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16.02.2015

22:48 Uhr

Commerzbank-Prognose

Grexit-Wahrscheinlichkeit steigt auf 50 Prozent

VonDietmar Neuerer

Düstere Aussichten für Griechenland: Nachdem ein Spitzentreffen in Brüssel ergebnislos zu Ende gegangen ist, rückt nach Einschätzung von Commerzbank-Experten der Austritt aus der Währungsunion näher.

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FrankfurtNachdem die griechische Regierung zum zweiten Mal binnen weniger Tage Gespräche über den Umgang mit ihren Milliardenschulden hat platzen lassen, haben Experten der Commerzbank ihre Prognose für einen Euro-Abschied Griechenlands, den sogenannten Grexit, drastisch nach oben geschraubt. „Letzte Woche hatten wir das Risiko eines Grexit noch mit 25 Prozent beziffert. Diese Wahrscheinlichkeit sehen wir jetzt bei 50 Prozent“, heißt es in einer Kurzanalyse des Commerzbank-Chef-Ökonoms Jörg Krämer.

Krämer begründet seine Einschätzung damit, dass ein Einknicken der Euro-Gruppe, auf das die griechische Verhandlungsstrategie offensichtlich spekuliert habe und vielleicht immer noch spekuliere, nach den heutigen Aussagen des Euro-Gruppen-Chefs Jeroen Dijsselbloem „wenig wahrscheinlich“ sei.

Dijsselbloem hatte griechische Erwartungen gedämpft, dass ein neues Hilfsprogramm mit weniger Einschnitten für das krisengeschüttelte Land verbunden ist als das jetzige. „Würde ein neues Programm ganz anders aussehen? Ich glaube nicht“, sagte Dijsselbloem am Montag nach dem Scheitern von Verhandlungen zwischen den Euro-Finanzministern und der griechischen Regierung zur Überbrückung der Finanzierungsprobleme. Jedes Hilfspaket wäre an Bedingungen geknüpft, ergänzte er.

Was droht Griechenland und seinen Banken?

Warum akzeptiert die EZB keine Hellas-Anleihen mehr?

Die EZB verleiht Geld nur an Geschäftsbanken, die als Sicherheiten Wertpapiere hinterlegen, denen Ratingagenturen gute Noten geben. Das ist bei Griechenland-Anleihen nicht der Fall. Bislang machten die Währungshüter eine Ausnahme, weil Athen ein EU-Sanierungsprogramm mit harten Reformauflagen durchlief. Diese Grundlage ist nun weggefallen: Die Regierung des linksgerichteten Ministerpräsidenten Alexis Tsipras lehnt das EU-Rettungsprogramm ab. Die EZB begründete ihre Entscheidung damit, dass man im Moment nicht davon ausgehen könne, dass Hellas sein Reformprogramm erfolgreich abschließen wird.

Um wie viel Geld geht es?

Ende Dezember 2014 hatten sich die griechischen Banken rund 56 Milliarden Euro bei der EZB beschafft. Davon entfielen nach Angaben der Commerzbank 47 Milliarden Euro auf kurzfristige Geschäfte, die inzwischen ausgelaufen sein dürften - und die nur wiederholt werden können, wenn die Institute andere Sicherheiten haben als griechische Staatsanleihen. Die übrigen neun Milliarden Euro steckten in Langfristgeschäften. „Das Geld muss zurückbezahlt werden, wenn es in diesem Umfang keine anderen Sicherheiten gibt“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

Geht griechischen Banken nun sofort das Geld aus?

Nein. Die Institute können vorerst bei der griechischen Zentralbank ELA-Notkredite nachfragen. Der EZB-Rat hat dafür ein Volumen von bis zu rund 60 Milliarden Euro bewilligt. Damit könnte das Refinanzierungsvolumen griechischer Banken bei der EZB vollständig in eine ELA-Finanzierung überführt werden, schreiben Ökonomen der BayernLB: „Es wäre aber nur wenig Raum vorhanden, um einen weiteren Abfluss von Einlagen zu kompensieren.“ Ein weiterer Haken für die Banken: EZB-Kredite kosten aktuell 0,05 Prozent, ELA-Notkredite 1,55 Prozent. Der Vorteil für die EZB und Europas Steuerzahler: Sie müssen nicht geradestehen, wenn die Kredite ausfallen. Das Risiko liegt bei der Zentralbank in Athen und damit beim Steuerzahler Griechenlands.

Können sich die Banken auf die Notkredite verlassen?

