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24.09.2016

13:38 Uhr

Corbyn bleibt Labour-Chef

Das britische Stehaufmännchen

VonKerstin Leitel

Mit einer Zweidrittelmehrheit wurde Jeremy Corbyn als Parteivorsitzender bestätigt. Der britische Labour-Chef gewinnt eine Wahl nach der anderen – dabei wollen ihm selbst seine Parteigenossen an den Kragen.

Mit einer Mehrheit von 61,8 Prozent der Stimmen wurde Jeremy Corbyn als Vorsitzender der Labour-Partei bestätigt. AFP; Files; Francois Guillot

Strahlender Gewinner

Mit einer Mehrheit von 61,8 Prozent der Stimmen wurde Jeremy Corbyn als Vorsitzender der Labour-Partei bestätigt.

LondonEin eher gequältes Lächeln huscht über Jeremy Corbyns Gesicht, als die Ergebnisse der Wahl zum neuen Parteivorsitzenden der britischen Labour-Partei verkündet werden. Dabei hat der 67-Jährige gewonnen: Er ist und bleibt Chef der britischen Oppositionspartei Labour. 61,8 Prozent der rund 640.500 Wahlberechtigten stimmten für „JC“, sein Konkurrent Owen Smith kam nur auf 38,2 Prozent der Stimmen. Der Sieg war erwartet worden – trotz des heftigen Gegenwinds, der Corbyn seit Monaten entgegenweht. Doch vermutlich ahnt der Labour-Chef, dass ihm keine leichten Zeiten bevorstehen.

Viele Parteimitgliedern stehen hinter dem Altlinken, der als Mann der Prinzipien gilt: Kriegsgegner, Atomwaffengegner, Befürworter von Verstaatlichungen, Kämpfer für die Armen. Ein Mann, der sich lange weigerte, einen Anzug zu tragen, der nicht einmal ein Auto besitzt. „Ein echter Mensch“, schwärmt ein Labour-Wähler. Seit Corbyn vor einem Jahr überraschend bei einer Urabstimmung mit breiter Mehrheit – und etwas weniger Stimmen als an diesem Samstag in Liverpool – an die Parteispitze rückte, stieg die Zahl der Mitglieder von Labour deutlich. In Großbritannien war daher erwartet worden, dass auch Corbyn die zweite Wahl gewinnen würde.

Warum Deutschland Großbritannien braucht

Hintergrund

Deutschland und Großbritannien bleiben auch nach einem Austritt der Briten aus der Europäischen Union miteinander verbunden.

Nato/ UN

Großbritannien ist eine der wichtigsten Militärmächte im westlichen Verteidigungsbündnis und besitzt Atomwaffen. Im Gegensatz zu Deutschland haben die Briten zudem einen ständigen Sitz im Uno-Sicherheitsrat mit Vetorecht.

Rüstungsprojekte

Das Mehrzweckkampfflugzeug Eurofighter wird von Deutschland, Großbritannien, Italien und Spanien in Gemeinschaftsproduktion gebaut. Auch am Militärtransporter A400M sind beide Länder neben Frankreich, Belgien, Luxemburg, Spanien und der Türkei beteiligt.

Geheimdienstarbeit

Der britische Geheimdienst GCHQ verfügt über ein ähnlich weitreichendes Spionageprogramm wie die amerikanische NSA. Er zapft direkt die Glasfaserkabel an, die Daten von Europa in die USA weiterleiten. Der GCHQ kooperiert bei der Terrorabwehr mit dem BND.

Wirtschaft

Großbritannien und Deutschland sind wichtige Handels- und Investitionspartner. Mehr als 2.500 deutsche Unternehmen haben Niederlassungen in Großbritannien. Etwa 3.000 britische Unternehmen sind in Deutschland vertreten. Für die deutsche Automobilindustrie ist das Vereinigte Königreich einer der größten Exportmärkte.

Finanzen

London ist das wichtigste Finanzzentrum Europas und größter Handelsplatz für Devisen und Derivate weltweit. Die Frankfurter Börse plant, mit ihrem Londoner Pendant zu fusionieren.

Menschen

Gut 100.000 Briten leben in Deutschland, etwa 300.000 Deutsche in Großbritannien. Großbritannien ist bei deutschen Studenten beliebt. Viele Mitglieder des deutschen Hochadels sind enger oder entfernter mit Königin Elizabeth II. und ihrem Gemahl Prinz Philip verwandt.

Dennoch steht er wie kaum ein anderer Politiker auf der Insel in der Kritik. Selbst seine Ex-Frau, die ihn bei seiner letzten Wahl noch unterstützte, hat nun für den zweiten Kandidaten Smith gestimmt, weil er zu sehr an alten Idealen hänge. Und auch seine eigenen Abgeordneten stehen nicht so geschlossen hinter ihm, wie man vermuten könnte. Im Juni hatten sich 172 von 212 Labour-Abgeordneten in einem Misstrauensvotum gegen Corbyn ausgesprochen und seinen Rücktritt gefordert. Nachdem er sich weigerte, wurden Neuwahlen angestrengt, Abgeordnete versagten ihm die Gefolgschaft. „Die Labour-Partei befindet sich in einem chaotischen Zustand, in einer Art permanentem Bürgerkrieg“, sagt Politik-Professor Tony Travers von der London School of Economics.

„Wir haben mehr gemeinsam als uns trennt“, versucht Corbyn die Parteimitglieder in Liverpool zu überzeugen. In den vergangenen Wochen hatte er bereits versichert, seinen Gegnern einen „Olivenzweig“ zur Versöhnung hinzustrecken – er habe zu diesem Zweck bereits einen Olivenbaum, scherzte er.

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