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09.01.2013

10:23 Uhr

Das Ende der Kapitalflucht

Liebe Banker, hier ist unser Erspartes zurück

VonJan Mallien, Gerd Höhler

ExklusivDas Kapital kehrt in die Euro-Problemländer zurück. Ihre Bankeinlagen steigen und Staatsanleihen sind nicht mehr verpönt. Damit sind die Risiken zwar nicht gebannt, aber der Charakter der Euro-Krise ändert sich.

Bis zum Sommer zogen Spanier, Griechen und Portugiesen massiv Geld von ihren Bankkonten ab. Dieser Trend ist gestoppt. Getty Images

Bis zum Sommer zogen Spanier, Griechen und Portugiesen massiv Geld von ihren Bankkonten ab. Dieser Trend ist gestoppt.

Düsseldorf, AthenEine Zweigstelle der National Bank of Greece in einem südlichen Villenvorort Athens. Ungeduldig tritt der Rentner, der sich vor dem Schalter eingereiht hat, von einem Bein aufs andere. Als er schließlich an der Reihe ist, zieht er mehrere dicke Banknotenbündel aus den Taschen seines Anoraks. „Καταθεση“, sagt er dem Kassierer. Der lässt die Scheine durch die Zählmaschine rattern. 12.900 Euro zeigt das Display.

Καταθεση, Einzahlung: Dieses Wort hören die Kassierer der griechischen Banken in diesen Wochen gern – und immer öfter. Noch in der ersten Jahreshälfte 2012 dominierte ein anderes Wort die Dialoge an den Bankschaltern: Ohne καλημερα, einen guten Morgen zu wünschen, schoben die meisten Kunden ihr Sparbuch über den Tresen und verlangten barsch αναληψη, eine Abhebung.

Die Schuldenkrise bescherte den griechischen Banken einen existenzgefährdenden Aderlass. Wegen der Rezession, in die das Land Ende 2008 abrutschte, konnten immer mehr Schuldner ihre Kredite nicht mehr bedienen. Gleichzeitig zogen die Kunden ständig mehr Geld ab. Binnen zweieinhalb Jahren verloren die Banken fast 37 Prozent ihrer Einlagen. Zwischen Dezember 2009 und Juni 2012 flossen rund 87 Milliarden Euro ab.

Das Vertrauen der Griechen in ihre Banken war dahin. Viele fürchteten, dass ihre Ersparnisse bei einem Euro-Austritt Griechenlands entwertet würden. Ähnlich wie den Griechen erging es später auch den Spaniern und Portugiesen. 

Was das neue Griechenland-Hilfspaket kostet

Was muss Deutschland gegenüber dem März-Programm nachschießen?

Im kommenden Jahr wird der Haushalt um zusätzliche 730 Millionen Euro belastet. Schäuble und seine Kollegen kommen Athen vor allem in zwei Punkten entgegen: Zunächst werden die Zinsen für die laufenden Notkredite gesenkt und die EFSF-Kredite über 2020 hinaus gestundet. Die Ersparnis für Athen: fünf Milliarden Euro bis 2014. Die Mindereinnahmen für den Bund: 130 Millionen Euro pro Jahr. Zum zweiten werden Gewinne, die die Zentralbanken durch den Kauf von Staatsanleihen erzielen, nicht länger einbehalten, sondern an Athen weitergereicht. Das Ersparnis für Hellas bis 2014: 4,1 Milliarden Euro. Der Verlust für den Bund: 599 Millionen Euro im nächsten Jahr und 2,7 Milliarden Euro insgesamt bis 2030. Und ein Großteil muss vom Bund wirklich bezahlt werden - weil die Bundesbank nur einen geringen Teil ihrer eigentlichen Gewinne in Schäubles Budget weiterleitet.

Ist damit denn der Schuldenverzicht der deutschen Steuerzahler vom Tisch?

Im Gegenteil: Zwar soll Athens Finanzbedarf bis 2014 ohne Aufstockung der Kredite des bisherigen Rettungsprogramms gedeckt werden. Zugleich hat sich die Eurogruppe aber dazu bekannt, "weitere Maßnahmen und Hilfen in Betracht zu ziehen", wenn in zwei Jahren die Schuldentragfähigkeit des Landes noch nicht näher gerückt ist. Die Bedingung: Das Land muss bis dahin einen deutlichen Primärüberschuss erreichen, also ein Haushaltsplus ohne Schuldendienst. Denn dann könnte Athen seine Rechnungen ohne neue Notkredite bezahlen, und es wäre "eine andere Rechtsgrundlage" als heute gegeben, wie Schäuble formuliert.

Der Hintergrund: So lange neue Kredite fließen, dürfen die Euro-Partner nicht zugleich auf eine Rückzahlung verzichten. Ist (vorerst) alles überwiesen, dann entfällt die rechtliche Hürde für den Schnitt. "Wir gehen schrittweise vor", sagt Schäuble. Das Ziel mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) ist vereinbart: Die Schuldenquote von knapp 190 Prozent der Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr bis 2016 auf 175 Prozent und bis 2022 auf "deutlich unter" 110 Prozent zu drücken. Ohne Erlass - so sind sich viele Fachleute einig - wird das nicht gelingen. Die Griechenlandrettung bleibe "ein Fass ohne Boden", mahnt Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.

