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17.10.2013

18:32 Uhr

Checkliste Portugal

Die nackten Fakten

VonJan Mallien

Wie ist es um Portugal bestellt? Wir machen den Faktencheck und bewerten Wettbewerbsfähigkeit, Finanzpolitik, Arbeitslosigkeit und Rente. Vor allem beim tatsächlichen Renteneintritt ist Portugal beispielhaft.

Unterm Strich hat Portugal enorme Reformen auf den Weg gebracht. dpa

Unterm Strich hat Portugal enorme Reformen auf den Weg gebracht.

Ein geschärfter Blick auf die Zahlen sagt mehr als blumige Ansprachen von Politikern und Wirtschaftsführern. Unsere Ausgangsfrage: Wie hat sich Portugal in den vergangenen Jahren entwickelt, wie ist es heute um das Land bestellt? Wir machen den Faktencheck und bewerten die Wettbewerbsfähigkeit des Landes, schauen auf die Finanzpolitik der vergangenen Jahre und überprüfen, was sich auf dem Arbeitsmarkt und beim Rentenalter getan hat.

Wettbewerbsfähigkeit:

Portugal hat eine beeindruckende Anpassung hinter sich. Diese lässt sich vor allem an der Leistungsbilanz ablesen. Dahinter steht der Saldo aus dem Handel von Gütern- und Dienstleistungen sowie aus Überweisungen eines Landes mit dem Ausland. Besonders wettbewerbsfähige Volkswirtschaften verkaufen in der Regel mehr Güter ins Ausland als sie von dort beziehen.

In der portugiesischen Leistungsbilanz stand lange ein dickes Minus. Noch 2010 lag dieses Defizit bei 10,35 Prozent der Wirtschaftsleistung. Doch sinkende Löhne und Reformen am Arbeitsmarkt zeigen Wirkung. Schon für dieses Jahr wird Portugal ein Überschuss in der Leistungsbilanz von 0,14 Prozent der Wirtschaftsleistung prognostiziert.

Die Verbesserung geht sowohl auf höhere Exporte als auch auf geringere Importe zurück. Die Exporte stiegen zwischen 2010 und 2013 von 36 auf prognostizierte 45 Milliarden Euro. Gleichzeitig gingen die Importe 64 auf 53 Milliarden Euro zurück.

Die gestiegen Wettbewerbsfähigkeit spiegelt sich auch in der Entwicklung der Lohnstückkosten. Die Kennzahl setzt den Lohn ins Verhältnis zur Arbeitsproduktivität. In Portugal sind die Lohnstückkosten zu Beginn der Euro-Einführung stark gestiegen – bis sie 2009 ihren Höhepunkt erreichten. Damals lagen sie bei 132 Prozent des Niveaus von 2000. Seither sind die 126 Prozent des Ausgangsniveaus gefallen.

Finanzpolitik:

Auf den ersten Blick sahen Portugals Finanzen vor der Krise gar nicht so schlecht aus. Die starke Konjunktur ließ die Einnahmen sprudeln. In den Jahren 2002 und 2003 war das Haushaltsdefizit sogar kleiner als in Deutschland. Bis 2008 verfehlte das Land nur knapp das Maastricht-Kriterium eines Haushaltsdefizits von maximal drei Prozent. Das änderte sich erst mit der Finanzkrise. 2009 schrieb Portugal ein Defizit von 9,7 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Seither hat die Regierung unter Ministerpräsident Pedro Passos Coelho einen drastischen Sparkurs eingeleitet. Ausgaben der öffentliche Verwaltung wurden gekürzt, eine Sondersteuer auf das Weihnachtsgeld eingeführt und die Mehrwertsteuer von 21 auf 23 Prozent erhöht. Allein genützt haben all die Anstrengungen bisher wenig. Solange die Wirtschaft schrumpft, gibt es kaum eine Chance für einen ausgeglichenen Haushalt.

Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosenzahlen in Portugal sind ein besonders trauriges Kapitel der Wirtschaftskrise. In der Einführungsphase des Euro im Jahr 2000 lag die Arbeitslosigkeit bei 4,5 Prozent. Heute sind es über 18 Prozent. Noch desolater sieht es bei der Jugendarbeitslosigkeit aus: 37 Prozent der 15 bis 24 Jährigen haben keinen Job.

Rente:

Beim tatsächlichen Renteneintritt können sich die anderen Euro-Länder – auch Deutschland – ein Beispiel an Portugal nehmen. 2011 gingen Männer im Schnitt mit 66 Jahren und Frauen mit 65 Jahren tatsächlich in Rente. Das ist deutlich später als anderswo in Europa.

Fazit:

Unterm Strich hat Portugal enorme Reformen auf den Weg gebracht. Doch die Erfahrung zeigt: Reformen brauchen Zeit, bis sie ihre Wirkung zeigen. Zugute kommt dem Land, das es relativ klein ist und deshalb leichter die Chance hat, sich aus der Krise herauszuexportieren.

Kommentare (2)

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Leserin

18.10.2013, 01:09 Uhr

Finden Sie es nicht widersinnig, einerseits von einer Jugendarbeitslosigkeit von 37 % zu schreiben und andererseits das hohe Renteneintrittsalter als beispielhaft zu loben? Die Jugend wird nicht gebraucht, und die Alten müssen schuften, solange es nur irgendwie geht? Und eine solche Schieflage nennen Sie "Reformen"? Und wenn alle Länder nur noch exportieren sollen - sich aus der Krise herausexportieren -, wer kauft deren Produkte dann noch, und wohin soll dieser wahnhafte Wettbewerb eigentlich noch führen?- Sehen Sie, eine Gesellschaft besteht eben aus mehr als nur aus "nackten Fakten" - sie besteht aus Menschen. Und so gesehen ergibt eine Zahl - Rente mit 66 - überhaupt keinen Sinn, wenn ihr eine andere Zahl - 37 % Jugendarbeitslosigkeit - gegenübersteht. Und auch die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 23 % kann man nicht als "Reform" bezeichnen. Es ist keine "Reform", im Zweifel den Menschen nur immer mehr Lasten aufzubürden, sondern politische Ideen- und Skrupellosigkeit.

Ich_kritisch

18.10.2013, 06:16 Uhr

Ja, gerade an solch einem kleinen Land kann man sehr deutlich sehen was es war, wie es geht, warum es so ist wie es ist.

Dem Land und den Bürgern ging es gut. Die Arbeitnehmer verdienten vernünftige Gehälter und konnten sich etwas leisten. Sie konnten die Produkte des eigenen Landes kaufen und auch noch einiges Importierte. Dann kam die "Finanzkrise" und die Banken mussten gerettet werden. Und diese Rettung fand ganz schlicht und einfach auf dem Rücken der Bürger statt. Höhere Steuern für alle und gleichzeitig nidriegere Löhne. Ergebnis -> hohe Arbeitslosigkeit und deutlich weniger Kaufkraft. Ja, heute exportiert Portugal das was die Bürger nicht mehr konsumieren können und importiert weniger, da die Bürger sich weniger leisten können.
Dafür hat keiner der Banken-Anleger auch nur einen Cent verloren.

Ja, am Beispiel Portugals sieht man sehr genau was seit der "Finanzkrise" passiert ist. Man nennt es auch Umverteilung von unten nach oben. Wozu nur? Die, die durch eine nicht erfolgte Bankenrettung Geld verloren hätten, haben doch eh mehr als sie ausgeben können. Es ist verrückt!

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