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03.10.2017

02:24 Uhr

Debatte um Schusswaffen

Amerika in Wut und Schock

VonAxel Postinett

Das Massaker von Las Vegas wirft erneut ein Schlaglicht auf die Waffengesetze in den USA. Und wenn die Waffenlobby ihren Willen bekommt, könnten solche Taten in Zukunft noch fürchterlicher ausfallen.

Massaker in texanischer Kirche

„Akt des Bösen“ – Erneutes Schusswaffen-Drama schockiert Amerika

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San FranciscoZwei hässliche Löcher gähnen in der verspiegelten Fassade des Mandala Bay Hotels am sogenannten „Strip“ in Las Vegas, wo die Luxushotels aufgereiht sind wie an einer Perlenkette. Ein 64-jähriger Mann hatte am Sonntag hinter den Fenstern offenbar Schnellfeuergewehre aufgebaut, nach Anbruch der Dunkelheit die Scheiben eingeschlagen und ist dann zwischen den beiden Fenstern hin und hergegangen und hat wahllos auf Besucher eines Country-Musik-Konzerts geschossen. Es wurde das schlimmste Massaker in der modernen Geschichte der USA mit bislang 59 bestätigten Toten und 527 Verletzten.

Und es hätte noch schlimmer kommen können: „Die Menschen sind geflohen, weil sie Schüsse gehört haben. Man stelle sich nur vor, wie viele Opfer es gegeben hätte, wenn der Schütze einen Schalldämpfer benutzt hätte, deren Verkauf die NRA legalisieren will.“

Hillary Clinton macht aus ihrer Wut keinen Hehl. Seit geraumer Zeit versucht die US-Waffenlobby NRA (National Rifle Association) den Verkauf von Schalldämpfern an jedermann zu legalisieren. Der Schütze, der in der Nacht zu Montag in Las Vegas mindesten 59 Menschen ermordet hat, wäre mit Schalldämpfer vermutlich noch länger unentdeckt geblieben als ohnehin schon. Die lauten Schüsse waren der erste Hinweis darauf, wo der Täter sich verborgen hielt. In Videos aus der Nacht ist trotz lauter Konzertmusik noch klar das unaufhörliche Belfern von automatischen Kriegswaffen zu hören.

Es ist wie ein eingespieltes Ritual nach jeder Massentötung durch Schusswaffen in den USA. Zunächst versichern Politiker, Kongress und Weißes Haus ihre Anteilnahme und dass sie für die Opfer und ihre Angehörigen beten, und dann scheiden sich die Geister. Demokratische Abgeordnete fordern eine Verschärfung der Waffengesetze, republikanische Abgeordnete warnen vor übereilten Handlungen.

Die Sprecherin des Weißen Hauses, Sarah Huckabee Sanders, erklärte am Montag, dies sei kein Tag um Waffengesetze zu diskutieren, sondern ein Tag der „Reflektion und der Trauer“. Und sie stellte auch zur Sicherheit gleich mit fest, dass US-Präsident Donald Trump ein „starker Verfechter des 2. Verfassungszusatzes“ sei. Dieser wird als Garantie für ein unbeschränktes Recht auf Waffenbesitz interpretiert. Der Waffenverband NRA war im Wahlkampf Trump-Unterstützer der ersten Stunde. Bis in den späten Montagnachmittag gab es keinerlei Stellungnahme des Verbands zum Massaker in der Casinostadt. Nevada hat eines der laxesten Waffengesetze in den USA.

Der Abgeordnete Seth Moulton hält hingegen wenig von „Reflektion und Trauer“. Er werde nicht an einer Schweigeminute im Kongress teilnehmen, twitterte er, weil sie nur zu einer Ausrede für Inaktivität verkommen sei.

Aktivität gibt es nur auf der Seite der Waffenbefürworter. Noch diese Woche hätte über die Freigabe der Schalldämpfer im Kongress beraten werden sollen. Doch ob die Gesetzesvorlage, unterstützt vom republikanischen Abgeordneten Jeff Duncan, nach den furchtbaren Ereignissen von Sonntag tatsächlich kommt, ist jetzt ungewiss.