Nein. Der EZB-Rat kann diesen Geldhahn mit Zwei-Drittel-Mehrheit zudrehen. ELA darf nur an Institute vergeben werden, die zwar vorübergehende Liquiditätsengpässe haben, aber solvent sind. Das wird ohne ein Hilfsprogramm oder zumindest die begründete Erwartung, dass ein neues Programm schnell in Kraft tritt, unwahrscheinlicher. Die Experten der BayernLB sind daher überzeugt: „Sollte sich Griechenland mit seinen Gläubigern bis Ende Februar nicht zumindest auf eine Brückenfinanzierung einigen, ist damit zu rechnen, dass die EZB griechische Banken von der ELA-Finanzierung ausschließt.“

Was droht, wenn die EZB auch Notkredite verbietet?

Dann dürfte den Banken sehr schnell das Geld ausgehen. „Wenn die EZB ELA abklemmt, haben die Institute keinen Zugriff mehr aus EZB-Liquidität. Das wäre der Rausschmiss, Griechenland würde die Währungsunion faktisch verlassen“, sagt Commerzbank-Experte Krämer. Daher sei die Entscheidung auch eine politische. Experten der UBS sehen das ähnlich: „In dem Moment, in dem die EZB das ELA-Fenster schließt, müssen die Verhandlungspartner entweder sofort Kompromisse finden, oder Griechenlands Banken kommen nicht mehr an Geld.“ Um einen Bankenkollaps zu verhindern, müsse Athen dann umgehend eine eigene Währung einführen: „Das wäre das Ende Griechenlands im Euroraum und könnte eine gefährliche Kettenreaktion in Gang setzen.“

Wie könnte ein Kompromiss aussehen?

Denkbar wäre, die Laufzeit der Hilfskredite zu verlängern oder den Schuldendienst vorrübergehend auszusetzen. Krämer erwartet, dass am Ende auch die Bundesregierung einem „faulen Kompromiss“ zustimmen würde: „Denn bei einem Austritt Griechenlands schlitterte das Land ins Chaos und die Bundesregierung müsste ihren Wählern erklären, dass die direkt und indirekt auf Deutschland entfallenen Hilfskredite an Griechenland in Höhe von 61 Milliarden Euro verloren wären.“

Die Euro-Länder haben Griechenland eine Frist bis Freitag gesetzt, eine Verlängerung des laufenden Hilfsprogramms zu beantragen. Dies hat die Regierung in Athen bislang entschieden abgelehnt. Die Euro-Finanzminister ringen unter Zeitdruck um eine Lösung, weil das aktuelle Programm, dessen Sparauflagen die linke Regierung in Athen als zu einschneidend ablehnt, bis Ende Februar läuft und danach die Pleite des Landes droht.

Krämer gab zu bedenken, dass die Wahlversprechen, die der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras bei seiner Antrittsrede im Parlament noch einmal unterstrichen hat, und der öffentliche Druck ihm „nur wenig Verhandlungsspielraum“ ließen. Denn das griechische Parlament müsse einer Einigung zustimmen. „Geht er zu weit auf die Forderungen der Euro-Gruppe ein, könnte ihm Teile seiner Partei im Parlament die Gefolgschaft verweigern. Und auf die Unterstützung der Opposition wird er kaum bauen können“, ist der Commerzbank-Chefökonom überzeugt. Daher dürften ihm nur „massiver Druck“ von Seiten der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Märkte ein Einlenken in letzter Minute erlauben.

Kommentare (16)

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Herr Christoph Weise

17.02.2015, 07:42 Uhr

Die Meinung in der Presse (und damit sicher auch in der Öffentlichkeit) wird ausschließlich von der Überzeugung geprägt, Griechenland könne sich einen GREXIT nicht leisten, die Schäden eines GREXIT für die EU seien gering und folglich sei Griechenland in einer schlechten Situation und Tsipras unter Druck. Alles dies ist unrichtig und eigentlich ist es genau andersherum. Man muss sich wirklich fragen, warum in den deutschen Medien nur immer "diese eine Meinung" formuliert wird (werden kann).

Herr Peter Langenhagen

17.02.2015, 08:34 Uhr

ist denn der ELA Notkredit schon bei 70 MRD heuer ? Merkel knickt wieder ein. Es wird vertuscht und verruschelt und man hofft, das es keiner merkt. Freibier für alle, die lauthals Stress machen nur nicht für die kleinen Leute. Das europäische Großkapital (und amerikanische) will, das es einfach so weitergeht. Was das Großkapital will, macht Frau Merkel.Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Jeden Tag, immer wieder neu.

Herr Peter Langenhagen

17.02.2015, 08:40 Uhr

was hätte mit dem ganzen Geld, mit den vielen Milliarden, die GR geflossen sind in Deutschland gemacht werden können. Kitas gebaut, Bundeswehrkasernen modernisiert, Steuern gesenkt, Renten erhöht Nein, damit wurden Villen und große Autos und Jachten von Politikern und Managern undBankvort von dubiosen

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