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16.07.2012

15:55 Uhr

Demonstrationen in Japan

Tausende protestieren in Tokio gegen Atomkraft

VonMartin Kölling

Für die japanische Regierung ist der Wiedereinstieg in die Atomkraft im nationalen Interesse. Das wollen die Bürger jedoch so nicht hinnehmen. Und gehen zu Tausenden auf die Straße.

Mehr als 100.000 Menschen gehen in Tokio auf die Straße, um gegen die Atompolitik Japans zu demonstrieren. dpa

Mehr als 100.000 Menschen gehen in Tokio auf die Straße, um gegen die Atompolitik Japans zu demonstrieren.

TokioEin so große Demonstration hat Japan noch nicht gesehen. Zigtausende waren heute dem Ruf des Literaturnobelpreisträgers Kenzaburo Oe und anderer prominenter Künstler gefolgt, um in Japans Hauptstadt Tokio gegen Atomkraft zu demonstrieren. „Stoppt die Atomkraft“, „Gebt uns Fukushima zurück“, skandierten die Demonstranten.

Die Angaben über die Teilnehmerzahlen klafften zwar weit auseinander. 170.000 Teilnehmer meldeten die Veranstalter, 75.000 zählte die Polizei. Doch selbst die konservative Schätzung der Polizei macht klar: Japans Anti-Atomkraftbewegung schwillt von Woche zu Woche an. Die einst so zahmen Japaner entdecken 40 Jahre nach den blutigen Ausschreitung der 1960er und 70er Jahre die Macht der Straße wieder.

Als im März 2011 in Fukushima die Atomkatastrophe ihren Lauf nahm, begehrten erst zwei Wochen später wenige hundert Menschen öffentlich auf. Im fernen Deutschland gingen damals 250.000 Menschen gegen die Atomkraft auf die Straße. Doch seit vor drei Monaten wöchentliche Züge direkt vor das Amt des Ministerpräsidenten begonnen haben, um gegen die Wiedereinschaltung von Atomreaktoren zu demonstrieren, hat die Unmut alle Dämme gebrochen.

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Zur ersten Freitags-Demo am 29. März kamen nur 300 Aktivisten. Als Ministerpräsidenten Yoshihiko Noda dann im Juni den Befehl gab, die ersten zwei Meiler seit der Atomkatastrophe neu zu starten, lärmten direkt vor seiner Haustür nach Polizeiangaben 17.000 Menschen. Eine Bannmeile gibt es nicht. Zur 16. Demonstration am vorigen Freitag waren es nach Medienangaben 21.000 Demonstranten.

An diesem Montag, einem nationalen Feiertag, ist die Entrüstung noch größer. „Ich fühle mich von der Regierung beleidigt, die nach dem Atomunglück das Atomkraftwerk in Oi wieder aktiviert hat“, ruft Literaturnobelpreisträger Oe ins Mikrofon. Und der Mitverantstalter Satoshi Kamata kritisierte die Regierung hart dafür, dem Neustart nur einen Tag nach der Übergabe von 7,5 Millionen Unterschriften gegen den Wiedereinstieg in die Atomkraft abgesegnet zu haben.

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Ministerpräsident Noda lässt die Kritik allerdings abperlen. Denn für ihn ist die Wiedereinschaltung einiger Reaktoren im nationalen Interesse. Er will damit Stromsperren in der zweitgrößten Industrieregion Japans vermeiden, die ohne Atomstrom drohen. Wie viele der 50 noch funktionsfähigen Meiler wieder ans Netz gehen sollen, will er allerdings erst diesen Monat in Japans neuer Energiestrategie dem Volk erklären.

Doch die Mehrheit der Japaner fordert Meinungsumfragen zufolge zumindest einen schrittweisen, viele sogar einen sofortigen Ausstieg. Noch verlaufen die Proteste friedlich. Doch der langjährige Atomkraftkritiker Mitsuhei Mirata, einst Botschafter in der Schweiz, warnt: „Ich kann mir auch vorstellen, dass es in der Zukunft zu gewalttätigen Protesten kommt.“

Kommentare (2)

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vandale

16.07.2012, 17:06 Uhr

In den 70er Jahren gab es in Japan sehr gewaltsame Proteste gegen den Flughafen Narita. Das ist demzufolge nicht neu.

Die Aussage des HB Artikels, dass die Japaner keine Kernenergie mehr mögen sollte man mit Vorsicht betrachten. Vielfach ist bei solchen Artikeln der links-ökologisch orientierte Deutsche Journalist Vater des Gedanken. Insofern wäre es interessant zu wissen welche Fragen gestellt wurden und inwieweit der HB Artikel die Ergebnisse der Studie korrekt verkürzt hat.

Im Sinne Japans sollte es sein, analog Schweden, analog USA und UK den Menschen mit sachgerechten Informationen einen Meinungsumschwung zu generieren.

Die Oekologen kommunizieren sehr effektiv, nehmen auf Fakten keinerlei Rücksicht und appellieren an die unbestimmte Aengste und überlassen es dem Zuschauer/Leser sich dies weiter auszumalen. In Deutschland konnte ich beispielsweise während des gesamten Fukushima Schwindels keinen Bericht eines "Qualitätsmediums" finden der von den Kenntnissen der Naturwissenschaft profitierte.

Das NEI in den USA agiert hier mit recht optimistischen, kommunikativ gut aufbereiteten Informationen. Schade ist lediglich, dass man den Klimaschwindel intensiv bemüht, was die Glaubwürdigkeit langfristig beschädigen kann.

Vandale

Account gelöscht!

17.07.2012, 18:07 Uhr

Ich habe die Demo im jap. TV gesehen. Die Polizei sprich von höchstens 70.000 Teilnehmern. Aber was sind schon 70.000 gegen 22 Mio. die im Großraum Tokyo leben. In Teilen Japans ist eine Hitzewelle. Die Menschen können die Klimaanlagen nicht oder nur zeitweise einschalten weil sonst das Stromnetz zusammen bricht. Es hat schon mehrere Tote gegeben. Und die Lösung des Problems kann doch nicht sein, dass die sich in ihre Autos setzen und da die Klimaanlage laufen lassen was nur bei laufenden Motor möglich ist.
Ansonsten stimme ich nahtlos mit vandale überein.

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