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20.09.2013

08:30 Uhr

Civiltá Cattolica

Papst bittet um Barmherzigkeit für Homosexuelle

Papst Franziskus mischt die Kirche auf. In einem Interview spricht er über Homosexuelle und Geschiedene und fordert ein neues Gleichgewicht – sonst drohe das moralische Gebäude der Kirche wie ein Kartenhaus einzustürzen.

„Wir müssen ein neues Gleichgewicht finden, sonst droht das moralische Gebäude der Kirche wie ein Kartenhaus einzustürzen“, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Franziskus. dpa

„Wir müssen ein neues Gleichgewicht finden, sonst droht das moralische Gebäude der Kirche wie ein Kartenhaus einzustürzen“, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Franziskus.

VatikanstadtPapst Franziskus hat in einem ersten großen Interview die katholische Kirche eindringlich aufgefordert, sich nicht nur mit Fragen der Abtreibung, der homosexuellen Ehen und der Verhütung zu befassen. „Das geht nicht“, kritisierte Franziskus in einem Gespräch mit einer Reihe jesuitischer Zeitschriften. Die Kirche solle ein „neues Gleichgewicht“ für ihre zahlreichen Lehren finden und helfen, die Wunden der Menschen zu heilen. „Sonst droht das moralische Gebäude der Kirche wie ein Kartenhaus einzustürzen.“ Überstürzte Reformen will er aber vermeiden.

Die Ansichten der Kirche in den Fragen (wie Abtreibung) seien durchaus bekannt, erklärte Franziskus. „Aber man muss nicht endlos davon sprechen“, kritisierte das Kirchenoberhaupt. Ihm sei im übrigen bereits vorgeworfen worden, nicht viel „über diese Sachen“ zu reden, erwähnte Franziskus. Wenn man aber darüber spreche, „dann muss man den Kontext beachten.“ Die dogmatischen wie moralischen Lehren der Kirche seien jedenfalls nicht alle gleichwertig, „eine missionarische Verkündigung konzentriert sich auf das Wesentliche, auf das Nötige“.

Franziskus erinnerte auch daran, was er auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Rio de Janeiro über Homosexuelle gesagt hatte: „Wenn eine homosexuelle Person guten Willen hat und Gott sucht, dann bin ich keiner, der sie verurteilt.“ Er habe in seiner früheren Zeit in Buenos Aires Briefe von Homosexuellen erhalten, die „soziale Wunden“ enthielten, weil diese sich immer von der Kirche verurteilt fühlten. „Aber das will die Kirche nicht“, bekräftigte der Papst.

Erwartungen an den neuen Papst

Karl Lehmann

Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann erwartet vom neuen Papst „eine nüchterne, aber begeisternde Vision vom Weg der Kirche in die Zukunft“. Er rechnete jedoch nicht mit einer schnellen Nachfolgeentscheidung im Konklave. „Ich bin kein Hellseher, aber so rasch wie 2005 wird es vielleicht doch nicht gehen“, sagte Lehmann der „Allgemeinen Zeitung“ (Mainz). Die Herkunft des künftigen Papstes war für den Mainzer Kardinal, der selbst am Konklave teilnahm, nicht vorrangig.

Robert Zollitsch

„Wir brauchen einen Papst, der die Kirche in die Zukunft führt. Der nach vorne schaut und der die Gottesfrage klar stellt“, sagte Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, im Interview des Fernsehsenders Phoenix. „Und der zugleich organisatorisch dafür sorgt, dass die Kurie wirklich der Apparat ist, der ihn in seinem Dienst voll und ganz unterstützt.“

Philippe Barbarin

Kardinal Philippe Barbarin, der Erzbischof von Lyon und Mitglied des Kardinalskollegiums sagte dem Fernsehsender Euronews: „Ich hoffe, dass sein Nachfolger ein Heiliger ist und dann, dass er intelligent ist. Er sollte beständig sein, denn er ist der Nachfolger Petri, um den das ganze Gebäude errichtet wurde. Das Bauwerk muss stehen und deshalb ist es besser einen Stein zu haben, der solide ist.”

David Berger

David Berger, katholischer Theologe Autor des romkritischen Buches „Der Heilige Schein“ sagte der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Mit Benedikts Rücktritt geht ein Pontifikat von Pleiten, Pech und Pannen zu Ende. Er hinterlässt eine Kirche voll gigantischer Probleme, die er deutlich verschärft hat. In den letzten Jahren entwickelte sich die ehemalige Volkskirche zu einer Art fundamentalistischer Großsekte. Dem wird sich der Mann nach Benedikt entschieden entgegenstemmen müssen. An die Stelle einer konfrontativen Sicht auf Kirche und Gesellschaft, Glaube und Wissenschaft, Tradition und Moderne sollte der mutige Dialog treten. Wenn der neue Papst das wagt, wird er gegen vehementeste Widerstände der Traditionalisten zu kämpfen haben, die unter Benedikt zum Machtfaktor geworden sind.“

Papst Benedikt XVI.

Papst Benedikt XVI. hat sich an seinem letzten Arbeitstag von allen in Rom anwesenden Kardinälen verabschiedet und seinem Nachfolger „Gehorsam“ versprochen. „Unter Euch ist auch der kommende Papst, dem ich meine bedingungslose Hochachtung und meinen Gehorsam verspreche“, sagte das scheidende Kirchenoberhaupt am Donnerstag bei dem Abschiedstreffen mit den Purpurträgern. Seinem Nachfolger will er geheime „Vatileaks“-Informationen persönlich übergeben, über deren Inhalt in den vergangenen Tagen viel spekuliert wurde. Um Erpressung, Sex- und Machtgier im Gottesstaat gehe es laut der italienische Zeitung „La Repubblica“ in dem Dossier. Benedikt will es dem neuen Papst anvertrauen, in der Hoffnung, dass dieser „stark, jung und heilig“ genug sei, um dann die notwendigen Schritte zu unternehmen.

„Wir müssen also ein neues Gleichgewicht finden, sonst fällt das moralische Gebäude der Kirche wie ein Kartenhaus zusammen“, warnte der Papst. Der Beichtstuhl der katholischen Kirche sei im übrigen auch „kein Folterinstrument, sondern der Ort der Barmherzigkeit“, etwa, wenn eine Frau eine Abtreibung beichte. „Was die Kirche heute braucht, ist die Fähigkeit, die Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen.“ Die Kirche habe damit eine Aufgabe so wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht, wo Wunden geheilt würden.

Klar wandte sich der Papst in dem Interview erneut auch gegen eine Weltkirche, die wie eine kleine Kapelle nur Grüppchen ausgewählter Personen aufnehmen könne. „Wir dürfen die Universalkirche nicht auf ein schützendes Nest unserer Mittelmäßigkeit reduzieren“, verlangte Franziskus, „diese Kirche, mit der wir denken und fühlen, ist das Haus aller.“ Notwendig seien dabei Mut und Kühnheit. „Das Volk Gottes will Hirten und nicht Funktionäre oder Staatsdiener.“

Franziskus lud auch dazu ein, Veränderungen und Reformen nicht zu überstürzen. „Ich glaube, dass man immer genügend Zeit braucht, um die Grundlagen für eine echte, wirksame Veränderung zu legen“, erklärte er, ohne dabei direkt auf die von ihm auf den Weg gebrachte Kurienreform einzugehen. Er misstraue improvisierten Entscheidungen.

Interview mit Sprengkraft

Papst Franziskus: Mehr Barmherzigkeit für Homosexuelle

Interview mit Sprengkraft: Papst Franziskus: Mehr Barmherzigkeit für Homosexuelle

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