Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.11.2011

20:20 Uhr

Chinas Bankexperte Yu Yongding

„Die Deutschen müssen wirklich etwas geben“

VonFinn Mayer-Kuckuk

China kann Europa in der Krise zur Seite stehen - aber dafür muss vor allem Deutschland mehr Risiken eingehen. Die Politik der Euro-Zone sei zudem schwer verständlich, klagt Pekings Ex-Zentralbanker Yu Yongding.

Yu Yongding, chinesischer Ökonom und früherer Berater der Zentralbank. Finn Mayer-Kuckuk

Yu Yongding, chinesischer Ökonom und früherer Berater der Zentralbank.

Professor Yu, kann China den Euro retten?

Meiner Meinung nach sollte China tatsächlich versuchen, den europäischen Ländern zu helfen - auch weil das Überleben des Euros und der Wohlstand der EU in Chinas Interesse liegen. Aber wir müssen uns realistisch fragen, was wir in der Praxis überhaupt machen können.

Was denn?

Meiner Meinung nach sollte die EU erst ihr eigenes Haus in Ordnung bringen. Das hat auch Premier Wen Jiabao betont. Die Europäer sollten zuerst ein klares Konzept vorlegen, wie sich die Euro-Zone retten lässt. Sie muss echte politische Entschlossenheit zeigen, die Probleme zu lösen. Um internationale Investoren wie China ins Boot zu holen, wäre ein klarer Plan nötig, welche Handlungsoptionen im Falle bestimmter Szenarien vorgesehen sind. Anhand dessen könnte die EU China zeigen, wie sich gezielt helfen lässt.

Versteht China denn, was Europa will?

Nein, derzeit wirkt die Politik der Euro-Zone intransparent und schwer verständlich. Wir Chinesen haben zwar etwas Geld in der Kasse, aber damit ist es nicht getan. Wir warten darauf, dass ihr in Europa die Initiative ergreift.

Also wird China vorerst nicht in großem Stil bei EFSF-Anleihen zugreifen?

China kauft diese Papiere bereits, aber das wird so nicht reichen. Im vergangenen Jahr, als die Idee des EFSF aufkam, waren 440 Milliarden Euro im Topf, mit denen die Anleihen des Fonds zu 120 Prozent übergarantiert waren. Der EFSF konnte damit Bonds mit einem AAA-Rating ausgeben. Papiere von so guter Qualität kauft China grundsätzlich gerne. Die Frage ist, ob China sich auch an den künftigen Plänen beteiligen sollte.

Warum China den Euro-Ländern helfen wird

Warum sollte China den Euro-Ländern helfen?

Die Europäische Union ist der mit Abstand wichtigste Handelspartner des Exportweltmeisters. Die 27 Länder kauften 2010 chinesische Waren im Wert von 282 Milliarden Euro - 18,9 Prozent mehr als 2009. China hat deshalb ein großes Interesse an stabilen Verhältnissen bei seinem wichtigsten Kunden. Ein Viertel seiner riesigen Devisenreserven sind bereits in Euro-Wertpapieren wie Staatsanleihen angelegt. Weitet sich die Schuldenkrise in der Währungsunion aus, droht auch der Euro erheblich an Wert zu verlieren - und damit auch Chinas Euro-Investitionen.

Kann sich China das leisten?

Ja. Mit 3,2 Billionen Dollar (rund 2,3 Billionen Euro) besitzt die Volksrepublik die mit Abstand größten Devisenreserven der Welt. Allerdings steht nicht die gesamte Summe zur Verfügung, sondern wohl nur etwa 500 Milliarden Dollar. Der Rest ist entweder schon gebunden oder wird von China in Reserve gehalten, um den eigenen hoch verschuldeten Regionen im Notfall zu helfen.

Gibt es dazu auch kritische Stimmen in China?

Bedenken kommen vor allem aus der Zentralbank. Deren Berater Li Daokui warnt davor, größere Summen in europäische Staatsanleihen zu stecken. Auch Yu Yongding, ein ehemaliger Notenbank-Berater, warnt vor der Anhäufung immer größerer Devisenreserven.

