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04.04.2014

13:49 Uhr

Defizitabbau

Frankreich hinkt Euro-Zone hinterher

Frankreich schreibt gute Wirtschaftszahlen, hinkt der Euro-Zone aber hinterher. Kritiker werfen der Regierung vor, zu wenige Reformen vorangetrieben zu haben. Es droht ein Streit um den laxen Schuldenabbau des Landes.

Frankreichs Wirtschaft ist wieder auf dem Vormarsch, i m Vergleich mit anderen europäischen Ländern in der Eurozone bleibt das Land aber zurück. dpa

Frankreichs Wirtschaft ist wieder auf dem Vormarsch, im Vergleich mit anderen europäischen Ländern in der Eurozone bleibt das Land aber zurück.

Paris/BerlinDie französische Wirtschaft hinkt der Euro-Zone hinterher. Die Konjunktur von Deutschlands wichtigstem Handelspartner legte nach Schätzung des Statistikamts Insee im ersten Quartal nur um 0,1 Prozent zu. Denn die Verbraucher hätten sich mit ihren Ausgaben zurückgehalten.

Die Statistiker gehen davon aus, dass Frankreich erst im zweiten Quartal mit plus 0,3 Prozent das Wachstumstempo vom Euro-Raum erreicht. Manche Ökonomen hingegen sind deutlich pessimistischer und erwarten vorerst keine Initialzündung. „Wir sind immer noch sehr skeptisch, was die Konjunktur angeht und die nötigen Strukturreformen“, sagte Marco Wagner von der Commerzbank am Freitag. „Ich glaube nicht, dass es jetzt mit der neuen Regierung einen Ruck gibt.“ Die Bundesregierung erwartet allerdings, dass Frankreich die EU-Vorgaben für den Defizitabbau einhält.

Woran Frankreich krankt

Wettbewerbsfähigkeit

In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

Arbeitslosigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

Staatsverschuldung

Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2012 lag die Defizitquote weiterhin deutlich oberhalb von 3 Prozent, und auch für das Jahr 2013 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

Private Verschuldung

Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Verlust von Weltmarktanteilen

Große Probleme bestehen im externen Sektor. Der überdurchschnittlich starke Verlust von Weltmarktanteilen ist in Kombination mit trendmäßig steigenden Leistungsbilanzdefiziten besorgniserregend. Dies dürfte nicht allein auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein; diese hatte sich zwischen 2000 und 2008 permanent verschlechtert, verbesserte sich seitdem aber. Insbesondere Frankreichs Exportwirtschaft ist es nicht gelungen, vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer zu profitieren, sondern sie hängt nach wie vor von den Märkten im Euroraum ab.

Der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, hat sich hingegen dafür ausgesprochen, Frankreich mehr Zeit für die Senkung seines Haushaltsdefizits zu geben. Es sei einerseits wichtig, dass die Regeln des Stabilitätspaktes respektiert würden, sagte der Spitzenkandidat der europäischen Sozialisten am Freitag im französischen Fernsehsender BMF-TV. Es sei andererseits wichtig, auf die spezifischen Möglichkeiten der Mitgliedstaaten zu schauen, die Vorgaben umsetzen zu können. Die EU müsse deshalb respektieren, wenn Frankreich für Reformen mehr als drei Jahre benötige. Auf die Nachfrage, ob er Frankreich damit mehr Zeit zur Senkung seines Defizitziels geben wolle, sagte Schulz: „Wenn es nötig ist, ja.“

Wagner traut der französischen Wirtschaft im ersten Quartal nur eine Stagnation zu und für das laufende Vierteljahr nur ein Mini-Wachstum von 0,1 Prozent. Kritiker werfen Präsident Francois Hollande vor, er habe zu wenig Reformen vorangetrieben. Nach der Schlappe bei der Kommunalwahl krempelte der Sozialist die Regierung umfassend um. Frankreich befindet ist nach Ansicht von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in einer schwierigen innenpolitischen Situation.

Kommentare (4)

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04.04.2014, 15:24 Uhr

"Es droht ein Streit um den laxen Schuldenabbau des Landes"
Welcher Schuldenabbau?

Account gelöscht!

04.04.2014, 15:57 Uhr

Deutschland ist gerade dabei, den französischen Weg zu beschreiten: Mit hohen Mindestlöhnen, starkem Staat, staatlichen Eingriffen beim Wohnungsmarkt und zuletzt hohen Tarifabschlüssen im Öffentlichen Dienst. Was die Sozialisten in Frankreich können, können wir doch schon lange.

Account gelöscht!

04.04.2014, 16:18 Uhr

Zitat : Frankreich schreibt gute Wirtschaftszahlen

- und hat fast 5 % Defizit. Wie passt es denn zusammen ?

Erst nachdenken, dann schreiben !

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