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Duncan hatte argumentiert, Schalldämpfer wären nötig, damit Jäger keine Gehörschäden bei der Ausübung ihres Hobbies erleiden. Kritiker dagegen verweisen seit Montag umso mehr auf die potenziell verheerenden Auswirkungen von Schalldämpfern. Dies gilt vor allem für Handfeuerwaffen, deren Schussgeräusch so auf ein „Plopp“ reduziert werden. Automatische Sturmgewehre, wie in Las Vegas benutzt, werden mit Schalldämpfern zwar leiser, aber nicht völlig unhörbar. Scharf kritisiert wird zudem die geplante Aufhebung der Registrierungspflicht für Käufer von Schalldämpfern.

Im Laufe des Montags wurden immer mehr Details bekannt, die Fragen hinsichtlich der laxen Waffengesetze und der zögerlichen Haltung des US-Kongresses aufwerfen.

Bei der Durchsuchung des Fahrzeugs und des Hauses des Mörders fand die Polizei nach Auskunft von Bezirksscheriff Joseph Lombardo 18 Schusswaffen, „tausende Schuss Munition“ und Sprengsoff – neben den 16 Waffen und der Munition, die der 64-jährige US-Bürger, der sich selbst tötete als die Polizei ihn aufgespürt hatte, im Hotelzimmer im Mandala Bay gebunkert hatte.

Bislang geht die Polizei davon aus, dass alle Waffen legal erworben wurden. Ermittler tappen noch völlig im Dunklen, was das Motiv für die Tat gewesen ist. Und in Las Vegas stellen sich viele die Frage, wie der ehemalige Buchhalter unbemerkt mindestens zehn große Koffer voll mit Schnellfeuerwaffen und Munition auf sein Zimmer bringen konnte.

Und während Politiker und Angehörige noch den Rettungskräften und der Polizei für ihren heldenhaften Einsatz dankten, malen sich die Menschen mit Schaudern aus, was passiert, wenn nicht nur die Schalldämpfer Realität werden, sondern auch ein anderer Vorschlag der NRA: „Einen schlechten Menschen mit einer Waffe kann nur ein guter Mensch mit einer Waffe stoppen“, heißt es von Seiten der Lobbyisten. Sie plädieren dafür, dass jeder eine Waffe haben sollte.

Ein Alptraum für die Polizei, wenn sie sich in so einer Situation hunderten von verängstigten Menschen mit gezückten Waffen gegenübersieht. Alle im Wunsch das Feuer zu erwidern – auf jeden, der auch eine Waffe trägt.

Kommentare (13)

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Herr Andreas Kertscher

03.10.2017, 08:26 Uhr

1. Ein Schalldämpfer wäre lange vor Ende explodiert.
2. Lokalisiert wurde der Schütze durch das Mündungsfeuer, nicht die Geräusche. Menschen dachten zuerst an Feuerwerkskörper, wie Augenzeugen berichteten. Erst als Menschen umfielen, erkannte man, dass jemand schoss.
3. Auch in Europa passieren Attentate mit Waffen und anderen Mitteln, obwohl sie dort verboten sind. Eine Bombe hätte wahrscheinlich noch mehr Tote gebracht.
4. Es wird nie erwähnt, wie viele Verbrechen verhindert werden, weil Mitmenschen bewaffnet sein könnten und potentielle Täter abgeschreckt werden.

Herr Holger Narrog

03.10.2017, 08:32 Uhr

Bei der Diskussion um private Schusswaffen geht es um die Freiheit des Bürgers.
In freien Ländern wie die Schweiz ist der Waffenbesitz sehr frei, sprich in der Schweiz können die Wehrpflichtigen ihr Sturmgewehr nach der Dienstzeit als Halbautomat nach Hause mitnehmen. Sozialistische Staaten haben in der Regel Angst vor ihren Bürgern und beschränken das Recht auf privaten Waffenbesitz.

Terroranschläge und Amokläufe werden in den Ländern mit freiem Waffenbesitz meist mit der Schusswaffe begangen. In sozialistischen Staaten sind LKW in Mode. Mit beiden Methoden lassen sich leider ähnlich viele Menschen umbringen.

Herr Claudio Crameri

03.10.2017, 09:29 Uhr

Nicht Waffen bringen Menschen um sondern Menschen bringen Menschen um.

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