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07.09.2016

16:22 Uhr

Das Problem mit der Treppe

G20, Obama und der rote Teppich

VonStephan Scheuer

Der Gipfel der zwanzig führenden Wirtschafsmächte war eine Konferenz der Superlative. Aber wieso bekam US-Präsident Barack Obama keinen roten Teppich am Flughafen? Eine Verschwörung der Chinesen?

Für den US-Präsidenten gab es keinen standesgemäßen Empfang in China. AP

Barack Obama

Für den US-Präsidenten gab es keinen standesgemäßen Empfang in China.

HangzhouJedes Details steht seit Wochen fest. Zum Treffen der zwanzig führenden Industrie- und Schwellenländer will Gastgeber China nichts dem Zufall überlassen. Die Bewohner der Neun-Millionen-Metropole Hangzhou haben Sonderurlaub bekommen. Ganze Stadtviertel wurden evakuiert. Fast eine Million Freiwillige geleitet die internationalen Delegationen von den Hotels zum Konferenzgelände.

Aber dann das: als US-Präsident Barack Obama mit der Air Force One in China landet, fehlt die große Flugzeugtreppe mit dem roten Teppich. Ausgerechnet der mächtigste Mann der Welt muss über die Treppe aus dem Flugzeugbauch China betreten, während die anderen Staats- und Regierungschefs den roten Teppich ausgerollt bekommen.

Warum G20-Gipfel wichtig sind

Macht das Sinn?

Bei den G20-Gipfeln kommen die mächtigsten Staatenlenker der Welt zusammen. Oft gibt es Streit, am Ende lange Kommuniqués. Machen solche Treffen überhaupt Sinn? Ja – ihre Bedeutung wächst sogar noch.

Wie kam es zu G20-Gipfeln?

Die Gruppe der 19 führenden Industrie- und Schwellenländer sowie der Europäischen Union (G20) wurde 1999 gegründet, traf sich zunächst aber nicht auf der Ebene der Staats- und Regierungschefs. Die Staatenlenker kamen wegen der globalen Finanzkrise erstmals Ende 2008 zusammen. Die folgenden Gipfel waren hilfreich bei der Bewältigung der Krise und machten die G20-Gruppe zum Spitzenforum für die globale Wirtschaftskooperation.

Reicht nicht die G7-Gruppe?

Die G7-Gruppe der reichen Industrienationen kann keine globalen Lösungen mehr anbieten. Die Entwicklungs- und Schwellenländer stellen heute schon mehr als die Hälfte der Weltwirtschaftsleistung. Viele Probleme in einer globalisierten Welt können nur noch gemeinsam gelöst werden: Handelsfragen, Klimaschutz, Steuergerechtigkeit, Finanzkooperation und die Kluft zwischen Arm und Reich. Mit den wachsenden Abhängigkeiten wächst die Bedeutung der G20-Gipfel.

Kann das nicht die Uno übernehmen?

Die Vereinten Nationen sind dafür zu groß. Die G20-Gruppe ist klein genug, um konkrete Verhandlungen zu ermöglichen. Sie repräsentiert zwei Drittel der Weltbevölkerung, mehr als 80 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung und 80 Prozent des Handels. Die Anwesenheit der Staats- und Regierungschefs erleichtert Entscheidungen. Außerdem sind die Spitzen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) vertreten.

Warum gibt es dann soviel Kritik?

Die G20-Gruppe ist keine globale Regierung und keine vertraglich begründete Organisation. Ihr fehlt die Möglichkeit, Entscheidungen auch durchzusetzen. Die G20 kann nur den Kurs vorgeben oder politisch Schwung erzeugen. Die Unterschiedlichkeit seiner Mitglieder und ihrer politischen Systeme erzeugt oft Streit, was aber nach Ansicht von Experten nicht das Gesprächsformat an sich in Frage stellt.

Wäre eine formelle Struktur für die G20 nicht hilfreich?

Nein, im Gegenteil. Der informelle Prozess ist die eigentliche Stärke der Gipfel. Nirgendwo sonst können die Staat- und Regierungschefs ohne protokollarische Zwänge so locker zusammenkommen und offen über ihre Differenzen sprechen.

Wem nutzen die langen Kommuniqués?

Die Abschlusserklärungen sind wichtige Etappenziele bei der Umsetzung von Verpflichtungen der G20-Staaten. Entwicklungsorganisationen ringen hart darum, dass ihre Anliegen und selbst vage Zusagen aufgenommen werden. Es erleichtert ihre weitere Arbeit, weil sie die Regierungen damit an deren Versprechen erinnern können.

Doch der Ärger geht weiter. Auf dem Rollfeld wird Obamas Sicherheitsberaterin Susan Rice von chinesischer Security aufgehalten. Auch zwischen den mitreisenden US-Journalisten und chinesischen Sicherheitsbeamten kommt es wenig später zum Streit. Er will sie auf die Seite drängen, doch sie wollen die Begrüßung von Obama verfolgen. „Das ist unser Flughafen. Das ist unser Land“, habe der Beamte auf Englisch geschrien, erzählt später ein Reporter der „New York Times“. Sollte der US-Präsident direkt bei seiner Ankunft öffentlich gedemütigt werden, wie anschließend der ehemalige mexikanische Botschaft in China, Jorge Guajardo, vermutet? Das Wort vom „Treppen-Gate“ macht die Runde.

Chinesische Diplomaten liefern eine andere, viel banalere Erklärung. Der Secret-Service habe vor der Landung von Obama jeden Schritt der Begrüßungszeremonie am Flughafen genau studiert, erklärte die Sprecherin der Pekinger Außenministeriums, Hua Chunying. Doch sie habe gestört, dass der Fahrer der Flugzeugtreppe kein Englisch gesprochen habe. Sie hätten darauf bestanden, einen anderen Fahrer zu organisieren, der auch die englischen Anweisungen des US-Sicherheitspersonals verstehe. Doch den habe der Flughafen nicht so schnell auftreiben können. Am Ende sei daher auf die Treppe verzichtet worden.

Obama selbst meldet sich später zu Wort. Der Fall solle nicht überbewertet werden. „Wir müssen fair bleiben. Wenn Delegationen in die Vereinigten Staaten reisen, gibt es manchmal auch Zwischenfälle bei Sicherheits- und Protokollangelegenheiten. Das wird nur nicht immer berichtet“, sagte der US-Präsident.

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