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02.01.2006

07:46 Uhr

Chrobog

Entführung war „interessante Erfahrung“

Der Ex-Diplomat Jürgen Chrobog hat nach dem Ende des Geiseldramas im Jemen bestritten, er und seine Familie hätten sich mit der Reise leichtfertig in Gefahr gebracht. Er konnte dem Drama sogar noch eine positive Seite abgewinnen.

Jürgen Chrobog mit seiner Familie kurz nach der Landung in Deutschland. Foto: dpa

Jürgen Chrobog mit seiner Familie kurz nach der Landung in Deutschland. Foto: dpa

HB BERLIN/KÖLN. Er würde „niemals meine Familie und mich selbst im Rahmen einer Urlaubsreise einem erhöhten Risiko aussetzen“, sagte Chrobog am Sonntagabend nach der Rückkehr in Köln. Die Reiseroute sei von der jemenitischen Regierung ausgesucht worden. Dabei sei ein Stammeskonflikt übersehen worden. Der Regierung in Sanaa könne er aber deshalb keinen Vorwurf machen. Er habe nie den Eindruck gehabt, „dass wir wirklich in Lebensgefahr standen“.

Der 65-Jährige, seine Ehefrau und seine drei erwachsenen Söhne waren am Samstag nach drei Tagen in der Gewalt von Entführern freigelassen worden. Diese wollten im Jemen inhaftierte Stammesangehörige freipressen. Die Familie landete am Sonntag um kurz nach 20 Uhr in einer Maschine der Bundeswehr auf dem Flughafen Köln-Wahn. Er bedankte sich bei den an den Verhandlungen involvierten Regierungen in Berlin und Sanaa. „Die Krisenreaktionskräfte und der deutsche Botschafter waren klasse.“

Den Entführern von Jürgen Chrobog war offensichtlich zunächst nicht bewusst, wen sie gekidnappt hatten. Das sagte der 65-jährige Chrobog dem „Tagesspiegel“ in einem Interview. „Sie haben das erfahren, als es im Fernsehen lief. Da sagten sie mir: ,Du kannst das doch, Gefangene freibekommen.’“ Die Kidnapper hatten inhaftierte Stammesangehörige aus dem Gefängnis freipressen wollen. „Es ging ja nicht um uns, es ging um die Beilegung eines Stammeskonfliktes“, stellte Chrobog am Tag nach seiner Freilassung klar. „Es gab auch keine Forderung an die Bundesregierung“, sagte der frühere Krisenmanager im Auswärtigen Amt. Die Bundesregierung habe keine Gegenleistung für die Freilassung erbracht.

Chrobog bezeichnete die Entführung als „interessante Erfahrung“, eine andere Kultur sehr intensiv kennen zu lernen. „Da meine Frau sehr gut arabisch spricht, hatten wir auch sehr gute Kontaktmöglichkeiten zu den Entführern, zu deren Familien, zu dem ganzen dörflichen Umfeld.“ Er und seine Familie seien „sehr anständig und ehrenhaft behandelt worden“.

An den Moment der Geiselnahme am Mittwoch erinnert sich Chrobog dennoch mit Schrecken. „Die haben wild um sich geschossen, wir waren mitten im Kugelhagel.“ Sie seien „kurz hinter Al-Aram“ gewesen, einem Straßendorf 400 Autokilometer von der ehemaligen britischen Kronkolonie Aden entfernt, schilderte Chrobog. Falsch waren demnach Angaben der Reiseagentur, die zum Begleitschutz abgestellten Soldaten hätten gerade Mittagspause gemacht, als die Entführer zuschlugen. „Nein, auf diesem Teil der Strecke hatten wir gar niemanden im Auto sitzen.“

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