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01.12.2014

20:33 Uhr

Chinesen in Italien

Wie Prato gegen das Image der Sklavenstätte kämpft

VonKatharina Kort

Sieben Menschen starben vor einem Jahr in einer chinesischen Fabrik in Prato. Damit wurde die italienische Chinesen-Hochburg weltberühmt. Jetzt versucht die kleine toskanische Stadt nach vorne zu schauen.

Eine verzweifelte chinesische in Prato. Ein Jahr nach dem Unglück will die Modefirma ihr negatives Image abschütteln. ap

Eine verzweifelte chinesische in Prato. Ein Jahr nach dem Unglück will die Modefirma ihr negatives Image abschütteln.

PratoIn der Via Fabio Filzi dominieren noch immer die chinesischen Schriftzeichen die ockerfarbenen toskanischen Häuser. Die Banca Popolare di Vicenza hat Mandarin sprechende Mitarbeiter in ihrer Filiale eingestellt und den Namen der Bank ins chinesische übersetzt.

Auch in dem Industriegebiet reiht sich noch immer eine chinesische Kleinfabrik an die nächste. Insgesamt sind es 5000. Von außen ist im Vergleich zum vergangenen Jahr kaum ein Unterschied erkennbar hier in Prato, der kleinen toskanischen Stadt, die nur eine halbe Stunde von Florenz liegt und die durch eine Tragödie weltberühmt wurde.

Ein Jahr ist es her, dass sieben Menschen ihren Tod fanden, als das Unternehmen „Ye-Life Teresa“ in Flammen aufging. Das Gebäude war nicht nur Fabrik. Es war auch Schlafstätte, Waschraum und Kantine. Provisorische Liegen an den Wänden dienten als Betten. Sogar Babys und kleine Kinder sollen in der Halle gewohnt haben.

Diese deutschen Firmen gehören jetzt Chinesen

Putzmeister

Der Betonpumpen-Weltmarktführer Sany Heavy Industry übernimmt im Januar 2012 das schwäbische Unternehmen für gut 320 Millionen Euro.

Kiekert

Der Pekinger Automobilzulieferer Lingyun übernimmt 2012 den Weltmarktführer für Pkw-Schließsysteme aus Heiligenhaus (NRW).

Schwing

Die Xuzhou Construction Machinery Group (XCMG) wird im April 2012 Mehrheitseigener des westfälischen Betonpumpenherstellers. Der Verkaufspreis des Herner Unternehmens soll bei rund 300 Millionen Euro liegen.

Kion

2012 steigt der chinesische Nutzfahrzeugproduzent Weichai Power beim Gabelstaplerhersteller Kion ein. Die Chinesen kaufen zunächst für 467 Millionen Euro 25 Prozent an Kion und steigern 2015 ihren Anteil auf 38,25 Prozent. Außerdem erhält der Investor für 271 Millionen Euro eine Mehrheitsbeteiligung von 70 Prozent an der Hydrauliksparte Kions.

Solibro

Das insolvente Solarunternehmen Q-Cells vereinbart im Juni 2012 den Verkauf seiner Tochterfirma mit Sitz in Bitterfeld-Wolfen an die Pekinger Hanergy Holding Group.

Sunways

Der Konstanzer Photovoltaik-Konzern ging 2012 zum Schnäppchenpreis an den chinesischen Solarriesen LDK Solar. Doch 2013 und 2014 reichte Sunways jeweils einen Insolvenzantrag ein. Teile des Unternehmens wurden in der Folge an den chinesischen Solarkonzerns Shunfeng verkauft.

Tailored Blanks

Der Industriegüterkonzern Thyssen-Krupp schließt 2013 den Verkauf seiner Tochter an den chinesischen Stahlkonzern Wuhan Iron and Steel (Wisco) ab. Zum Preis machen beide Seiten keine Angaben.

