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15.10.2013

12:03 Uhr

Checkliste Griechenland

Die nackten Fakten

VonJan Mallien

Wie ist es um Griechenland bestellt? Wir machen den Faktencheck und bewerten Wettbewerbsfähigkeit, Finanzpolitik, Arbeitslosigkeit und Rente. Fazit: Es gibt noch drei große Baustellen.

Die Reform der Finanzverwaltung gehört zu den Baustellen in Griechenland. dpa

Die Reform der Finanzverwaltung gehört zu den Baustellen in Griechenland.

Ein geschärfter Blick auf die Zahlen sagt mehr als blumige Ansprachen von Politikern und Wirtschaftsführern. Unsere Ausgangsfrage: Wie hat sich Griechenland in den vergangenen Jahren entwickelt, wie ist es heute um das Land bestellt? Wir machen den Faktencheck und bewerten die Wettbewerbsfähigkeit des Landes, schauen auf die Finanzpolitik der vergangenen Jahre und überprüfen, was sich auf dem Arbeitsmarkt und beim Rentenalter getan hat.

Wettbewerbsfähigkeit:

Hinterher ist man immer schlauer. Aus heutiger Sicht wundert es kaum, dass Griechenland irgendwann in Schwierigkeiten geraten musste. Seit der Euro-Einführung schrieb das Land jahrelang zweistellige Defizite in der Leistungsbilanz. Sprich: Die Ausgaben für Importgüter und Dienstleistungen aus dem Ausland waren viel größer als die Einkünfte aus Exporten, Tourismus und Überweisungen von Landsleuten aus dem Ausland.

Schon im Jahr 2000 lag das Defizit bei 12 Prozent der Wirtschaftsleistung und schwoll bis 2008 auf 18 Prozent an.

Innerhalb von fünf Jahren gelang jedoch die Trendwende. Griechenland hat sein Defizit auf weniger als drei-Prozent gedrückt. Damit haben die Griechen diejenigen des Gegenteils belehrt, die behaupteten, es sei unmöglich die Exporte spürbar zu steigern. Von 2009 bis 2013 konnte das Land seine Ausfuhren von 14 auf 28 Milliarden Euro verdoppeln. Die Importe gingen im selben Zeitraum von 50 auf 44 Milliarden Euro zurück.


Die gestiegene Wettbewerbsfähigkeit zeigt sich auch in den Lohnstückkosten, die den Lohn ins Verhältnis zur Arbeitsproduktivität setzen. 2009 erreichten sie in Griechenland ihren Höhepunkt. Seither ging es jedoch mit den Löhnen nur noch in eine Richtung: nach unten. Heute liegen die Lohnstückkosten nur noch rund 17 Prozent über dem Niveau während der Euro-Einführung.

Finanzpolitik:

Seinen Beitritt zum Euro im Jahr 2001 erschlich sich Griechenland mit falschen Budgetzahlen. Ein Defizit von nur 1,2 Prozent vermeldeten die Griechen im Jahr 2000 und wurden von den anderen Euro-Ländern im Club willkommen geheißen.

Einige Jahre später stellten sich die Zahlen als Luftnummer heraus. 2004 musste die griechische Regierung sie erstmals revidieren. Das ganze Ausmaß der Manipulation kam jedoch erst Jahre später ans Licht.

Inzwischen ist klar: Griechenland hat das Maastricht-Kriterium eines Haushaltsdefizits von maximal drei-Prozent der Wirtschaftsleistung in keinem Jahr seit der Euro-Einführung erreicht.

Das mit den Gläubigern ausgehandelte Hilfsprogramm sah ursprünglich vor, dass Griechenland bis 2015 etwa 50 Milliarden Euro durch den Verkauf von Staatseigentum erlösen sollte. Das erwies sich schnell als illusionär.

