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15.12.2016

13:44 Uhr

Chinesische Wirtschaft

Laut ist nicht gleich stark

VonFrank Sieren

Noch nie waren die wirtschaftliche Stärke Chinas und die Schwäche des Westens in einem so ungünstigen Verhältnis, wie in diesem Jahr. Daran wird sich wohl auch vorerst nichts ändern, ist sich unser Kolumnist sicher.

Der China-Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt wächst langsam, aber stetig. Derweil sinkt der US-Anteil. Reuters

China und die USA

Der China-Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt wächst langsam, aber stetig. Derweil sinkt der US-Anteil.

Nun, da alle in Richtung USA starren und Europa taumelt, sollten wir eine Frage nicht aus den Augen verlieren: Welche Bedeutung hatte eigentlich China für die Weltwirtschaft in diesem Jahr? China war stärker als die USA und wächst 50 Prozent mehr als alle entwickelten Industrieländer zusammen. Die Chinesen halten kaufkraftbereinigt voraussichtlich 17 Prozent am globalen Bruttoinlandsprodukt. Das sind knapp zwei Prozent mehr als die USA. Der China-Anteil wächst langsam, aber stetig. Derweil sinkt der US-Anteil.

Beim globalen Wirtschaftswachstum wird vollends deutlich, dass der vergleichsweise leise Präsident Xi Jinping für Deutschlands Wirtschaftskraft und damit für unser Leben wichtiger ist, als der Donald Trump es je werden kann. Der Internationale Währungsfond geht davon aus, dass China in diesem Jahr knapp 40 Prozent des Weltwirtschaftswachstums erwirtschaftet, ohne Auslandsschulden, die USA 0,3 Prozent mit hohen Auslandsschulden und Europa sogar nur 0,2 Prozent.

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Unter diesem Blickwinkel betrachtet, mutet die Feststellung, Chinas Wachstum sei zu gering, schon ein wenig seltsam an. Das ist etwa so, wie zu behaupten, Formel 1 Weltmeister Nico Rosberg sei zu langsam gefahren, obwohl er mit großem Abstand gewonnen hat. Noch absurder ist es festzustellen, die Geschwindigkeit des Siegers sei ja so langsam, dass er jederzeit den Motor hätte abwürgen können. Dann wären die anderen Fahrer nicht nur stehen geblieben, sie führen bereits rückwärts.

Kurz: Ohne China würde die Welt nicht mehr 3,1 Prozent wachsen, sondern nur noch 1,9 Prozent. Das gilt bereits als Rezession. Und dabei ist noch nicht einmal einkalkuliert, welchen indirekten Einfluss China auf das BIP von Indien, Kenia, der USA oder Deutschland hat. Ohne China müsste die deutsche Autoindustrie auf ihren größten Absatzmarkt verzichten. Sie allein trägt rund zwanzig Prozent zum Wirtschaftswachstum Deutschlands bei. Und Deutschland ist sehr weit weg von China.

Die meisten asiatischen Nachbarn sind noch viel abhängiger. Der Einfluss dieser indirekten Effekte lässt sich nur sehr schwierig ausrechnen. Wie kalkuliert man zum Beispiel die Kaufkraft von Deutschen ein, die am Chinageschäft gut verdient haben, weil sie bei Mercedes am Band stehen oder als mittelständischer Unternehmer 40 Prozent ihrer Produkte an China verkaufen? Konservativ geschätzt, sind das noch mal 0,5 Prozent des globalen Wachstums.

Dass es Trump als Präsident auch mit einem großen Konjunkturprogramm nicht gelingt, den Trend des wirtschaftlichen Abstiegs der USA und Aufstieg Chinas umzukehren, kann in diesen unsicheren Zeiten als ziemlich sicher gelten. Da kann er noch viel twittern, dass Amerika wieder stark wird.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

Kommentare (1)

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Frau Edelgard Kah

15.12.2016, 14:49 Uhr

Dass China knapp 40 % des Weltwirtschaftswachstums erwirtschaftet, ist gut und schön. Aber hier reden wir vom Bruttoinlandsprodukt, also der gesamtwirtschaftlichen Produktion. Sie ist erforderlich, um die Einwohner eines Landes mit Gütern und Dienstleistungen zu versorgen. China hat meiner Erinnerung nach 1,3 Mrd. Einwohner und ist damit das einwohnerstärkste Land der Welt. Dass ein solches Land in absoluten Größen gerechnet auch ein hohes Bruttoinlandsprodukt braucht, liegt auf der Hand.

Unterschwellig streift der Artikel auch die deutsche Abhängigkeit von dem Giganten China. Blickt man hingegen auf die deutsche Ausfuhrstatistik (in Mrd. EUR), so zeigt sich für die deutschen Ausfuhren ein anderes Bild:
USA 114
Frankreich 103
Großbrittanien 89
Niederlande 80
China 71

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