Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.10.2013

11:41 Uhr

Checkliste Spanien

Die nackten Fakten

VonJan Mallien

Wie ist es um Spanien bestellt? Wir machen den Faktencheck und bewerten Wettbewerbsfähigkeit, Finanzpolitik, Arbeitslosigkeit und Rente. Fazit: Spanien braucht jetzt vor allem eines – Geduld.

Spanien gehört zu den Reform-Musterschülern unter den Krisenländern. dpa

Spanien gehört zu den Reform-Musterschülern unter den Krisenländern.

Ein geschärfter Blick auf die Zahlen sagt mehr als blumige Ansprachen von Politikern und Wirtschaftsführern. Unsere Ausgangsfrage: Wie hat sich Spanien in den vergangenen Jahren entwickelt, wie ist es heute um das Land bestellt? Wir machen den Faktencheck und bewerten die Wettbewerbsfähigkeit des Landes, schauen auf die Finanzpolitik der vergangenen Jahre und überprüfen, was sich auf dem Arbeitsmarkt und beim Rentenalter getan hat.

Wettbewerbsfähigkeit:

Nach Einführung des Euro erlebte Spanien einen beispiellosen Wirtschaftsboom. Steigende Immobilienpreise und eine lockere Kreditvergabe befeuerten die Binnenkonjunktur – und trieben Löhne und Preise in die Höhe. Die Entwicklung hatte jedoch eine Kehrseite: Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der spanischen Wirtschaft ging spürbar zurück. Spaniens Saldo aus dem Handel von Gütern- und Dienstleistungen sowie aus Überweisungen mit dem Ausland rutschte kräftig ins Minus. 2007 betrug das Leistungsbilanzdefizit 10 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Doch Spanien schaffte früher die Trendwende als andere Krisenländer. Im Jahr 2009, als Griechenland oder Portugal noch zweistellige Leistungsbilanzdefizite schrieben, hatte Spanien sein Defizit bereits auf 4,7 Prozent der Wirtschaftsleistung reduziert. Inzwischen macht es sogar Überschüsse.

Dies geht sowohl auf höhere Exporte als auch auf niedrigere Importe zurück. Zwar sind die Exporte auch schon vor der Krise gewachsen. Damals jedoch deutlich langsamer als die Importe. Der Überschuss in der Leistungsbilanz erklärt sich daraus, dass nicht nur Importe und Exporte einfließen, sondern auch Spaniens hohe Einkünfte aus Tourismus und aus Überweisungen spanischer Gastarbeiter.

Im Gleichschritt mit der Leistungsbilanz verbesserten sich auch die Lohnstückkosten. Sie setzen den Lohn ins Verhältnis zur Arbeitsproduktivität und sind daher ebenfalls eine wichtige Kennzahl für die Wettbewerbsfähigkeit. In Spanien stiegen die Lohnstückkosten nach der Euro-Einführung steil an. 2009 lagen sie im Schnitt 37,6 Prozent über dem Niveau von 1999. Inzwischen sind es nur noch 27,8 Prozent.

Finanzpolitik:

Spanien war lange Zeit Musterschüler bei der Einhaltung der Maastrichter-Defizitkriterien. Von 2005 bis 2007 machte das Land sogar Haushaltsüberschüsse und wurde allseits für seine solide Finanzpolitik gelobt. Doch Spaniens Geschichte zeigt auch, wie problematisch Schuldenbremsen sind, die sich auf ein einzelnes Kriterium wie das Haushaltsdefizit stützen. Denn in Spanien war es zunächst nicht der Staat, der sich verschuldete, sondern der Privatsektor. Häuslebauer etwa, die ihr neues Eigenheim auf Pump finanzierten. In der Finanzkrise konnten viele von ihnen ihre Kredite nicht mehr bedienen. Der Staat musste einspringen und so wurden aus privaten nun staatliche Schulden.

Auf dem Höhepunkt der Krise 2009 schnellte das spanische Haushaltsdefizit auf 11,2 Prozent der Wirtschaftsleistung in die Höhe. Am horrenden Defizit hat sich trotz einer rigorosen Sparpolitik nicht viel geändert. Im spanischen Haushalt klafft nach wie vor ein großes Loch. In diesem Jahr soll das Defizit auf 6,5 Prozent der Wirtschaftsleistung sinken. Bis 2016 soll es dann unter die Drei-Prozent-Marke sinken.

Ob das gelingt hängt vor allem davon ab, ob die Wirtschaft bald wieder wächst.

Arbeitslosigkeit

Selbst in der wirtschaftlichen Boomphase Anfang des Jahrtausends verharrte die Arbeitslosigkeit nur knapp unter der 10-Prozent-Marke. Die hohe so genannte Sockelarbeitslosigkeit zeigt, wie reformbedürftig der spanische Arbeitsmarkt ist. Seit die Wirtschaft nicht mehr läuft, ist die Entwicklung umso dramatischer: Bei 25 Prozent lag die Arbeitslosigkeit 2012!

Mittlerweile hat die Regierung eine sehr weitreichende Arbeitsmarktreform angestoßen. Der Kündigungsschutz wurde abgebaut und Tarifverhandlungen flexibilisiert. Die Erfahrung aus Deutschland zeigt jedoch: Die Reformen brauchen Zeit bis sie ihre Wirkung entfalten. Viele Dinge wie etwa der gelockerte Kündigungsschutz dürften sich erst dann positiv auswirken, wenn die Wirtschaft wieder wächst.

Rente:

Ähnlich wie Deutschland will auch Spanien einen demografischen Faktor in der Rentenversicherung einführen, der die Rente an die Lebenserwartung angleicht. Auch das gesetzliche Rentenalter soll von 65 auf 67 Jahre steigen. Bereits jetzt gehen die Spanier im Schnitt später in Rente als ihre europäischen Nachbarn. Das tatsächliche Renteneintrittsalter liegt mit etwas über 63 Jahren deutlich über dem Durchschnitt der Eurozone von knapp 61 Jahren.

Fazit:

Die wichtigsten Reformen sind gemacht. Das Land hat riesige Anstrengungen unternommen. Spanien braucht jetzt vor allem Geduld bis die Reformen wirken.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Statistiker

16.10.2013, 13:16 Uhr

Deutschlands Exporte sollen sich angeblich lt. oben stehender Grafik seit 2000 halbiert haben ... was ist das denn für ein Nonsens! Checkt mal bitte eure Daten. Vermutlich verstecken sich in den o.g. Grafiken noch weitere "Böcke" ... man, man, HB!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×