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14.11.2015

05:46 Uhr

Das 9/11 von Paris?

Terror in Paris erreicht US-Wahlkampf

VonAxel Postinett

Die Nacht der Gewalt in Frankreich ruft in den USA Erinnerungen an die Angriffe auf das World Trade Center in New York wach und heizt die politische Diskussion an.

US-Präsident Obama gibt eine Erklärung zu den Anschlägen in Paris ab. Seine Politik im Nahen Osten steht in der Kritik und wird Wahlkampfthema. Reuters

US-Präsident Obama zu den Anschlägen von Paris

US-Präsident Obama gibt eine Erklärung zu den Anschlägen in Paris ab. Seine Politik im Nahen Osten steht in der Kritik und wird Wahlkampfthema.

San FranciscoEs dauerte nur Stunden, bis die Terrornacht von Paris den amerikanischen Wahlkampf erreichte. Liz Cheney, Tochter des früheren republikanischen US-Vizepräsidenten Dick Cheney, wandte sich per Twitter gegen Präsident Barack Obama und dessen Außenpolitik: "ISIS attackiert Paris nur wenige Stunden nachdem Obama erklärt hat, er habe sie 'eingedämmt'", ätzt sie und fährt fort: "So wie er gesagt hat er hat Al-Kaida 'besiegt' und den Krieg im Irak 'beendet'". Vor den Terrorangriffen hatte Obama in einem TV-Interview betont, ISIS mache keine systematischen Fortschritte mehr, man habe die Terrororganisation "eingedämmt". Nun müsse man noch die Führungsschicht eliminieren.

Die Verbalattacke kommt nur Tage nachdem Altpräsident George H.W. Bush Dick Cheney als "Eisenarsch" bezeichnet hatte. Während seiner Zeit im Weißen Haus unter Sohn George W. Bush sei Cheney zu sehr auf Gewalt fokussiert gewesen um die Probleme Amerikas lösen zu können, heißt es in einer Biographie des 91-Jährigen.

Islamistischer Terror in Europa

Seit dem 11. September 2001

Seit den Terroranschlägen in den USA vom 11. September 2001 gab es auch in Europa eine Reihe islamistischer Attentate. Manche Pläne konnten gerade noch vereitelt werden. Beispiele:

März 2004

Bei Sprengstoffanschlägen auf Pendlerzüge in Madrid sterben 191 Menschen, etwa 1500 werden verletzt.

2. November 2004

Der Filmregisseur, Publizist und Satiriker Theo van Gogh wird in Amsterdam auf offener Straße ermordet.

Juli 2005

Vier Muslime mit britischem Pass zünden in der Londoner U-Bahn und einem Bus Sprengsätze. 56 Menschen sterben, etwa 700 werden verletzt.

Juli 2006

Im Kölner Hauptbahnhof werden in zwei Zügen Bomben gefunden, die wegen eines technischen Fehlers nicht explodierten. Der „Kofferbomber von Köln“ wird zu lebenslanger Haft erurteilt.

Januar 2010

Gut vier Jahre nach der Veröffentlichung seiner Mohammed-Karikaturen in der Zeitung „Jyllands-Posten“ entkommt der dänische Zeichner Kurt Westergaard nur knapp einem Attentat.

9. März 2010

Selbstmordanschläge auf die Moskauer Metro mit 40 Toten und 84 Verletzten. Der tschetschenische Terrorist Doku Umarow bekennt sich.

Dezember 2010

Bei einem Sprengstoffanschlag in der Stockholmer Fußgängerzone stirbt der Attentäter. Hintergrund war vermutlich der Einsatz schwedischer Soldaten in Afghanistan.

März 2011

Ein Kosovo-Albaner erschießt am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten und verletzt zwei weitere schwer.

Januar 2011

Bei einem Selbstmordanschlag auf dem internationalen Moskauer Flughafen Domodedowo sterben mindestens 37 Menschen. Die Ermittler machen Islamisten aus dem Nordkaukasus verantwortlich.

Dezember 2013

Bei Selbstmordanschlägen in der russischen Stadt Wolgograd sterben 34 Menschen im Bahnhof und in einem Bus. Islamisten aus dem Nordkaukasus bekennen sich zu den Attentaten.

Mai 2014

Im Jüdischen Museum in Brüssel erschießt ein französischer Islamist vier Menschen. Kurz darauf wird der Mann festgenommen.

7. Januar 2015

Mordanschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo in Paris. Zwölf Menschen fallen dem Anschlag zum Opfer.

13. November 2015

Bei mehreren Sprengstoffexplosionen im Pariser Stadtgebiet sterben 130 Menschen. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat bekennt sich zu dem Anschlag.

Der verbale Schlagabtausch wirft ein Schlaglicht auf die innenpolitische Diskussion über Amerikas Mitschuld an der desolaten Situation im Nahen Osten. Die einen sehen in Amerikas Irak-Kriegen und dem nachfolgenden Machtvakuum in der Region die Geburtsstunde der muslimischen Terrororganisation. Die anderen machen eine angebliche verfehlte Politik von Obama, der sich zu früh aus den Krisengebieten zurückgezogen habe, für den Aufstieg von ISIS und das Überleben von Al-Kaida verantwortlich. "The Daily Caller" zitiert Präsidentschaftskandidat Jeb Bush von einer Wahlkampfveranstaltung damit, Paris sei eine "konzertierte Aktion um die westliche Zivilisation zu zerstören", ein Krieg, kein Polizeiproblem. Bush muss sich seit Monaten für die Irak- und Syrien-Kriege seines Bruders George W. Bush rechtfertigen.

US-Präsident Barack Obama selbst erklärte in der Nacht zu Samstag die Terroraktionen in Paris seien " nicht nur ein Angriff auf Paris oder Frankreich" gewesen, sondern auf "die Menschlichkeit und und universelle Werte, die wir alle teilen".

Während er betonte, noch keine genauen Informationen zu haben, wer hinter den Anschlägen stecke, versicherte er, die USA werden "alles unternehmen, um zusammen mit Frankreich" die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Er betonte, Frankreich sei einer der ältesten Verbündeten der USA.

Das Entsetzen ist auch in der Bevölkerung groß. In San Francisco leuchtete die große City Hall am Abend in blau, weiß und rot, den französischen Nationalfarben. Blau, weiß, rot waren in der Nacht auch die Farben des One World Trade Center in New York. Im US-Fernsehen zogen Terrorexperten Vergleiche zu der Zerstörung des World Trade Centers in New York in 2001. Alleine schon die koordinierten Aktionen an mehreren Stellen gleichzeitig zeige Parallelen zu New York. Damals waren Flugzeuge in das World Trade Center und das Pentagon in Washington geflogen worden.

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