Wie wird den Griechen noch geholfen?

Der neue Rettungsplan sieht vor, dass das Land für 10,2 Milliarden Euro Kredite von Privatinvestoren zurückkauft, und zwar zum Marktpreis von rund 30 Prozent des Nennwertes. Die Hoffnung: Ein Großteil der Investoren lässt sich darauf ein, und Griechenland kann rund 20 Milliarden Euro seiner Schulden durch den Rückkauf "löschen". Damit könnte der Berg auf einen Schlag um einen Anteil von zehn Prozent der Wirtschaftsleistung abgetragen werden.

Der Haken: Die Privatgläubiger - vor allem griechische Banken - müssten Schuldscheine im Wert von 100 Euro für 30 Euro an Athen verkaufen - und den Verlust abhaken. "Warum sollten sie?", fragt sich ING-Analyst Carsten Brzeski. Schließlich seien Banken und Fonds schon beim ersten Schuldenschnitt im Frühjahr "gemolken" worden. Allerdings haben viele Hedgefonds genau darauf spekuliert. Sie haben sich Papiere zu noch viel niedrigeren Preisen gekauft - und können sie jetzt mit Gewinn an Athen zurück verscherbeln.

Warum wird den Hellenen jetzt noch stärker unter die Arme gegriffen?

Da ist zum einen die Belohnung für große Leistungen in Griechenland: Das Haushaltssaldo wurde gegenüber 2009 um zwei Drittel auf gut 13 Milliarden Euro gekürzt. Die Verwaltung wurde modernisiert, die Steuereinziehung verbessert, das Rentenalter auf 67 Jahre angehoben, der Mindestlohn gesenkt und die Lohnstückkosten hart gedrückt. Alle Vorleistungen wurden erfüllt, attestiert die Troika in ihrem Zeugnis. Darüber hinaus gibt es einen tieferen Grund: Ein Stopp der Griechenland-Rettung könnte die Eurozone noch immer ins Chaos stürzen, fürchtet man in Berlin, Paris und Brüssel. Die wirtschaftlichen und politischen Folgen will niemand verantworten.

Welche Kröten müssen die Hellenen für die neue Hilfe schlucken?

Neben weiteren Strukturreformen muss Athen auch weitere Souveränität abgeben: Die Rückflüsse aus den Notenbankgewinnen, 30 Prozent des Haushaltsüberschusses und alle Privatisierungserlöse müssen auf ein Sperrkonto eingezahlt werden, von dem nur Schulden bedient werden dürfen. Außerdem wird es eine permanente Troika-Kontrolle geben. Und für alle Ministerien wurde ein Ausgabendeckel eingerichtet, der den finanziellen Spielraum drastisch einschränkt. Wegen der bitteren Pillen hofft Schäuble, dass die anderen Programmländer, Portugal und Irland, nun nicht die gleichen Zugeständnisse der Euro-Partner einfordern werden.

Inzwischen hat sich der Trend gedreht: Die Bankeinlagen in den in den betroffenen Ländern steigen wieder. In Italien wachsen  sie sogar schon seit Anfang 2012. „Das Vertrauen in den heimischen  Bankensektor ist wieder gestiegen“, sagt Christian Schulz von der Berenberg Bank. Was sind am Bankschalter in Griechenland zeigt, gilt auch für die Kapitalströme der Krisenländer insgesamt: Der Aderlass der Peripherie-Ländern ist gestoppt. „Die Kapitalflucht in der Eurozone kehrt sich um“, sagt der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer.  „Seit Sommer fließt unterm Strich Kapital in die Krisenländer zurück. Ich glaube das setzt sich in diesem Jahr fort.“

Kommentare (29)

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Heini1946

09.01.2013, 11:13 Uhr

Es könnte eine sehr törichte Handlung sein. Das Licht am Ende des Tunnels ist der Zug!
Artikel wie diese sollen dazu verleiden Geld in die PIIGS
zu tragen, nach dem Motto, ales halb so wild, wird schon gutgehen. Siehste die anderen machen das auch und wir wollen da auch unseren Schnitt damit machen.
Gift läßt sich eben am besten unter die Leute bringen, wenn es süß ist oder akoholisiert.

Heidi

09.01.2013, 11:19 Uhr

@karstenberwanger
Ich denke daß die meisten Kleinanleger einfach daran glauben daß es keinen Euroaustritt Griechenlands geben wird. Ich denke so unbegründet ist diese Hoffnung auch nicht gerade.
Daß größere Vermögen weiterhin vorsichtig sind kann ja auch andere Gründe haben... und da denke ich jetzt an die wohl alsbald einsetzende Steuerdebatte welche die Mehrheit (nicht nur der griechischen) Bevölkerung auf dem Rücken Anderer - in diesem Fall der "Reichen" ausgetrgen sehen möchte.

Account gelöscht!

09.01.2013, 11:24 Uhr

Καταθεση... Blabla
Was für ein Wunschdenken, es zahlt keiner ein in griechische ´Banken, es will auch keiner griechische Anleihen. Wie oft sollen die Menschen noch darauf reinfallen? Wer Geld in griechenland steckt, kann es gleich lieber in den Gulli werfen..

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