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19.01.2011

20:10 Uhr

China

Harter Konkurrent – kein Partner

VonMarkus Ziener

Nach China abgewanderte Firmen und Einfuhrzölle bestimmen das Bild der Volksrepublik in den USA. Doch Appelle an die Moral fruchten wenig, denn Chinas Wirtschaft agiert längst auf Augenhöhe - und drängt die USA in die Defensive.

Staatschefs Barack Obama und Hu Jintao: Amerika und China sind aufeinander angewiesen - und beäugen sich kritisch. DAPD

Staatschefs Barack Obama und Hu Jintao: Amerika und China sind aufeinander angewiesen - und beäugen sich kritisch.

WASHINGTON. Mehr als 40 Geschäftsverträge im Wert von über 45 Milliarden Dollar werden der chinesische Präsident Hu Jintao und seine Delegation während ihrer USA-Reise abschließen. Allein 200 Flugzeuge des amerikanischen Herstellers Boeing werden die Chinesen ordern. Und auf dem New Yorker Times Square flimmert seit Montag 15-mal pro Stunde ein gigantisches China-Werbevideo über den Schirm. Doch auch diese Gesten werden nichts an den grundsätzlichen Problemen im bilateralen Verhältnis ändern. Amerikanische und chinesische Firmen arbeiteten nicht unter den gleichen Voraussetzungen, schimpfen US-Wirtschaftsexperten. Sie vermissen Fairness und werfen der Volksrepublik vor, mit gezinkten Karten zu spielen.

Steven Pearlstein, der regelmäßig für die "Washington Post" schreibt, beklagte gestern, China sei es bereits gelungen, weite Teile der US-Industrie auszulöschen. Das Reich der Mitte verfüge über eine Kriegskasse von drei Billionen Dollar und habe die US-Wirtschaft auf einen Pfad geführt, der von schwachem Wachstum, hoher Arbeitslosigkeit und unhaltbaren Handelsdefiziten gekennzeichnet sei. "Wie viel tiefer muss diese Misere noch werden, bevor wir sagen: Es reicht!" endet Pearlstein seine Einlassungen, mit denen er vielen Amerikanern aus der Seele sprechen dürfte.

US-Unternehmen wandern nach China ab

Insbesondere eine Firmengeschichte hat zuletzt für Negativschlagzeilen gesorgt: Vor drei Jahren war das Unternehmen Evergreen Solar mit großen Fanfaren in Devens im Bundesstaat Massachusetts eingeweiht worden. Mindestens 43 Millionen Dollar Subventionen hatte die Firma vom US-Steuerzahler erhalten, damit die grüne Investition und die Schaffung von 800 Arbeitsplätzen auch gelingen würden. Doch gereicht hat auch das nicht. Nachdem die Preise für Solarsegel abgerutscht waren, lockte auf einmal der Standort China: mit billigen Löhnen und noch größeren staatlichen Subventionen. Das Unternehmen in Massachusetts wird nun entkernt und nach China verschifft. Oder das Beispiel Wisconsin: Dort hat die Firma Manitowoc jahrelang riesige Kräne nach China exportiert, die im Land des Baubooms dringend gebraucht wurden. Doch inzwischen sind die Chinesen selbst in der Lage, Kräne herzustellen, und haben deshalb 30 Prozent Einfuhrzoll auf Baukräne erhoben. Um nicht unterzugehen, musste sich das US-Unternehmen auf ein Joint Venture mit einem chinesischen Partner einlassen. Neue Jobs entstehen nun in China, nicht mehr in den USA. Und das Know-how wandert ohnehin in die Volksrepublik ab.

Der neue Kalte Krieg

Dieses Bild prägt die Wahrnehmung Chinas in der amerikanischen Öffentlichkeit - nicht das des freundlichen Partners. China ist ein harter Wettbewerber, der sich nicht scheut, alle Register zu ziehen, wenn es um die Sicherung des eigenen Wachstums geht. Und das ist auch die Botschaft, die der Öffentlichkeit präsentiert wird, so wie gestern im Fernsehsender CNBC. "Der neue Kalte Krieg" betitelt der Wirtschaftskanal seine Berichterstattung über den Staatsbesuch. Und Myron Brilliant von der American Chamber of Commerce sagt auf ebendiesem Sender: "Dieser Besuch wird wohl der wichtigste in zehn bis 15 Jahren sein. Aber ökonomische Macht geht mit Rechten und Pflichten einher. Die Chinesen müssen verstehen, dass sie als globale Macht auch Verpflichtungen haben."

Doch solche Appelle an die Moral klingen nicht souverän, sie klingen verzweifelt. Experten haben schon lange erkannt, wie sehr die USA gegenüber China in der Defensive sind. So erwartet Simon Johnson, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT), dass Chinas Yuan bereits in 20 Jahren globale Reservewährung sein wird. Und Harvard-Professor Dale Jorgensen sieht Chinas Volkswirtschaft schon in etwas mehr als zehn Jahren auf Augenhöhe mit der amerikanischen.

Mitarbeit: Astrid Dörner

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