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19.03.2004

08:14 Uhr

Das Internet als Bedrohung

Pekings Zensoren ziehen die Zügel an

VonMarkus Gärtner (Handelsblatt)

Die virtuelle Welt wird Chinas Zensoren immer unheimlicher: Während der Volkskongress jüngst die weitere Öffnung des Landes beriet, zogen die Online-Aufpasser die ohnehin straffen Zügel um das boomende Internet weiter an. So wurden die Info-Seiten der Deutschen Welle ebenso gesperrt wie die chinesische Version des Wall Street Journal.

PEKING. „Die Kommunistische Partei sieht sich wegen des Nachrichtenstroms im Internet einem zu großen Druck der öffentlichen Meinung ausgesetzt“, sagt Li Fang, Chefredakteur des Netease Review. Einer der knapp 3000 Delegierten des Volkskongresses, der anonym bleiben will, stimmt zu: „Die Führung ist zunehmend beunruhigt wegen der Fähigkeit des Mediums, die öffentliche Meinung zu beeinflussen“.

Tatsächlich zeigen erste Fälle, dass Ereignisse im Internet eine solche Dimension und Dynamik entwickeln, dass sie direkte politische Auswirkungen haben. Jüngstes Beispiel ist der „BMW-Vorfall“. Nachdem ein Bauernwagen ihren BMW leicht gestreift hatte, raste eine wohlhabende Chinesin in der nordostchinesischen Stadt Harbin wutentbrannt in eine Menschenmenge, tötete eine Bäuerin und verletzte zwölf Menschen. Als sie dafür nur eine milde Strafe erhielt und das Gerücht kursierte, sie sei die Verwandte eines Top-Politikers, entfesselte sich in Chinas Chatrooms ein Sturm der Entrüstung. Unter dem Druck der Öffentlichkeit leitete die Regierung schließlich eine neue Untersuchung ein.

Nur kurz vor diesem Vorfall tobte im Internet ein Proteststurm, nachdem eine Zeitung in Südchina über den Wanderarbeiter Sun Zhigang berichtete. Er war im Polizeigewahrsam gestorben. Nach vehementer Kritik schrieb die Regierung jenes Gesetz um, auf dessen Basis der Arbeiter verhaftet worden war.

Chinas Internet wächst in eine Dimension hinein, die ihre eigene Dynamik entfaltet. Große Provider brauchen ein stattliches Anzeigenaufkommen, damit sie überleben. Anzeigen bekommen sie aber nur, wenn sie viele Zugriffe nachweisen können – und dafür müssen sie exklusive, delikate oder besonders schnelle Informationen anbieten.

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