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16.01.2014

11:29 Uhr

Demografie

Griechenlands wahre Zeitbombe

VonGerd Höhler

Die Überschuldung ist Griechenlands schwerste Hypothek. Doch das Land hat ein noch viel größeres Problem: Junge Akademiker verlassen Griechenland, Kinderkriegen ist ein Luxus. Die Krisennation vergreist.

In der EU insgesamt altert die Bevölkerung. Aber in wenigen Staaten altert sie so schnell wie in Griechenland. Getty Images

In der EU insgesamt altert die Bevölkerung. Aber in wenigen Staaten altert sie so schnell wie in Griechenland.

AthenBei den „alten Griechen“ fallen einem Perikles und Plato ein. Man könnte aber auch an Giannis und Maria denken, die heutigen Hellenen. Die Überschuldung gilt als schwerste Hypothek Griechenlands. Aber viel gefährlicher ist eine andere Zeitbombe: Die Krisennation vergreist. Immer weniger Erwerbstätige müssen für immer mehr Rentner aufkommen. Griechenland wird zum Altersheim Europas. Den Sozialsystemen droht der Zusammenbruch. Und die Schulden werden unbezahlbar.

In der EU insgesamt altert die Bevölkerung. Aber in wenigen Staaten altert sie so schnell wie in Griechenland. Die Krise verstärkt diesen Trend. Kinderkriegen ist ein Luxus, den sich nur noch wenige griechische Familien leisten können. Eine Schlagzeile der Zeitung „Eleftherotypia“: „Die Troika frisst unsere Kinder!“ Aber es fehlt nicht nur am Nachwuchs. Immer mehr junge Griechen verlassen ihre Heimat, weil sie dort keine Zukunft für sich sehen. Während es in den 1960er Jahren vor allem ungelernte Griechen aus dem armen Norden des Landes waren, die in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern Arbeit suchten, erlebt Griechenland jetzt einen Exodus seiner besten Talente. 150.000 griechische Hochschulabsolventen sind in den vergangenen fünf Jahren ausgewandert. In einer repräsentativen Umfrage des Instituts Kapa Research vom Dezember 2013 sagten 56 Prozent der Befragten, sie würden Griechenland verlassen, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten. 46 Prozent erklärten, bereits konkret über eine Auswanderung nachgedacht zu haben. Der brutale Sparkurs, den die Regierung auf Druck der internationalen Gläubiger steuern muss, lässt das Land ausbluten.

Krisenländer im Check

Portugal

- LICHT: Das Land steckt in der tiefsten Rezession seit den 1970er-Jahren. Doch der Abwärtsstrudel verliert an Stärke: Die Arbeitslosenquote sank im Mai und im Juni, das Geschäftsklima hellte sich sieben Monate in Folge auf. Die gesamte Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal überraschend um 1,1 Prozent, es war das erste Plus seit rund zweieinhalb Jahren.

- SCHATTEN: Die jüngste Regierungskrise hat Investoren verunsichert und Zweifel geschürt, dass sich Portugal ab Mitte 2014 wieder vollständig über den Finanzmarkt finanzieren kann. Nur ein Rettungspaket über 78 Milliarden Euro bewahrte das Land vor der Staatspleite.

Zypern

- LICHT: Die Troika aus Europäischer Zentralbank, EU-Kommission und Internationalem Währungsfonds hat dem Euro-Land jüngst Fortschritte bei der Sanierung seines Staatshaushalts bescheinigt. Die internationalen Geldgeber müssen Zypern mit insgesamt rund zehn Milliarden Euro vor der Staatspleite retten.

- SCHATTEN: Wegen des harten Sparkurses als Gegenleistung für das Rettungspaket steht Zypern konjunkturell noch ein tiefes Tal bevor. Die Arbeitslosenquote stieg zuletzt stetig auf gut 17 Prozent – dies ist hinter Griechenland, Spanien, und Portugal der höchste Wert in der EU. Im zweiten Quartal schrumpfte die Wirtschaft um 1,4 Prozent. Für das Gesamtjahr 2013 sagt die EU-Kommission ein Minus von 8,7 Prozent voraus.