Fordert China Gegenleistungen?

Ja. China möchte von der EU den Status als Marktwirtschaft erhalten. Das würde automatisch den Abbau von Handelshemmnissen bedeuten, über die sich der Exportweltmeister seit langem beklagt. China erhofft sich auch ein Ende des seit dem Massaker gegen die Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 geltenden EU-Waffenembargos. Auch größere Garantien für neue Hilfen und eine Reform der Währungsunion werden gefordert.

Steht China trotz der Krise zu den Investitionen in Europa?

China hat seit Ausbruch der Krise vor mehr als einem Jahr immer wieder sein Vertrauen in die Währungsunion betont. „Wir haben es zigmal gesagt, dass China bereit ist zu helfen“, betonte Ministerpräsident Wen Jiabao. „Wir werden dort weiter investieren.“ Bei Worten hat es Peking nicht belassen. Die Volksrepublik hat für viele Milliarden Staatsanleihen von angeschlagenen Euro-Ländern gekauft, während sich private Investoren aus Sorge vor einem Zahlungsausfall entweder zurückhalten oder exorbitante Zinsen verlangen.

Kauft China nur Wertpapiere auf?

Nein, China sichert seine Interessen auf ganz unterschiedliche Weise. Griechischen Reedern wurde ein Kredit über zehn Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt. Hintergrund: Ein Großteil der internationalen Handelsflotte fährt unter griechischer Flagge, viele der Tanker und Schiffe werden in China gebaut. Auch in Ungarn - das zwar nicht zur Euro-Zone gehört, aber ebenfalls mit einer Schuldenkrise kämpft - engagieren sich die Chinesen. Der Technologiekonzern Huawei baut dort sein weltweit zweitgrößtes Logistikzentrum, während die chinesische Fluggesellschaft HNA Group nach der ungarischen Malev greift und die China Railway Construction Corporation das Schienennetz des osteuropäischen Landes modernisieren soll.

Gibt es Kritik an der Shopping-Tour Chinas?

Amnesty International befürchtet, dass Menschenrechtsfragen in den Hintergrund gedrückt werden. „Es ist zu befürchten, dass Kritik an den Menschenrechten in Zukunft noch leiser geübt wird“, sagt AI-China-Experte Dirk Pleiter. „Geraten einzelne EU-Länder in Abhängigkeit von China, wird es schwerer, innerhalb der EU eine einheitliche Linie gegenüber der Volksrepublik zu formulieren, Probleme klar anzusprechen und auch Konflikte auszutragen.“ Auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger ist kritisch: „Es ist bedenklich, wenn ein Land, das keine Demokratie ist, Einfluss auf EU-Mitgliedsländer erhält. Ob in Menschenrechts- oder Umweltfragen: China ist in vielen Belangen kein Vorbild.

Und wie denken Sie darüber?

Inzwischen ist die Idee aufgekommen, dass die Mittel des EFSF mit Hebelwirkung angewendet werden sollen. „Leveraging“ klingt leider immer verdächtig nach CDOs und anderen Finanzinstrumenten, die seit der US-Krise in Verruf geraten sind. Damit hat sich der Charakter der EFSF gewandelt. Dazu kommt, dass die Situation mit den jüngsten Entwicklungen in Italien viel, viel schlechter aussieht als damals. Das Grundproblem ist doch: Europa stellt einfach nicht genug Geld bereit. Auch eine Billion wäre nicht genug, und ihr habt bei weitem nicht so viel zugesagt.

Was sollen die Euroländer tun, um China doch noch ins Boot zu holen?

Es springt zunächst ins Auge, dass Deutschland noch viel mehr Geld zur Verfügung stellen könnte. Wenn Deutschland wirklich etwas am Überleben des Euros liegen würde, könnte es selbst italienische Bonds kaufen. Ihr habt genug Geld.

Deutschland soll Italien im Alleingang retten? Wie soll das konkret aussehen?

