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08.01.2015

15:26 Uhr

„Das sind keine Muslime“

Empörung in muslimischer Welt über Bluttat

Der Anschlag von Paris ist auch in den muslimischen Ländern das beherrschende Thema. Radikale feiern die Attentäter im Netz zwar. Die meisten Reaktionen verurteilen das Verbrechen jedoch einhellig.

Als der Terror nach Paris kam

Franzosen solidarisch: „Wir lassen uns nicht einschüchtern!“

Als der Terror nach Paris kam: Franzosen solidarisch: „Wir lassen uns nicht einschüchtern!“

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Istanbul/KairoDie Extremisten im Netz jubeln. Einen Tag nach der Bluttat von Paris feiern radikale Muslime in den sozialen Medien den Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“. Viele von ihnen erklären die drei Attentäter zu Helden. „Möge Allah unsere französischen Brüder belohnen“, schreibt ein Nutzer mit dem Namen „Abu Dujana“ auf Twitter. Dort kursiert auch ein Foto, das zeigt, wie Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) syrische Soldaten enthaupten. Der Titel zu dem Bild droht unverhohlen: „Wir fangen an, eure Leute auf euren Straßen abzuschlachten.“

Die Extremisten wünschen sich wohl einen Furor, wie er vor fast zehn Jahren ausbrach, als die dänische Tageszeitung Jyllands-Posten Mohammed-Karikaturen abdruckte. Damals zogen weltweit Tausende Muslime zu Protesten auf die Straße, bei denen mehr als 150 Menschen ums Leben kamen. Doch von solchen Reaktionen ist in den muslimischen Ländern am Tag nach der Bluttat nichts zu spüren.

Frankreichs Politik sucht Wege nach dem Terror

Bricht Frankreich auseinander?

Präsident François Hollande setzt auf die Karte nationale Einheit. Schon kurz nach dem blutigen Attentat rief er die Franzosen auf, in dieser Zeit zusammenzustehen. Unterstützung hat der 60-Jährige bitter nötig. Hollande ist bei den Franzosen unbeliebt wie kein Staatschef vor ihm in der Nachkriegszeit. Im lange verkrusteten Frankreich sind seine Reformen umstritten, vielen gehen sie auch nicht weit genug. Nach dem Mordanschlag setzt Hollande auf parteiübergreifende Absprachen. Am Mordtag empfing er die Spitzen der in Frankreich relevanten Religionen, zudem lud er seine politischen Gegner zu Gesprächen in den Élyséepalast ein. Unklar bleibt, ob sein Ziel verfängt.

Bekommt der Staatschef Unterstützung der Opposition?

Nicolas Sarkozy, Vorgänger auf dem Präsidentenposten, ist in seiner Reinkarnation als Chef der konservativen UMP wichtigster Widersacher Hollandes. Der 59-Jährige, dessen Streben nach einem Wiedereinzug in den Präsidentenpalast in Frankreich als ausgemachte Sache gilt, präsentierte sich staatstragend. Es sei seine Pflicht gewesen, auf die Einladung in den Élysée zu reagieren. Er habe damit ein Klima der nationalen Einheit bezeugen wollen, sagte Sarkozy. Bei Forderungen nach verbessertem Terrorschutz setzt der UMP-Chef nach eigenen Worten nicht auf einen Gegensatz von Rechts oder Links. Er sieht einen besseren Schutz des Landes im Mittelpunkt.

Wie ist die Lage für Muslime und Ausländer im Land?

Die Integration von Ausländern, das Nebeneinander der Ethnien ist ein heißes Eisen in Frankreich. Das Verhältnis zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen gilt als angespannt wie lange nicht. In Frankreich leben nach Schätzungen bis zu fünf Millionen Muslime, viele von ihnen in den vernachlässigten Vorstädten. Dort ist fast die Hälfte der Menschen arbeitslos. Der Frust lässt junge Muslime nach Alternativen suchen. Angeblich haben sich etwa 1000 junge Franzosen der Terrormiliz Islamischer Staat angeschlossen.

