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17.09.2013

11:30 Uhr

Defizit

Frankreich bestätigt Rekordverschuldung

Die französische Regierung rechnet für 2014 trotz Sparbemühungen mit einem neuen Schuldenrekord. Finanzminister Moscovici bestätigte einen Zeitungsbericht, der von Gesamtschulden in Höhe von 1,95 Billionen Euro spricht.

Frankreichs Finanzminister Pierre Moscovici: „Vorgängerregierungen sind für die Entwicklung verantwortlich.“ ap

Frankreichs Finanzminister Pierre Moscovici: „Vorgängerregierungen sind für die Entwicklung verantwortlich.“

ParisFrankreichs Finanzminister Pierre Moscovici hat eingeräumt, dass sein Land auf eine Rekordverschuldung zusteuert. „Die Verschuldung wird einen Höchststand erreichen und dann abnehmen“, sagte Moscovici am Dienstag dem Sender France 2. Zuvor hatte die Tageszeitung „Le Figaro“ berichtet, Frankreichs Staatsverschuldung werde bis Ende 2014 auf 1,95 Billionen Euro und damit auf 95,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts anwachsen – nach 90,2 Prozent Ende 2012.

Die Zeitung beruft sich auf die Haushaltspläne der Regierung für kommendes Jahr, die am 25. September vorgestellt werden. Als Zielwert für 2014 waren noch in diesem Frühjahr 94,3 Prozent vorgeben worden. Laut EU-Regeln sollte die Staatsverschuldung eigentlich 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nicht übersteigen.

Woran Frankreich krankt

Wettbewerbsfähigkeit

In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

Arbeitslosigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

Staatsverschuldung

Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2012 lag die Defizitquote weiterhin deutlich oberhalb von 3 Prozent, und auch für das Jahr 2013 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

Private Verschuldung

Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Verlust von Weltmarktanteilen

Große Probleme bestehen im externen Sektor. Der überdurchschnittlich starke Verlust von Weltmarktanteilen ist in Kombination mit trendmäßig steigenden Leistungsbilanzdefiziten besorgniserregend. Dies dürfte nicht allein auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein; diese hatte sich zwischen 2000 und 2008 permanent verschlechtert, verbesserte sich seitdem aber. Insbesondere Frankreichs Exportwirtschaft ist es nicht gelungen, vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer zu profitieren, sondern sie hängt nach wie vor von den Märkten im Euroraum ab.

Nach Berechnungen des „Figaro“ entspricht der für 2014 eingeplante Wert einer Pro-Kopf-Staatsverschuldung von rund 30.000 Euro je Einwohner. In Deutschland lag die Pro-Kopf-Verschuldung 2012 bei rund 25.000 Euro, die Schuldenquote bei rund 82 Prozent des BIP.

Moscovici widersprach den Zahlen nicht. Der sozialistische Finanzminister machte auf France 2 aber die konservativen Vorgängerregierungen für die Entwicklung verantwortlich. In zehn Jahren sei die Staatsverschuldung von 60 Prozent des BIP auf mehr als 90 Prozent des BIP angewachsen, sagte Moscovici.

Die Verschuldung sei keine Gefahr, weil die Regierung das strukturelle Defizit durch Reformen drücke. Die schlechten Zahlen sind demnach auf das schwache Wirtschaftswachstum, aber auch auf den französischen Beitrag zu den Euro-Rettungsplänen zurückzuführen. Experten verweisen allerdings immer wieder darauf, dass Frankreich bislang zu wenig getan habe, um die Wettbewerbsfähigkeit seiner Wirtschaft zu erhöhen.

Kommentare (22)

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Ludwig500

17.09.2013, 11:48 Uhr

Das sind ja ziemlich suboptimale Nachrichten vom zweiten Stützpfeiler der Euro-Zone. Aber ich lasse mich nicht irritieren. Ich schliesse meine Augen vor der Realität und vertraue den europäischen Politikexperten. Die Eurozone ist auf einem guten Weg.

So beschränkt müssen alle denken, die am Sonntag die Systemparteien wählen oder RTL-glotzend zuhause bleiben. Ich schere aus dem Lemmingsrudel aus und wähle AfD.

Ludwig500

17.09.2013, 11:51 Uhr

"Die Verschuldung wird einen Höchststand erreichen und dann abnehmen"

Das klingt wie: Jetzt erst mal drei Stücke Sahnetorte, aber ab morgen wird abgenommen.

Account gelöscht!

17.09.2013, 11:57 Uhr

Wer jetzt nicht AfD wählt, dem ist nicht mehr zu helfen und seinem Geld auch nicht mehr!

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