Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.03.2013

14:48 Uhr

Comeback-Pläne

Sarkozy macht den Berlusconi

VonThomas Hanke

Im ersten Zeitungs-Interview nach seiner Wahl-Niederlage deutet Frankreichs Ex-Präsident Nicolas Sarkozy ein politisches Comeback an. Nicht weil er Lust hätte, sondern weil er müsse – um Frankreich zu retten.

Frankreichs Ex-Präsident Nicolas Sarkozy. Reuters

Frankreichs Ex-Präsident Nicolas Sarkozy.

ParisLange Zeit hat er stillgehalten, nun kann er einfach nicht mehr. Nicolas Sarkozy, Ex-Staatspräsident ohne feste Beschäftigung und ohne politische Aufgabe, will allen zeigen, dass sie ihn bloß nicht abschreiben solle. Er schreit seinen Wunsch nach einem politischen Comeback heraus: "Es könnte sein, dass ich wieder ran muss. Nicht etwa, weil ich Lust hätte, sondern weil es um Frankreich geht." Der Zeitschrift 'Valeurs Actuelles' hat er seinen als Pflichtbewusstsein verkauften Wunsch offenbart, nachdem er sich seit seiner Wahlniederlage vor fast einem Jahr über seine Zukunftspläne ausgeschwiegen hatte.

"Sterbenslangweilig" finde er die Politik, lässt der Konservative in einem Gespräch fallen, das an Donnerstag erscheint. Für ihn sei das "erledigt". Er schließt auch aus, dass er die Führung der von ihm gestalteten und nach seinem Abgang fast zerfallenen Partei UMP übernehmen könne. All das ist zu klein für ihn. Nur eines könne ihn dazu bringen, sich noch einmal zu opfern: der Ruf des Vaterlandes. "Leider wird es einen Moment geben, wo die Frage nicht mehr ist, ob ich Lust habe, sondern ob ich überhaupt noch eine andere Wahl habe. In dem Fall werde ich mir nicht mehr sagen können: Ich bin glücklich, ich bringe meine Tochter zur Schule und halte überall in der Welt Reden. In diesem Fall werde ich tatsächlich verpflichtet sein, mich zu stellen. Nur, weil es um Frankreich geht."

Vergleich: Deutschland vs. Frankreich

Wachstum

Frankreich: Die Wirtschaft wächst viel langsamer. Die EU-Kommission traut der zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone in diesem Jahr lediglich ein Plus von 0,2 Prozent zu, das 2013 mit 0,4 Prozent nur einen Tick größer ausfallen soll. Grund dafür ist der maue Konsum: Er dürfte sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr angesichts der hohen Arbeitslosigkeit stagnieren.
Deutschland: Jeweils 0,8 Prozent Wachstum sagt die EU-Kommission für 2012 und 2013 voraus. Garant dafür ist der private Konsum. Er wird nach der Prognose in beiden Jahren um jeweils ein Prozent zulegen. Dafür sollen die Rekordbeschäftigung und spürbare Lohnzuwächse sorgen.

Schulden

Frankreich: Frühestens 2015 wird die EU-Grenze für die Neuverschuldung von drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes wieder eingehalten. Das erwartet zumindest die EU-Kommission. Demnach wird das Defizit in diesem Jahr bei 4,5 Prozent liegen, 2013 und 2014 bei jeweils 3,5 Prozent. Der Schuldenberg soll im kommenden Jahr auf 93,8 Prozent der Wirtschaftsleistung anschwellen.
Deutschland: Das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts rückt in greifbare Nähe. 2012 und 2013 soll das Defizit angesichts rekordhoher Steuereinnahmen jeweils 0,2 Prozent betragen, ehe 2014 ein Haushalt ohne neue Schulden stehen soll. Der Schuldenstand soll bis dahin auf 78,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes fallen.

Wettbewerbsfähigkeit

Frankreich: In Sachen Wettbewerbsfähigkeit rutschte Frankreich in diesem Jahr um drei Ränge auf den 21. Platz ab, wie das World Economic Forum bei seinem weltweiten Standortvergleich befand. Die kleineren Nachbarn Niederlande (5.) und Belgien (17.) liegen noch vor der "Grande Nation". Zwar gehört die Infrastruktur in Frankreich weiter zu den besten der Welt. Aber der Arbeitsmarkt wird als zu starr empfunden, das Steuersystem als zu wirtschaftsfeindlich: Hier belegt Frankreich nur die Ränge 111 und 128.
Deutschland: Trotz der Euro-Krise hat Deutschland im globalen Standortvergleich des World Economic Forum seinen sechsten Platz behauptet und damit erstmals die USA überholt. Als Pluspunkte gelten die ausgezeichnete Infrastruktur und innovative Unternehmen, die alle Stufen der Wertschöpfung leisten können - von der Produktion bis hin zu Marketing und Vertrieb. Minus-Punkte gab es dagegen für den Arbeitsmarkt, der als zu starr gilt. Kritisiert wird vor allem die mangelnde "Flexibilität der Lohnfindung": Hier landet Deutschland auf Platz 139 von 144.

