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19.12.2013

15:44 Uhr

Chinesischer Finanzmarkt

Zentralbank muss Geldklemme abwenden

Geldknappheit sorgt für Aufruhr am chinesischen Finanzmarkt. Um massive Liquiditätsengpässe zu beseitigen, muss die Zentralbank einspringen. Panik geht um: Reichen die Geldspritzen?

Die Börse in Shanghai: Die Kosten für siebentägige Kredite am Interbankenmarkt erreichten zuletzt mit 7,1 Prozent den höchsten Stand seit den dramatischen Tagen im Juni. ap

Die Börse in Shanghai: Die Kosten für siebentägige Kredite am Interbankenmarkt erreichten zuletzt mit 7,1 Prozent den höchsten Stand seit den dramatischen Tagen im Juni.

PekingAus Angst vor einer neuen Geldklemme hat Chinas Zentralbank die Finanzinstitute mit frischen Mitteln versorgen müssen. Auch wurden die Handelszeiten am Interbankenmarkt verlängert, um zu vermeiden, dass Marktteilnehmer ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen können. In einer Stellungnahme versicherte die Notenbank am Donnerstag in Peking, „wenn nötig“ mit weiteren kurzfristigen Geldspritzen an geeignete Banken die erforderliche Liquidität sicherstellen zu wollen.

Die Situation erinnerte an die schwere Finanzkrise Ende Juni, als die kurzfristigen Zinsen ähnlich in die Höhe geschossen waren und das Gespenst von Bankenpleiten umging. Tatsächlich hatte damals die Everbright Bank ihre Schulden nicht mehr bezahlen können, wie das Finanzinstitut aber erst vergangene Woche offiziell einräumen musste.

Die Kosten für siebentägige Kredite am Interbankenmarkt erreichten zuletzt mit 7,1 Prozent den höchsten Stand seit den dramatischen Tagen im Juni. Die Zentralbank sah wieder saisonale Gründe hinter der Zuspitzung: „Zum Jahresende ist die Liquidität am Markt stark von Einnahmen und Ausgaben sowie anderen Faktoren beeinflusst.“

Knackpunkte der deutsch-chinesischen Beziehungen

Blühender Handel

Das Handelsvolumen zwischen China und Deutschland stieg im Jahr 2012 auf 161 Milliarden Dollar - ein Drittel des gesamten Handelsumfangs von China mit der EU. Aus China kommen verschiedenste Waren - von Kleidung und Schuhen bis zu Elektronik- und Metallwaren - nach Deutschland. Deutsche Unternehmen verkaufen auf dem prosperierenden chinesischen Markt Maschinen, Hightech-Komponenten und Autos.

Raues Investitionsklima

Deutsche Investoren klagen über Bürokratie und behördliche Willkür in China. Sie fordern gleiche Wettbewerbsbedingungen und mehr Rechtssicherheit - vor allem auch beim Urheberrechtsschutz. In Deutschland sieht mancher Firmenübernahmen wie die des Baumaschinenherstellers Putzmeister durch den chinesischen Sanyi-Konzern skeptisch. Bis zum Jahr 2020 könnten sich chinesische Investitionen hierzulande einer aktuellen Studie zufolge auf rund zwei Milliarden Dollar jährlich verdreifachen. Bislang gibt es keinen Grund für Angst vor einer chinesischen Firmeninvasion: Deren Investitionen machen gerade einmal 0,2 Prozent der Auslandsinvestitionen in Deutschland aus

Sorge um den Euro

Bei der Überwindung der Eurokrise setzt China vor allem auf Deutschland. Chinas Exporte sind als Folge der Schuldenkrise stark zurückgegangen, zudem sorgt sich die Regierung um ihre Devisenreserven. Nach Schätzung von Experten soll etwa ein Viertel der Rekordsumme von 3,3 Billionen Dollar in Euro angelegt sein. Im Zuge des Schuldenschnitts für Griechenland mussten im Jahr 2012 auch chinesische Staatsfonds herbe Verluste hinnehmen.

Streit um billige Solaranlagen

Auch deutsche Unternehmen der Solarbranche gingen wegen Konkurrenz aus China pleite. Die EU-Kommission hat nun ein Anti-Dumping-Verfahren angestrengt - wenn bis zum 5. Juni kein Kompromiss gefunden ist, drohen chinesischen Billigherstellern milliardenschwere Strafzölle. China wirft der EU Protektionismus vor. Deutschland könnte in dem Streit eine Schlüsselrolle spielen, denn die Zölle sind hierzulande umstritten: Industrievertreter verweisen darauf, dass 70 Prozent der Wertschöpfung für die in China montierten Module in Deutschland entsteht und Strafzahlungen auch hiesige Firmen in Mitleidenschaft zögen.

Ungeliebte Menschenrechtsdebatte

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht Menschenrechtsfragen regelmäßig an, nimmt jedoch seit dem Eklat um den Besuch des Dalai Lama im Kanzleramt im Jahr 2007 auch Rücksicht auf chinesische Befindlichkeiten. Der sachliche Verlauf des jüngsten deutsch-chinesischen Menschenrechtsdialogs könnte als Hinweis auf eine größere Offenheit der neuen Führung in Peking gewertet werden. Sie will die umstrittenen Arbeitslager reformieren, in denen Hunderttausende ohne Prozess einsitzen. Was das Schicksal einzelner Dissidenten angeht, bleibt China unnachgiebig und verweist gerne darauf, dass in seiner Tradition das kollektive vor dem individuellen Wohl steht - eine Auffassung, die angesichts des teils brutalen Drucks auf Oppositionelle hierzulande auf wenig Verständnis stößt.

Schwieriger Kulturaustausch

Die chinesische Seite beklagt eine klischeehafte Darstellung ihres Landes in der deutschen Öffentlichkeit. Mehr Chinesischunterricht und mehr Jobs für China-Experten in Behörden forderte jüngst die Grünen-Abgeordnete Viola von Cramon mit Blick auf Politiker, die ohne Landeskenntnisse in Treffen mit bestens vorbereiteten chinesischen Kollegen gingen. Der Kulturaustausch entwickelte sich stark, wenn auch nicht gleichmäßig in beide Richtungen. So studierten zuletzt etwa 25.000 Chinesen hierzulande, umgekehrt zog es nur 6200 junge Deutsche in die Volksrepublik.

Allerdings steigen auch die Finanzierungskosten in China, weil die Regierung den Marktkräften eine größere Rolle einräumt. Die Notenbank hält auch Mittel zurück, um den Markt zu disziplinieren. Die neue Krise entstand allerdings, als zunehmend Panik am Markt aufkam, nachdem die Händler Zweifel bekamen, ob die Zentralbank letztendlich wieder einspringen würde.

Die obersten Finanzhüter räumten ein, dann doch „gemäßigt Liquidität in den Markt injiziert“ zu haben. Solche kurzfristigen Geldspritzen an Banken, die besonders knapp bei Kasse sind, laufen hinter verschlossenen Türen ab. Nähere Informationen darüber werden erst viel später bekannt.

Nachdem Chinas Wirtschaftsboom in den vergangenen Jahren durch üppige Geldversorgung befeuert worden war, will die Regierung die Geldhäuser schon seit dem Frühjahr auf Entzug setzen. Mit Hilfe der Marktkräfte will der neue Premier Li Keqiang den Finanzmarkt umstrukturieren. So hatte das Zentralkomitee im November dem Markt eine „entscheidende“ und nicht mehr nur „grundlegende“ Rolle bei der Verteilung von Ressourcen eingeräumt.

Von

dpa

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