Viele Experten glauben außerdem, dass Griechenland über das bisherige Rettungspaket hinaus weitere Finanzhilfen braucht. Dennoch hat sich die finanzielle Lage heute dank eines Schuldenschnitts und harter Einsparungen verbessert. 2009 lag das Haushaltsdefizit bei 15,6 Prozent – für dieses Jahr wird mit einem Minus von 3,8 Prozent gerechnet. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres erzielte Griechenland vor Zins- und Tilgungszahlungen bereits einen Überschuss.

Arbeitslosigkeit:

Mit einer Arbeitslosenrate von rund 27 Prozent ist Griechenland Spitzenreiter in Europa. Seit 2008 hat sich die Quote fast vervierfacht. Zuletzt hat es einige Reformen am Arbeitsmarkt gegeben. So wurde der Mindestlohn von 751 auf 586 Euro gesenkt und zahlreiche Lohnzuschüsse abgeschafft. Auch die Tarifverhandlungen wurden flexibilisiert und werden nun nicht mehr für ganze Branchen sondern auf Betriebsebene geführt.

Beides hat zu niedrigeren Lohnstückkosten beigetragen. Auch die drastischen Kürzungen bei Staatsbediensteten setzen die Löhne im Privatsektor unter Druck.

In den Arbeitslosenzahlen macht sich dies allerdings bis jetzt noch nicht bemerkbar.

Rente:

Obwohl die Bevölkerung älter geworden ist, sind die Griechen in den letzten Jahren immer früher in Rente gegangen. Das tatsächliche Renteneintrittsalter bei Männern sank von 63 Jahren im Jahr 1995 auf 62 Jahre 2011.

Bei Frauen ging es im gleichen Zeitraum von 61 auf 60 Jahre zurück. Das soll sich nun ändern. Ende 2012 beschloss das griechische Parlament eine Anhebung des gesetzlichen Rentenalters von 65 auf 67 Jahre.

Die griechische Regierung hat außerdem die Rentenleistungen gekürzt.

Fazit:

Von allen Krisenländern der Eurozone hatte Griechenland die schwierigste Ausgangsposition. Obwohl es viele Reformen angestoßen hat, ist der Weg der Anpassung noch nicht vollendet. Baustellen sind etwa die Privatisierung von Staatsvermögen, die Reform des Staatssektors und die Reform der Finanzverwaltung.

Kommentare (5)

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Mazi

15.10.2013, 12:36 Uhr

"Seinen Beitritt zum Euro im Jahr 2001 erschlich sich Griechenland mit falschen Budgetzahlen."

Wie weit ging die Beteiligung von Herrn Draghi bei dieser Fälschung?

Es gibt erfahrene Leute, die behaupten: Einmal kriminell, immer kriminell!

Was lehrt uns diese Erfahrung und zu welchen Konsequenzen zwingen sie uns?

Account gelöscht!

15.10.2013, 12:37 Uhr

"..ist der Weg der Anpassung noch nicht vollendet. "

Der Weg ist ein Weg in die falsche Richtung (siehe Arbeitslosenquote und Export).

ToMo

15.10.2013, 14:47 Uhr

Welcher Azubi hat denn diese Grafiken geliefert?

Nach diesen hatte Deutschland 1999 trotz 1.148 Mrd € Exporten und nur 445 Mrd. Importen ein Leistungsbilanzdefizit. Soviel haben wir doch damals kaum fuer Urlaub und Uebertragungen ausgegeben.

2012 hat sich die Situation angeblich gravierend veraendert. Die Exporte sind auf 597 Mrd € geschrumpft, die Importe haben sich aber auf 909 Mrd. € erhoeht. Trotzdem haben wir aber wie durch ein Wunder einen hohen Leistungsbilanzueberschuss. Anscheinend verstehen wir das mit dem Rettungsschirm alle falsch und tatsaechlich uebertraegt uns der Rest der Welt jaehrlich etwa 500 Mrd. € (6.39%*BIP+909-597 Mrd.+Urlaubsausgaben).

Und natuerlich kann man bei der gewaehlten Skalierung fuer Griechenland nur eine Linie nahe der 0 sehen.

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