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10.02.2015

14:11 Uhr

Computeraktivisten

Anonymous hackt Terrormiliz IS

VonTina Halberschmidt, Christof Kerkmann

Hackerkollektiv gegen Terrormiliz: Die Gruppe Anonymous hat offenbar zahlreiche Twitter- und Facebook-Profile von IS-Terroristen angegriffen. Weitere Attacken gegen die Propagandaprofis sollen folgen.

Anonymous zieht offenbar gegen den Islamischen Staat (IS) in den Kampf: Unbekannte, die sich zu dem Hackerkollektiv bekennen, haben nach eigenen Angaben zahlreiche E-Mail-Adressen, Websites, sowie Twitter- und Facebook-Nutzerkonten der Terrormiliz attackiert und gelöscht. Das erklären sie unter anderem in einem Internetvideo und auf der Seite http://anonhq.com aus dem Umfeld der Gruppierung. Die Angaben ließen sich am Dienstag nicht unabhängig überprüfen, Stichproben ergaben aber, dass viele Twitter- und Facebook-Profile nicht mehr erreichbar waren. Damit treffen die Hacker die Terroristen an einem empfindlichen Punkt.

Die Aktion unter dem Codenamen #OpISIS sei von einer bunt gemischten Truppe aus Vertretern „aller Länder und Rassen“ geplant und durchgeführt worden, heißt es in der Erklärung. Man werde nicht aufhören, die IS-Terroristen zu jagen, und sie wie einen Virus behandeln, der durch Anonymous geheilt würde. In den kommenden Stunden und Tagen würden viele weitere IS-nahe Profile attackiert.

Bereits im September hatten unbekannte Anonymous-Aktivisten angekündigt, gegen den Einfluss der Terrormiliz in den sozialen Medien vorzugehen und deren Nutzerkonten lahmlegen zu wollen, ebenso nach den Anschlägen auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo. „Ihr habt unschuldige Menschen getötet, wir werden ihren Tod rächen“, hieß es in einem Internetvideo nach der Tat. Eine Attacke auf die Meinungs- und Redefreiheit sei ein Angriff auf die Demokratie.

Glossar – der politische Islam

Einen einheitlichen Islam...

… gibt es nicht. Die Religion hat etwa 1,6 Milliarden Anhänger weltweit. Doch die regional unterschiedlichen Spielarten des Glaubens variieren stark. Die meisten Muslime leben beispielsweise nicht etwa in einem Land auf der arabischen Halbinsel, sondern in Indonesien. Dort sind mit knapp 13 Prozent aller Muslime der Welt so viele Gläubige beheimatet wie in keinem anderen Staat.

Die Verwendung...

… von Begriffen wie Islamismus, politischem Islam, Fundamentalismus, radikalem Islam und Dschihadismus erfolgt in der Debatte oft nicht trennscharf. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 werden sie oftmals synonym und wenig trennscharf verwendet. Meist sollen mit „Islamismus“ solche fanatischen und gewalttätigen Gruppen mit terroristischer Ausrichtung erfasst werden, die sich auf den Islam beziehen.

Islamismus...

… bzw. Islamisten stehen für für alle politischen Auffassungen und Handlungen, die im Namen des Islams die Errichtung einer allein religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung anstreben.

Problematisch ist,...

… dass gerade späteren Strömungen die Absicht eigen ist, den Islam nicht nur zur verbindlichen Leitlinie für das individuelle, sondern auch für das gesellschaftliche Leben zu machen. Oft geht das einher mit einer Ablehnung der Trennung von Religion, was ein Spannungsverhältnis schafft zu den Prinzipien von Individualität, Menschenrechten, Pluralismus, Säkularität und Volkssouveränität.

Friedliche Islamisten...

… sehen die Gewaltanwendung zur Durchsetzung ihres Ziels – der Errichtung eines islamischen Staats - nicht als ihr vorrangiges politisches Instrument.

Als Mittel des Widerstands...

… haben sich islamistische Strömungen allerdings in vielen Staaten entwickelt. Grobe Faustregel: Je stärker sie unterdrückt wurden, desto eher neigten sie zur Radikalisierung und einer Fokussierung auf den bewaffneten Kampf. So etwa in Syrien und in Ägypten.

Terrorismus...

… ist daher eines von mehreren Mitteln und Handlungsstilen, die Islamisten benutzen. Andere Beispiele sind Parteipolitik und Sozialarbeit.

Der Dschihad...

… bedeutet wörtlich „Anstrengung, Kampf, Bemühung, Einsatz“ für Gott, nicht Gotteskrieg. Man muss unterscheiden zwischen dem „großen Dschihad“ als Kampf gegen sich selbst, also umgangssprachlich gesagt Überwindung des eigenen „inneren Schweinehundes“ und dem „kleinen Dschihad“, dem Kampf im militärischen Sinne. Die Übersetzung von Dschihadisten als „Gotteskrieger“ verzerrt den Begriff daher, weil es einen einseitigen Fokus auf den bewaffneten Kampf legt.

Das Phänomen Anonymous ist schwer zu fassen. Es handelt sich um einen lose organisierten Zusammenschluss von Hackern ohne klar umrissene Führung. Die unbekannten Aktivisten schließen sich zumeist spontan zu einzelnen „Operationen“ zusammen, um beispielsweise Websites zu blockieren oder inkriminierende Daten zu veröffentlichen. Das trägt zur Mystifizierung der Hacker bei, erschwert es allerdings auch, Meldungen über Attacken auf ihre Echtheit zu überprüfen.

Die Anfänge der Gruppe reichen bis ins Jahr 2003 zurück, einer breiteren Öffentlichkeit ist das Kollektiv 2008 mit Angriffen auf die Scientology-Organisation bekannt geworden. 2010 nahmen Hacker die Websites von Organisationen ins Visier, die das Whisteblower-Portal Wikileaks boykottierten, darunter die Kreditkartenanbieter Mastercard und Visa.

Die Hacker eint die Ablehnung staatlicher Zensur. In etlichen Botschaften betonen Aktivisten auch die Bedeutung der Menschenrechte. So auch im aktuellen Fall: „Wir sind Moslems, Christen, Juden“, heißt es im Video, und weiter: „Wir stammen aus allen Rassen, Ländern, Religionen und Ethnien“. Die IS-Terroristen seien dagegen keine Moslems.

Diese hehren Ziele erreichen die Hacker indes mit umstrittenen Methoden. So legen sie in vielen Fällen Websites mit sogenannten DDOS-Angriffen lahm. Dabei werden die Server mit zahlreichen Anfragen geflutet, so dass sie häufig unter der Last zusammenbrechen. Aktivisten sehen darin lediglich einen virtuellen Sitzstreik, allerdings können Unternehmen durchaus Schäden entstehen – das Gesetz sieht darin eine Straftat. Teilweise veröffentlichen die Hacker auch geheime Informationen, die sie erbeuten konnten, etwa im Fall des US-Sicherheitsdienstleisters Stratfor. Diverse Anonymous-Mitglieder sind in den USA wegen der Angriffe zu teils langjährigen Haftstrafen verurteilt worden.

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