses schoss.

Auch bei den Kouachi-Brüdern war immer wieder die Rede von einem möglichen dritten Beteiligten beim Anschlag auf „Charlie Hebdo“. Ein junger Mann, der zwischenzeitlich als Fahrer verdächtigt wurde, wurde aber entlastet.

Woher hatten die Attentäter Geld und Waffen?

Die Islamisten hatten ein wahres Arsenal an Waffen und Sprengstoff bei sich. Ein Experte schätzt den Schwarzmarkt-Preis der bei den Kouachi-Brüdern gefundenen Waffen auf 7000 Euro, bei Coulibaly auf 6000 Euro. Unklar ist, woher das Geld kam und wie die Attentäter sich die Waffen besorgten. Zumindest Coulibaly war als Wiederholungstäter bei Straftaten wie Diebstahl, Raub und Drogenhandel bekannt.

Bildeten die Attentäter eine Terrorzelle?

Die Ermittler gehen der Frage nach, ob die Islamisten eine durchorganisierte Terrorzelle bildeten - und ob sie womöglich sogenannte Schläfer waren, die von Al-Kaida aktiviert wurden. Chérif Kouachi gab an, von Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Aqap) beauftragt worden zu sein. Coulibaly bezeichnete sich als Mitglied des IS. Weder Al-Kaida noch der Islamische Staat haben sich aber zu der Anschlagsserie von Paris bekannt. Die Ermittler untersuchen auch die Verbindungen, die die Kouachi-Brüder und Coulibaly mit anderen Islamisten in Frankreich hatten.

Wie oft reisten die Attentäter ins Ausland?

Chérif und Said Kouachi reisten 2011 beide in den Jemen, zumindest Said wurde dort offenbar von Al-Kaida im Umgang mit Waffen ausgebildet. Said soll auch 2009 und 2013 in dem Land gewesen sein, das als Hochburg von Islamisten bekannt ist. Bestätigt ist dies aber nicht. Bei Coulibaly sind dagegen keine Auslandsreisen in gefährliche Gebiete bekannt, wie Premier Valls sagte.

Auf Facebook hat er 2500 Freunde. In zehn Jahren hat er sich angewöhnt, dort alles zu teilen, was er gesehen hat. „Ich mache ein Foto - eine Katze - und stelle es auf Facebook. Es war der selbe, dumme Reflex“, sagt Mir. Es dauert nicht lange, bis er das begreift. Keine Viertelstunde später löscht er das Video - doch es ist zu spät.

Seine Freunde haben das Video geteilt, einer stellt es auf die Videoplattform Youtube. Als Mir den Fernseher anstellt, läuft sein Filmchen auf allen Kanälen. Er und die gesamte Welt sehen immer wieder wie die Terroristen Chérif und Said Kouachi den verletzten Polizisten töten. Viele Sender geben sich nicht die Mühe, den Sterbenden unkenntlich zu machen oder wie AP die Szene herauszuschneiden.

Kommentare (11)

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Herr Matthias Moser

12.01.2015, 16:50 Uhr

Was heißt hier Bedauern: So etwas stellt man einfach nicht ins Netz, das übergibt man den Behörden. Und wenn es schon im Web steht, dann sollen Youtube und Co. das gefälligst löschen.

... .bürste

12.01.2015, 16:52 Uhr

eine Analyse dazu!
hier:
>>vimeo.com/116322290<<

Herr Vittorio Queri

12.01.2015, 16:53 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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