Kann die Rechtsextreme auf Zulauf hoffen?

Die Chefin der rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, kann nicht nur auf eine Reihe von Erfolgen zurückblicken. Bei der Europawahl war die eurokritische FN sogar stärkste Kraft in Frankreich noch vor Konservativen und Sozialisten. Dabei setzt sie auch auf islam- und ausländerfeindliche Argumente. Der Anschlag von Paris und die Angst vor Gewalt von Islamisten könnte den Rechtsextremen weiter Auftrieb geben. Le Pen betonte als eine der ersten, islamische Fundamentalisten hätten den Anschlag verübt. Für den Fall ihrer Wahl zur Staatspräsidentin 2017 schlägt sie bereits noch schärfere Töne an: Sie will eine Abstimmung über die Wiedereinführung der Todesstrafe.

Anders als die Radikalen kritisieren Regierungen, Organisationen und viele Medien die Bluttat eindeutig. Ein „terroristisches Erdbeben“ nennt das ägyptische Blatt „Al-Shorouq“ den Anschlag auf seiner ersten Seite und druckt dazu im Blatt eine Karikatur von „Charlie Hebdo“, die den IS-Terroranführer Abu Bakr al-Bagdadi zeigt. Die einflussreiche arabische Tageszeitung „Al-Sharq al-Awsat“ spricht auf ihrer Titelseite von einem „Massaker“.

Auch etliche Regierungen wandten sich gegen die Attentate. „Es gibt keine Rechtfertigung für diese brutale Tat“, erklärte Afghanistans Präsident Aschraf Ghani. Das türkische Staatsoberhaupt Recep Tayyip Erdogan rief zum Zusammenhalt auf, um zu „zeigen, dass der Terrorismus in Paris und der Hass und die Diskriminierung, die er gegen unsere Religion und Kultur hervorgerufen hat, nicht toleriert werden“. In Indonesien verurteilte der Rat muslimischer Prediger (MUI) den Anschlag. „Das verstößt gegen humanitäre Werte und die islamische Lehre“, sagte MUI-Sprecher Muhyidin Junaidi.

Westliche Schmähungen und muslimische Proteste

Viele Tote

Unruhen nach vermeintlichen Schändungen des Korans oder Schmähungen des Propheten Mohammed haben schon viele Menschen das Leben gekostet. Aufsehenerregende Fälle in der Übersicht.
Quelle: dpa

September 2012

Ein in den USA produziertes Schmäh-Video über Mohammed löst einen Proteststurm in der muslimischen Welt aus. Demonstranten attackieren US-Vertretungen in mehreren Ländern, im Sudan auch die deutsche Botschaft. Als Reaktion veröffentlicht das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ Mohammed-Karikaturen, die den Propheten nackt oder als Unruhestifter zeigen.

Februar 2012

Soldaten der US-Basis Bagram in Afghanistan bringen Koran-Ausgaben versehentlich zur Entsorgung in eine Verbrennungsanlage. Im Land sind Ausschreitungen mit vielen Toten die Folge.

April 2011

In Afghanistan kommt es zu blutigen Protesten gegen eine Koranverbrennung durch den radikalen US-Prediger Terry Jones. Mehr als 20 Menschen sterben, darunter 7 Uno-Mitarbeiter. Schon 2010 hatten Pläne des Pastors, am Jahrestag der Anschläge vom 11. September Koran-Ausgaben zu verbrennen, weltweit Empörung ausgelöst. Die Aktion war im letzten Moment gestoppt worden.

September 2005

Verheerende Folgen hat die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“. Als andere Medien sie nachdrucken, zünden Demonstranten im Februar 2006 unter anderem in Syrien und im Libanon dänische Vertretungen an. Bei Protesten in mehreren Ländern sterben mehr als 150 Menschen.

Frühjahr 2005

Ein Bericht des US-Magazins „Newsweek“ über die angebliche Schändung des Korans im Gefangenenlager Guantánamo löst antiamerikanische Proteste aus. Bei Unruhen werden in Afghanistan und Pakistan 17 Menschen getötet. Kurz darauf räumt das US-Militär ein, Soldaten hätten den Koran in einigen Fällen respektlos behandelt.