Industrie

Frankreich: Zwar kann unser Nachbarland mit großen Unternehmen wie den Autobauern Renault und Peugeot Citroen oder der Atomkonzern Areva aufwarten. Allerdings fehlt es an einem breiten und exportstarken Mittelstand, der die Absatzkrise im Euro-Raum durch wachsende Geschäfte in Asien und anderen Boomregionen ausgleichen kann. Die Industrie ist deshalb auf dem Rückzug: Nur noch 12,6 Prozent trägt sie zur Bruttowertschöpfung bei.

Deutschland: Hierzulande haben viele "hidden champions" ihre Heimat - also unbekannte mittelständische Unternehmen, die Nischen besetzt haben und mit ihren Produkten zu den Weltmarktführern gehören. Die Industrie erlebt in Deutschland eine Renaissance, weil diese Firmen in den Boomregionen aktiv sind. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung kletterte 2011 auf 26,2 Prozent, während er zwischen 2000 und 2010 im Schnitt nur 25,1 Prozent betrug.

Arbeitskosten

Frankreich: 34,20 Euro kostet eine Arbeitsstunde in der französischen Privatwirtschaft im Schnitt. In der EU ist Arbeit nur in Belgien, Schweden und Dänemark noch teurer. In der Industrie sind es sogar 35,91 Euro.

Deutschland: Im Schnitt kostet eine Stunde Arbeit in der deutschen Privatwirtschaft 30,10 Euro - das ist der siebthöchste Wert der 27 EU-Mitglieder. Der Euro-Zonen-Schnitt liegt bei 27,70 Euro. In der im internationalen Wettbewerb stehenden Industrie liegen die Arbeitskosten bei 35,66 Euro pro Stunde.

"Du wirst ihn nie mehr sehen"

Von wem der Ruf ausgehen soll, wird allerdings immer unklarer. Seine politischen Freunde veranstalten zwar Kongresse, um an ihn zu erinnern. Doch als Kandidaten bei der nächsten Präsidentschaftswahl 2017 sehen sie ihn nicht. Sein früherer Permierminister Francois Fillon, der selber kandidieren will, sagt bissig: "Er hat die Wahl verloren, wir können ja nicht noch einmal mit demselben Programm antreten, mit dem wir verloren haben." Sogar Sarkozys enger Vertrauter Brice Hortefeux stellt nüchtern fest, dass "die Bedingungen für seine Rückkehr in die Politik nicht gegeben sind." Und sein siegreicher Herausforderer, der heutige Präsident Francois Hollande spottete kürzlich gar über ihn: Als auf dem Salon de l'agriculture ein kleines Mädchen Hollande anvertraute, Sarkozy habe es nie gesehen, platzte es aus Hollande heraus: "Du wirst ihn auch nie mehr sehen."

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

kuac

06.03.2013, 16:16 Uhr

Sarkozy hatte genügend Zeit gehabt Frankreich zu reformieren. Wo war seine Agenda? Was hat er getan? Nichts, außer den Immigranten die Schuld fuer die Misere Frankreichs in die Schuhe zu schieben.

Sarina

06.03.2013, 18:20 Uhr

..............außer den Immigranten die Schuld fuer die Misere Frankreichs in die Schuhe zu schieben.
------------------------------------------------
Und, sind sie etwa nicht schuld?

kuac

06.03.2013, 19:06 Uhr

Das ist mir ganz neu. Sie sind alle französische Staatsbürger und wählen unterschiedliche Parteien wie alle anderen.
Vielleicht haben Sie nicht mitgekriegt. Daher nochmal, es gab 2 große Finanz und Bankenkrisen, die die EU und Weltwirtschaft geschwächt haben. Weder Hartz 4 Empfänger noch andere Staatsbürger mit Migrationshintergrund waren je dafür schuldig. Nehmen Sie Ihre Scheuklappen ab.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×