Irland

- LICHT: Die Immobilienkrise, die das Land in den Abgrund getrieben hat, nähert sich ihrem Ende. Die Hauspreise stiegen im Juni erstmals seit Ausbruch der Misere wieder, und zwar um durchschnittlich 1,2 Prozent zum Vorjahresmonat. Sie waren seit 2008 um rund 50 Prozent eingebrochen. Dadurch erlitten die Banken des Landes milliardenschwere Verluste. Sie mussten mit Steuergeldern gerettet werden, was wiederum den Staat an den Rand der Pleite trieb. Da die Regierung zahlreiche Reformen umgesetzt hat, hob die Rating-Agentur S&P ihren Ausblick für die Kreditwürdigkeit des Landes von „stabil“ auf „positiv“ an.

- SCHATTEN: Die Konjunktur läuft schlechter als erwartet, die Wirtschaft schrumpfte zuletzt drei Quartale in Folge. Die Notenbank senkte deshalb ihre Wachstumsprognose für 2013 von 1,2 auf 0,7 Prozent. Damit wird es auch schwerer, das Defizit wie geplant auf 7,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu drücken.


Frankreich

- LICHT: Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone galt zuletzt als Sorgenkind. Nun verließ das Land aber die Rezession – und das mit deutlich mehr Schwung als erwartet. Im zweiten Quartal stieg das Bruttoinlandsprodukt um 0,5 Prozent und damit mehr als doppelt so schnell wie erwartet.

- SCHATTEN: Die Lage bleibt fragil. Die Regierung in Paris hatte zuletzt nicht mehr ausgeschlossen, dass das Bruttoinlandsprodukt 2013 leicht schrumpft. Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen. Zudem hat die Regierung Mühe, den Haushalt in den Griff zu bekommen. Präsident François Hollande, dessen Popularität auf Tiefstwerte gerutscht ist, räumte kürzlich ein, Frankreich könnte sein Defizitziel von 3,7 Prozent der Wirtschaftskraft 2013 verfehlen. Der Internationale Währungsfonds legte Frankreich bereits nahe, aus Rücksicht auf die Konjunktur die Haushaltskonsolidierung abzubremsen.


Italien

- LICHT: Auch Italien hat ein Ende der Rezession vor Augen. Von April bis Juni schrumpfte die Wirtschaft zwar das achte Quartal in Folge, mit 0,2 Prozent aber nur halb so stark wie befürchtet. Zuletzt mehrten sich die Hinweise darauf, dass Italien der Dauer-Rezession in den Sommermonaten entkommen kann: Die Produktion im verarbeitenden Gewerbe wuchs im Juni mit 0,3 Prozent den zweiten Monat in Folge, der Einkaufsmanager-Index für die Industrie stieg im Juli auf den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahren, der Einzelhandelsumsatz legte nach 14-monatiger Pause zuletzt wieder zu. Und auch die Kauflaune der Verbraucher besserte sich.

- SCHATTEN: Die schwache Konjunktur gefährdet die Sanierung des Haushalts. Im Juli lag das Defizit bei fast neun Milliarden Euro. Italien ist damit weit davon entfernt, die Neuverschuldung unter die EU-Obergrenze von drei Prozent der Wirtschaftskraft zu drücken. Gefährdet wird die Erholung auch von politischer Instabilität. Die Koalition von Silvio Berlusconis Partei Volk der Freiheit und der linken Demokratischen Partei hing zuletzt am seidenen Faden. Mit Warnungen vor einem Bürgerkrieg und Rücktrittsforderungen von Ministern und Abgeordneten machte das rechte Lager gegen die Verurteilung Berlusconis Front, der vom Obersten Gerichtshof zu vier Jahren Haft wegen Steuerhinterziehung verdonnert worden war.

Spanien

- LICHT: Das Land nähert sich dem Ende der Dauer-Rezession. Im zweiten Quartal schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt mit 0,1 Prozent nur noch minimal. Für die zweite Jahreshälfte wird wieder ein leichtes Wachstum erwartet. Die Zahl der Arbeitslosen fiel im Juli den fünften Monat in Folge – um knapp 65.000 auf 4,7 Millionen. Hauptgrund dafür ist der Aufwind der Tourismusindustrie, die in der Ferienzeit viele zusätzliche Mitarbeiter benötigt. Die Branche macht etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Auch einige Banken lassen die Krise nach der geplatzten Immobilienblase allmählich hinter sich. Branchenprimus Santander steigerte seinen Überschuss im ersten Halbjahr um 29 Prozent auf 2,25 Milliarden Euro.