November 2004

Der niederländische Islamkritiker Theo van Gogh wird in Amsterdam wegen seines Films über die Unterdrückung der Frauen im Islam von einem muslimischen Extremisten ermordet. Der Täter wird zu lebenslanger Haft verurteilt.

Unter den Kritikern der Bluttat sind auch Länder und Parteien, denen immer wieder ihre ideologische Nähe zum Dschihadismus vorgeworfen wird – dazu gehören Katar und Saudi-Arabien ebenso wie die islamistische Ennahda-Partei aus Tunesien, die sich „entsetzt und empört über diese feige und kriminelle Tat“ zeigte.

Mit Blick auf Unterstützer für radikale Gruppen in der Region hält „Al-Sharq Al-Awsat“, ein Blatt in saudischer Hand, den Muslimen sogar den Spiegel vor. Wer Terroristen und ihre Verbrechen verteidige, begehe selbst ein Verbrechen, schreibt ein Kommentator - eine klare Anspielung auf Rechtfertigungen für mörderische Attentate, die in muslimischen Ländern immer wieder zu hören sind.

Auch im Netz formiert sich Widerstand, etwa bei Iyad el-Baghdadi, einem bekannten Aktivisten des arabischen Aufstands. „Das Töten von Unschuldigen im Namen des Islam ist für mich als Muslim viel, viel widerwärtiger als es irgendeine Karikatur jemals sein kann“, schreibt er auf Twitter – und wird damit fast 38.000 mal retweetet.

El-Baghdadi dürfte einer Meinung sein mit dem Karikaturisten Ahmed Giassa aus Kairo, der für mehrere ägyptische Medien zeichnet. „Terroristen sind keine Muslime“, sagt der 32-Jährige. „Sie töten und rufen dabei 'Allahu Akbar' – sie klauen also diesen Ruf uns echten Muslimen. Wir als Karikaturisten müssen dagegen anzeichnen, denn Worte allein können nicht beschreiben, was in Paris passiert ist.“

Seine nächste Karikatur hat Ahmed Giassa schon im Kopf: Dort konfrontiert ein Terrorist mit Gewehr einen Zeichner mit Stift. Doch die Lobformel „Bismillah“ („Im Namen Gottes“) steht über dem Zeichner, nicht über dem Terroristen – die Religion will Ahmed Giassa jedenfalls nicht den Extremisten überlassen.

Von

dpa

Kommentare (6)

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Herr Mike Maier

08.01.2015, 16:11 Uhr

Taqiyya in Reinform, um weiterhin von der europäischen Sozialindustrie durchgefüttert zu werden.

Account gelöscht!

08.01.2015, 16:21 Uhr

Wenn öffentliche Erklärungen von Islam-Funktionären zu vernehmen sind, stellt sich jedem unvoreingenommenen Zuhörer unwillkürlich die Frage, ob da wohl ehrlich gesprochen wird.
Das mag daran liegen, daß der Koran nach allgemeiner Interpretation eben jenes vorgeblich kritisierte Verhalten nicht nur vorschreibt, sondern befiehlt.
Zugleich wird Lüge sowie Heuchelei gegenüber allen sogenannten Ungläubigen zur Pflicht erhoben.
Was - bitte sehr - soll da noch glaubwürdig sein können?

Herr Ragin Allraun

08.01.2015, 16:26 Uhr

Es ist immer nur und immer wieder der Islam, als beißender Giftcocktail der zumeist unintelligente Menschen zu Waffen "programmiert" und speist.

Ob entführte Mädchen in Afrika, Massenexekutionen in Syrien und Irak, Bombenattentate in Pakistan, Afghanistan und Südostasien, als auch im Westen.

Immer nur der Islam.

Paris ist nur eine Zwischenstation in einer langen Kette widerwärtigen, moslemischen Terrorismustradition !

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