Realistischerweise müssten die EU-Länder eine Übereinkunft zum gemeinsamen Ankauf der Anleihen finden. Deutschland spielt hier jedoch als wichtiger Financier des Systems eine Schlüsselrolle. Das deutsche Volk wird Risiken tragen müssen und sollte bereit sein, bei Zahlungsausfall darunter zu leiden. Das bedeutet ein politisches Risiko für die Handelnden.

Und das soll die Bundesregierung tragen?

Ich kann die Haltung des deutschen Volkes sehr gut verstehen: Ihr arbeitet hart und ihr seid dadurch reich geworden. Einige andere Länder halten ihren Laden nicht Ordnung und jetzt sollt ihr Deutschen die Zeche bezahlen?! Aber die Wahrheit ist, wenn der Euro intakt bleiben soll, dann müssen die Deutschen wirklich etwas geben. Das ist eine schwere Entscheidung, aber jemand muss sie fällen. Indem man das Problem verschiebt, macht man es nur immer größer. Wenn ihr schon im vergangenen Jahr gehandelt hättet, wäre die Lage nie so schlimm geworden.

Welche Rolle sollte die EZB spielen?

Die EZB könnte noch viel mehr italienische Anleihen aufkaufen. So, wie es die Federal Reserve in den USA mit amerikanischen Schuldtiteln gemacht hat. Das ist zwar keine gute Praxis, aber in einer verzweifelten Lage ist es völlig legitim. Die Deutschen sollten zudem ihre lang gehegte Tradition einer völligen Ablehnung moderater Inflation ändern. Wahrscheinlich ist es aber so, dass es auch nach so einem Programm gar nicht zu hoher Inflation kommt. Doch die Möglichkeit besteht, und die Deutschen müssen lernen, solche Risiken einzugehen, wenn sie zur Euro-Rettung beitragen wollen.

Nun ist es eher unwahrscheinlich, dass die Deutschen plötzlich mehr Toleranz gegenüber Inflation zeigen. Wären stattdessen gemeinsam ausgegebene Euro-Bonds für China attraktiv?

Oh ja, sie wären hochattraktiv, wenn sie sicher sind. Auch EFSF-Bonds sind grundsätzlich attraktiv. Es müssen bloß endlich die Mechanismen des Fonds klar werden.

Kommentare (20)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

15.11.2011, 20:52 Uhr

Alle warten darauf, daß Deutschland das Portemonnaie noch weiter aufmacht. Ich sage nur mit Wilhelm Busch: Aber wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe! Wenn das kommt, kann sich Merkel die nächste Kanzlerschaft von der Backe schaben.

Account gelöscht!

15.11.2011, 20:57 Uhr

Besser ist, der Euro verreckt. Dieses "politische Projekt" vernichtet den deutschen Wohlstand - es führt in den Abgrund. Ein "politisches Projekt" kann NIEMALS so wichtig sein, dass es ein Volk verarmen lässt - zumal dieses Projekt bei der Bevölkerung keinerlei Rückhalt besitzt.
Dass Herr Yu Yongding als Chinese diese Situation nicht verstehen mag, ist verständlich. China hat eine grausame Historie von "politischen Projekten", die der eigenen Bevölkerung extreme Gewalt angetan haben.
Was Herr Yu Yongding auch nicht verstehen will oder kann ist, dass die strukturellen Probleme in den unterschiedlichen europäischen Nationen mit gemeinsamer Währung den Misserfolg des Euros garantieren. Da beißt die Maus keinen Faden ab!

Kassandra

15.11.2011, 21:05 Uhr

Die Probleme sind doch nicht dadurch zu lösen, dass Deutschland die Schatulle aufmacht. Das Signal wäre verheerend, denn dadurch entsteht der Eindruck, dass diejenigen die über ihre Verhältnisse leben von denen gerettet werden die Opfer bringen.
Nein, der Euro muss auf eine andere vertragliche Grundlage gestellt werden. Sonst werfen wir dem schlechten Geld gutes Geld hinter her.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×