- SCHATTEN: Die Industrie kommt nicht auf die Beine. Die Unternehmen drosselten ihre Produktion im Juni bereits den 22. Monat in Folge. Der Rückgang zum Vorjahresmonat fiel mit 1,9 Prozent sogar deutlicher aus als erwartet. Sorgen bereitet zudem das hohe Defizit. Der Staat musste bereits mehrfach den Reservefonds der Sozialversicherung anzapfen, um Pensionszahlungen leisten zu können. Spanien leidet immer noch unter den Folgen des 2008 geplatzten Immobilienbooms. Offiziellen Angaben zufolge sind die Grundstückpreise seit ihrem Höhepunkt 2007 um 43 Prozent eingebrochen. Immobilienexperten gehen sogar von einem Minus von mindestens 70 Prozent aus. Banken mussten deshalb milliardenschwere Abschreibungen vornehmen. Das Geld fehlt nun, um es in Form von Krediten an Unternehmen zu vergeben.

Griechenland

- LICHT: Der Tourismus brummt wieder. In diesem Jahr werden 17 Millionen Urlauber erwartet und damit so viele wie noch nie. Die Branche rechnet mit einem Umsatzplus von zehn Prozent auf elf Milliarden Euro. Der Tourismus macht etwa 17 Prozent der Wirtschaftsleistung aus; jeder fünfte Grieche arbeitet in dieser Branche. Auch bei der Sanierung der Staatsfinanzen kommt das Land langsam voran. Der Primärhaushalt – bei dem die Zinskosten nicht berücksichtigt werden – wies in den ersten sieben Monaten völlig unerwartet einen Überschuss von 2,6 Milliarden Euro aus.

- SCHATTEN: Die Wirtschaft schrumpfte im zweiten Quartal mit 4,6 Prozent so langsam wie seit fast zwei Jahren nicht mehr. Doch das reicht längst nicht aus, um neue Jobs zu schaffen. Die Arbeitslosenquote liegt derzeit mit 27,4 Prozent sehr hoch. Die Zentralbank geht davon aus, dass sie noch bis auf 28 Prozent steigen wird. Erst 2015 soll sie zurückgehen.

Nach Angaben der EU-Statistikbehörde Eurostat war 2012 in Griechenland die Zahl der Sterbefälle um 16.300 größer als die der Geburten. In der griechischen Migrationsbilanz ergab sich sogar ein Minus von 44.200. Der Altenquotient, der das Verhältnis der Anzahl älterer, nicht mehr erwerbstätiger Menschen zur Anzahl der erwerbsfähigen Einwohner wiedergibt, liegt in Griechenland mit 29,9 Prozent deutlich über dem EU-Durchschnitt von 24,2 Prozent. Die hohe Arbeitslosenquote von 28 Prozent verschärft das Problem: Erwerbsfähig bedeutet eben nicht erwerbstätig. Für das Jahr 2050 prognostiziert Eurostat Griechenland einen Altenquotienten von 57,5 Prozent, gegenüber 50,2 Prozent in der EU.

Zwar haben Italien und Deutschland derzeit eine noch ungünstigere Altersstruktur. Aber Griechenland könnte in einigen Jahrzehnten noch schlechter dastehen – wegen der Krise. Die Geburtenrate ging seit 2008 um 15 Prozent zurück. Die Fertilitätsrate, die die Zahl der in einem Jahr geborenen Kinder auf 1000 Frauen im gebärfähigen Alter beziffert, lag 2013 bei 1,4. Damit rangierte Griechenland sogar noch hinter Deutschland und Italien. Um den Bevölkerungsstand zu halten, ist eine Quote von mindestens 2,1 erforderlich.

Kommentare (31)

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Account gelöscht!

16.01.2014, 11:44 Uhr

Hätten die Europa-Retter ihr Vorgehen mal zu Ende gedacht - dann wäre diese Entwicklung zu sehen gewesen. Aber unserer Politiker denken ja nur in Legislaturperioden - was soll da schon bei rauskommen.

Account gelöscht!

16.01.2014, 11:44 Uhr

Griechenland stirbt mit dem Euro. Aber Hauptsache, das "politische Projekt" der EUliten krepiert nicht. Es werden die Verantwortlichen des Euro noch zur Verantwortung gezogen werden!

selbstzensiert

16.01.2014, 11:56 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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