Koki Technik Transmission Systems

Das chinesische Unternehmen Avic Electromechanical Systems (Avicem) – eine Tochter der staatlichen Unternehmensgruppe Aviation Industry Corporation of China (Avic) – übernimmt 2014 den sächsischen Autozulieferer. Ein Kaufpreis wird nicht genannt.

Hilite

Avic übernimmt 2014 für 473 Millionen Euro den deutschen Autozulieferer.

Krauss-Maffei

Im Januar 2016 verkauft Onex den Münchener Spezialmaschinenbauer Krauss-Maffei an ein Konsortium um die staatliche National Chemical Corporation (Chemchina). Der größte Chemiekonzern des Landes zahlt 925 Millionen Euro für den traditionsreichen Hersteller von Spritzgießmaschinen für die Kunststoff- und Gummi-Verarbeitung.

EEW

Die chinesische Holding Beijing Enterprises kauft im Februar 2016 den Abfallkonzern EEW Energy from Waste aus Helmstedt für 1,438 Milliarden Euro. Verkäufer ist der schwedische Investor EQT. EEW hat nach eigenen Angaben 1050 Mitarbeiter. Die 18 Anlagen der Gruppe können jährlich rund 4,7 Millionen Tonnen Abfall zu Energie machen und umweltschonend beseitigen. Die Fabriken erzeugen Prozessdampf für Industriebetriebe, Fernwärme für Wohngebiete und Strom für umgerechnet rund 700.000 Haushalte.

Manz

Die Shanghai Electric Group steigt im Frühjahr mit Anteilen von etwa 20 Prozent bei dem angeschlagenen Maschinenbauer ein.

Kuka

Das Augsburger Unternehmen Kuka baut nicht nur Roboter, sondern ist auch Systemanbieter rund um die digital vernetzte Industrie. Der chinesische Midea-Konzern hat Kuka ein Übernahmeangebot im Umfang von 4,5 Milliarden Euro gemacht und mit dessen Hilfe knapp 95 Prozent der Kuka-Anteile übernommen.

Auf einmal wurde allen klar, was in Prato jeder wusste: In den chinesischen Fabriken schufteten die Arbeiter Tag und Nacht unter menschenunwürdigen Bedingungen. Meist handelt es sich um illegale Einwanderer aus China, die nicht selten 19 Stunden an den langen Tischen über die Nähmaschinen gebeugt saßen.

„Pronto Moda“ heißt das System, dass es möglich macht, mitten in Europa innerhalb von wenigen Tagen die neusten Modetrends zu kopieren und in Italien und anderen europäischen Ländern auf den Markt zu bringen – zu chinesischen Bedingungen.

Heute will Prato das Image der Sklavenstätte abschütteln. 15.000 Chinesen leben offiziell in Prato. Weitere 8000 bis 12.000 sind wohl illegal hier. Das ist mehr als zehn Prozent der Bevölkerung. „Wir haben immer noch ein Problem mit der Sicherheit am Arbeitsplatz. Aber wir haben schon viel verändert“, sagt Matteo Biffoni, Bürgermeister und ein Freund des Premiers Matteo Renzi. Der schmale Mann, der fast in seinem Anzug verschwindet und der noch jünger aussieht als seine 40 Jahre, ist seit April im Amt, also vier Monate nach dem Brand.

Der Politiker der Linkspartei PD hat seinen umstrittenen Vorgänger Roberto Cenni von der Forza Italia abgelöst. Der ließ sich zwar gerne bei Blitz-Aktionen gegen die Chinesen fotografieren. Aber tatsächlich gediehen unter ihm die illegalen Fabriken aus Fernost.

Die durchschnittliche Überlebensdauer der Unternehmen lag bei 18 Monaten. Bei drohenden Kontrollen wurden die Fabriken einfach geschlossen und unter neuem Namen wieder aufgemacht. Nur vier Prozent der chinesischen Unternehmen in Prato sind älter als drei Jahre.

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